Heft 
(1.1.2019) 03
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Wissenschaft aktuell

PUTZ 3/99

Grobe Schwänke, feiner Spott

Forschungen zur Lachkultur der Renaissance

Literatur geht durch den Kopf, aber ein guter Witz ergreift

auch den ganzen Körper: Wir|

halten uns den Bauch, lachen|

Tränen oder lachen uns gar tot. Solche Ausgelassenheit

ist ein flüchtiges Ereignis, die|

Reaktion auf die witzige Pas­sage wird nicht festgehalten. Wie sich die Lachkultur zwi­schen dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit verän­dert hat, untersucht der Ger­manistikprofessor Hans-Jürgen Bachorski von der Universität Potsdam. Sein Forschungspro­jekt ist eingebettet in den gro­

ßen, DFG-geförderten Sonder-|

forschungsbereichKulturen des Performativen unter Fe­derführung von Prof. Erika Fi­

scher-Lichte von der Freien|

Universität Berlin.

Die frühe Neuzeit zwischen|

1450 und 1650, auf die Bachorski zusammen mit sei­nem Kollegen Prof. Werner Röcke von der Humboldt-Uni­versität seine Aufmerksamkeit richtet, ist eine Zeit des. Um­bruchs: Die erstarrten Macht­strukturen geraten in Bewe­gung. Außerdem verbreitet sich

die Kunst des Schreibens. Bis­lang nur mündlich übertragene Geschichten werden zuneh­mend zu Papier gebracht. Wa­ren dem Lachen im Mittelalter sozusagen offizielle Inseln ein­geräumt(Weihnachten, Oster­montag, Karneval), so breitete sich das Gelächter in der Re­naissance überall aus.

Tod der Komik

Worüber und wie sehr die Leute lachten, erfahren Bachorski und seine Kollegen nicht nur aus Schwanksammlungen, Chroni­ken oder Bildern, sondern auch aus Ratserlassen und Protokol­len von Gerichtsverhandlungen. Während des Karnevals schlug

das Volk auf der Straße offenbar| häufig über die Stränge, so daß|

die Obrigkeit einschritt. Auch bei Theateraufführungen kam es gelegentlich zu Zwischenfäl­len, das Publikum stürmte auf die Bühne und griff in die Handlung ein. Im Volk erzähl­te man sich Witze beim Arbei­ten, auf dem Heuwagen oder im Wirtshaus. Viele Schwänke wur­

Manche dieser Geschichten

sind so grob, daß sie heute

nicht mehr komisch wirken.

Ein beliebtes Schema war die Diskrepanz zwischen der Wür­

| de eines Amtes und dem Ver­

halten. So konnte Till Eulen­

| spiegel als Pfarrdiener den | Pfarrer leicht dazu bringen, die

den in Klöstern gesammelt und|

archiviert und noch kaum zum Lesen genutzt.

Kirche zu schänden. Feiner.als

Selbst in einem Kardinal steckt oft ein Narr­Anonymus, Holzschnitt aus der staatlichen graphischen Sammlung, München

voll und oft agressiv, verzichte­

te aber auf die derben Gesten,

die Possen von Till Eulenspie-|

gel waren die Sprachspiele der Gebildeten, der Humanisten

an den Universitäten und der|

Hofleute. Ihr Spott war geist­

Fals nun Blenspiegel in dem Dorff ein Melner mwaz, da stund der Pfaff einsmals uor dem Flrar und rer sich an und wolr Mel haken. Da stund Ylenspiegel hin der ihn und richt er ihn sein Hemd zurecht, Da liel der PfakF ein grossen Fuurz, daz es uber die Hirchen erhalt. Da sprach Ylenspiegel:Herr, wie dem, pffern Jbr das unserm Herren für Weirauch hie vor dem Fllrar] Der Pfaff sprach: ‚Was fragst du darnach, ist dech die Kirche mein. Ich hab die Macht wol, das ich möcht mitren in die DBirchen scheissen. Ylenspiegel sprach:Das gelt Fuch und mir ein Thunne Bierl, ob Yhr das thun.Ja, sprach er,es gilr mol. Ynd die urmreren mireinander, und der Pfaff sprach:Meinst du nir, das ich so frisch sei] und kore sich umb und schis einen grossen Haufen in die Kirchen und sprach:Sich ber, Zusror, ich hab die Thunn Bierf gewmmen, Ylenspiegel sprach:Aein, Zyerr, wir wöllen vor messen, ob es mitren in der Birchen sei. Filso mal es Ylenspiegel, da feler es urir der Mirren in der Kirchen, Filso gewann Ylenspiegel die Dhunnen Bierl. Da ward die Kellerin aber zornig und sprach:Jhr wöllen des schalkbaffrigen Binechrs nir müssig gon, bil das er Luch in alle Schand bringt.

Quelle: Ein kurzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel, Hrsg. Wolfgang Lindow, Reklam-Verlag

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mit denen volkstümliche Er­zähler ihre Geschichten zu würzen pflegten. Die Witze über Kirche und Obrigkeit sollten die Reformation nicht überdauern.Die Reformati­on bedeutete das Ende der Komik sagt Bachorski. Die Protestanten trieben dem Volk das Lachen aus. Anhand von überlieferten Schwanksamm­lungen kann Bachorski diese These belegen. Reformierte Chronisten kastrierten die Komik; indem sie jeder Ge­schichte eine Moral aufstem­pelten.

Heute: kommt das:::Lachen überall vor, wir leben in einer Kultur der Albernheit, meint Bachorski. Ähnlich wie in der Renaissance scheinen sich alte Ordnungen aufzulösen, wäh­rend neue sich noch nicht eta­blieren konnten. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unter­schied: Inder: Renaissance machte sich das Volk über die Obrigkeit lustig, Witze unter­höhlten ihre Autorität. Heute werden die meisten Witze über die gemacht, die zu den Macht­losen zählen, über prollige Mantafahrer und_geistes­schwache Blondinen, während es über multinationale Konzer­ne keine populären Witze gibt. Das zerstörende Lachen, das die Macht verlacht, gibtes nicht mehr, stellt Bachorski fest. ar