Wissenschaft aktuell
Nur etwas mehr Zeit
Geistige Leistungen nehmen im Alter nicht generell ab
Viele Menschen erhalten sich|
ihre Schaffenskraft bis ins hohe
Alter. Prominente Beispiele ge-| ben die„Zeit“-Herausgeberin| Dr. Marion Gräfin Dönhoff, die| Keramikerin Hedwig Bollhagen
oder auch der Biologe Prof. Dr. Günther Tembrock, der noch heute an der Berliner Urania viel besuchte Vorlesungen
über Verhaltensforschung hält.|
Auch der berühmte Physiker
Prof. Dr. Manfred von Ardenne war bis zu seinem Tod aktiv." Die biologische Uhr tickt je-|
doch unbarmherzig, die Dichte der grauen Zellen nimmt mit dem Alter ab. Bis vor einiger Zeit nahmen daher viele Psychologen und Neurowissenschaftler an, daß die geistige Leistungsfähigkeit in allen Be
reichen sinke. Ein weniger de-| solates Bild zeichnen die neue
ren Untersuchungen von Kognitionspsychologen wie Prof. Dr. Reinhold Kliegl, Dr. Ralf Krampe, Dr. Ulrich Mayr und Dr. Doris Philipp von der Universität Potsdam.
Krampe spezialisiert sich auf den Erhalt von Höchstleistungen:„Professionelle Klavierspieler zeigen beim Musizieren kaum Altersunterschiede, während sie bei anderen Tätigkeiten durchaus ihrem. Alter entsprechend langsamer‘sind“, sagt er. Offenbar bleiben virtuos beherrschte Fähigkeiten lange Zeit vom Alterungsprozeß verschont. Bei allen anderen Aufgaben läßt sich das Lebensalter nicht verleugnen. Schon Dreißigjährige reagieren langsamer als zehn Jahre. zuvor. Und nicht nur die Schnelligkeit nimmt ab, auch die„Denkfähigkeiten“ verändern sich.
Versuchsteilnehmer
Mit einfachen Rechenaufgaben, die unter Zeitdruck im Kopf zu erledigen sind, haben die Potsdamer Kognitionswissenschaftler nun einen Test entwickelt, der einige Unterschiede zwischen den älteren und den jüngeren Teilnehmern deutlich macht. Ihre Versuchsteilnehmer waren völlig gesunde, ältere
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Aktiv bis ins hohe Alter: Die Keramikerin Hedwig Bollhagen, der Tierstimmenforscher Prof. Dr. Günther Tembrock, die„ZEIT“-Herausgeberin Dr. Marion Gräfin Dönhoff sowie der Physiker Prof. Dr. Manfred von Ardenne(von links
nach rechts unten).
Menschen zwischen 65 und 80 Jahren sowie Studierende zwischen 20 und 25 Jahren. Mit Wortschatzmessungen stellten die Wissenschaftler sicher, daß das Bildungsniveau in beiden Grupppen vergleichbar ist. In einer willkürlich ausgewählten Stichprobe von älteren Menschen dürften die Unterschiede zu der jungen Teilnehmergruppe im Durchschnitt drastischer ausfallen, da viele alte Menschen an Krankheiten wie Alzheimer oder Durchblutungsstörungen im Gehirn leiden.
Das Arbeitsgedächtnis
Bei den Rechenaufgaben handelte es sich um Additionen und Substraktionen mit Zahlen zwischen Eins und Neun. Es gab zwei verschiedene Aufgabentypen: Ohne Klammern und mit
Fotos: Repro, Pressestelle HU Berlin, zg.
Klammern. Während sich die Aufgaben ohne Klammern einfach der Reihe nach lösen ließen, mußten sich die Versuchsteilnehmer bei den geklammerten Aufgaben Zwischenergebnisse merken. Die Aufgaben wurden einige Sekunden lang auf einem Bildschirm präsentiert. Das überraschende Ergebnis der Untersuchung: Bei den ungeklammerten Aufgaben gab es praktisch keinen Unterschied — bei den geklammerten Rechenaufgaben dagegen benötigten die Älteren nicht nur eine längere Präsentationszeit der Aufgabe, sondern erreichten auch nicht mehr die gleiche Ge
nauigkeit beim Lösen. Mit die-|
sem Versuchsaufbau haben Kliegl und Mayr gezeigt, daß bei älteren Menschen insbesondere das Arbeitsgedächtnis
schlechter wird. Während sie bei der seriellen Addition von Ziffern das Ergebnis ‚aus dem Schatz ihrer Erfahrung einfach abrufen, ist es bei den geklammerten Aufgaben nötig, verschiedene Zwischenergebnisse im Arbeitsgedächtnis zu behalten, mit denen weitergerechnet werden muß. Und dies ist für Ältere schwieriger.
Komplizierte Sätze
Auch das Sprachverständnis haben die Potsdamer Kognitionswissenschaftler getestet. Beim Erzählen von Geschichten und im Gespräch sind Ältere den Jüngeren oft überlegen. Generell bleibt das Sprachverständnis bei gesunden alten Menschen erhalten, und nur bei einem sehr komplizierten Satzbau benötigen Ältere mehr Zeit, um>