Heft 
(1.1.2019) 03
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Wissenschaft aktuell

Nur etwas mehr Zeit

Geistige Leistungen nehmen im Alter nicht generell ab

Viele Menschen erhalten sich|

ihre Schaffenskraft bis ins hohe

Alter. Prominente Beispiele ge-| ben dieZeit-Herausgeberin| Dr. Marion Gräfin Dönhoff, die| Keramikerin Hedwig Bollhagen

oder auch der Biologe Prof. Dr. Günther Tembrock, der noch heute an der Berliner Urania viel besuchte Vorlesungen

über Verhaltensforschung hält.|

Auch der berühmte Physiker

Prof. Dr. Manfred von Ardenne war bis zu seinem Tod aktiv." Die biologische Uhr tickt je-|

doch unbarmherzig, die Dichte der grauen Zellen nimmt mit dem Alter ab. Bis vor einiger Zeit nahmen daher viele Psy­chologen und Neurowissen­schaftler an, daß die geistige Leistungsfähigkeit in allen Be­

reichen sinke. Ein weniger de-| solates Bild zeichnen die neue­

ren Untersuchungen von Kog­nitionspsychologen wie Prof. Dr. Reinhold Kliegl, Dr. Ralf Krampe, Dr. Ulrich Mayr und Dr. Doris Philipp von der Uni­versität Potsdam.

Krampe spezialisiert sich auf den Erhalt von Höchstleistun­gen:Professionelle Klavier­spieler zeigen beim Musizieren kaum Altersunterschiede, wäh­rend sie bei anderen Tätigkei­ten durchaus ihrem. Alter ent­sprechend langsamersind, sagt er. Offenbar bleiben virtu­os beherrschte Fähigkeiten lan­ge Zeit vom Alterungsprozeß verschont. Bei allen anderen Aufgaben läßt sich das Lebens­alter nicht verleugnen. Schon Dreißigjährige reagieren lang­samer als zehn Jahre. zuvor. Und nicht nur die Schnelligkeit nimmt ab, auch dieDenk­fähigkeiten verändern sich.

Versuchsteilnehmer

Mit einfachen Rechenaufgaben, die unter Zeitdruck im Kopf zu erledigen sind, haben die Pots­damer Kognitionswissenschaft­ler nun einen Test entwickelt, der einige Unterschiede zwi­schen den älteren und den jün­geren Teilnehmern deutlich macht. Ihre Versuchsteilnehmer waren völlig gesunde, ältere

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Aktiv bis ins hohe Alter: Die Keramikerin Hedwig Bollhagen, der Tierstimmenforscher Prof. Dr. Günther Tembrock, dieZEIT-Herausgeberin Dr. Marion Gräfin Dönhoff sowie der Physiker Prof. Dr. Manfred von Ardenne(von links

nach rechts unten).

Menschen zwischen 65 und 80 Jahren sowie Studierende zwi­schen 20 und 25 Jahren. Mit Wortschatzmessungen stellten die Wissenschaftler sicher, daß das Bildungsniveau in beiden Grupppen vergleichbar ist. In einer willkürlich ausgewählten Stichprobe von älteren Men­schen dürften die Unterschiede zu der jungen Teilnehmer­gruppe im Durchschnitt drasti­scher ausfallen, da viele alte Menschen an Krankheiten wie Alzheimer oder Durchblutungs­störungen im Gehirn leiden.

Das Arbeitsgedächtnis

Bei den Rechenaufgaben han­delte es sich um Additionen und Substraktionen mit Zahlen zwi­schen Eins und Neun. Es gab zwei verschiedene Aufgaben­typen: Ohne Klammern und mit

Fotos: Repro, Pressestelle HU Berlin, zg.

Klammern. Während sich die Aufgaben ohne Klammern ein­fach der Reihe nach lösen lie­ßen, mußten sich die Versuchs­teilnehmer bei den geklammer­ten Aufgaben Zwischenergeb­nisse merken. Die Aufgaben wurden einige Sekunden lang auf einem Bildschirm präsen­tiert. Das überraschende Ergeb­nis der Untersuchung: Bei den ungeklammerten Aufgaben gab es praktisch keinen Unterschied bei den geklammerten Re­chenaufgaben dagegen benötig­ten die Älteren nicht nur eine längere Präsentationszeit der Aufgabe, sondern erreichten auch nicht mehr die gleiche Ge­

nauigkeit beim Lösen. Mit die-|

sem Versuchsaufbau haben Kliegl und Mayr gezeigt, daß bei älteren Menschen insbeson­dere das Arbeitsgedächtnis

schlechter wird. Während sie bei der seriellen Addition von Zif­fern das Ergebnis ‚aus dem Schatz ihrer Erfahrung einfach abrufen, ist es bei den geklam­merten Aufgaben nötig, ver­schiedene Zwischenergebnisse im Arbeitsgedächtnis zu behal­ten, mit denen weitergerechnet werden muß. Und dies ist für Ältere schwieriger.

Komplizierte Sätze

Auch das Sprachverständnis ha­ben die Potsdamer Kognitions­wissenschaftler getestet. Beim Erzählen von Geschichten und im Gespräch sind Ältere den Jüngeren oft überlegen. Gene­rell bleibt das Sprachverständnis bei gesunden alten Menschen erhalten, und nur bei einem sehr komplizierten Satzbau benöti­gen Ältere mehr Zeit, um>