Wissenschaft aktuell
PUTZ 3/99
Grobe Schwänke, feiner Spott
Forschungen zur Lachkultur der Renaissance
Literatur geht durch den Kopf, aber ein guter Witz ergreift
auch den ganzen Körper: Wir|
halten uns den Bauch, lachen|
Tränen oder lachen uns gar „tot“. Solche Ausgelassenheit
ist ein flüchtiges Ereignis, die|
Reaktion auf die witzige Passage wird nicht festgehalten. Wie sich die Lachkultur zwischen dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit verändert hat, untersucht der Germanistikprofessor Hans-Jürgen Bachorski von der Universität Potsdam. Sein Forschungsprojekt ist eingebettet in den gro
ßen, DFG-geförderten Sonder-|
forschungsbereich„Kulturen des Performativen” unter Federführung von Prof. Erika Fi
scher-Lichte von der Freien|
Universität Berlin.
Die frühe Neuzeit zwischen|
1450 und 1650, auf die Bachorski zusammen mit seinem Kollegen Prof. Werner Röcke von der Humboldt-Universität seine Aufmerksamkeit richtet, ist eine Zeit des. Umbruchs: Die erstarrten Machtstrukturen geraten in Bewegung. Außerdem verbreitet sich
die Kunst des Schreibens. Bislang nur mündlich übertragene Geschichten werden zunehmend zu Papier gebracht. Waren dem Lachen im Mittelalter sozusagen offizielle Inseln eingeräumt(Weihnachten, Ostermontag, Karneval), so breitete sich das Gelächter in der Renaissance überall aus.
Tod der Komik
Worüber und wie sehr die Leute lachten, erfahren Bachorski und seine Kollegen nicht nur aus Schwanksammlungen, Chroniken oder Bildern, sondern auch aus Ratserlassen und Protokollen von Gerichtsverhandlungen. Während des Karnevals schlug
das Volk auf der Straße offenbar| häufig über die Stränge, so daß|
die Obrigkeit einschritt. Auch bei Theateraufführungen kam es gelegentlich zu Zwischenfällen, das Publikum stürmte auf die Bühne und griff in die Handlung ein. Im Volk erzählte man sich Witze beim Arbeiten, auf dem Heuwagen oder im Wirtshaus. Viele Schwänke wur
Manche dieser Geschichten
sind so grob, daß sie heute
nicht mehr komisch wirken.
Ein beliebtes Schema war die Diskrepanz zwischen der Wür
| de eines Amtes und dem Ver
halten. So konnte Till Eulen
| spiegel als Pfarrdiener den | Pfarrer leicht dazu bringen, die
den in Klöstern gesammelt und|
archiviert und noch kaum zum Lesen genutzt.
Kirche zu schänden. Feiner.als
Selbst in einem Kardinal steckt oft ein Narr—Anonymus, Holzschnitt aus der staatlichen graphischen Sammlung, München
voll und oft agressiv, verzichte
te aber auf die derben Gesten,
die Possen von Till Eulenspie-|
gel waren die Sprachspiele der Gebildeten, der Humanisten
an den Universitäten und der|
Hofleute. Ihr Spott war geist
Fals nun Blenspiegel in dem Dorff ein Melner mwaz, da stund der Pfaff einsmals uor dem Flrar und rer sich an und wolr Mel haken. Da stund Ylenspiegel hin der ihn und richt er ihn sein Hemd zurecht, Da liel der PfakF ein grossen Fuurz, daz es uber die Hirchen erhalt. Da sprach Ylenspiegel:„Herr, wie dem, pffern Jbr das unserm Herren für Weirauch hie vor dem Fllrar]“ Der Pfaff sprach: ‚Was fragst du darnach, ist dech die Kirche mein. Ich hab die Macht wol, das ich möcht mitren in die DBirchen scheissen.‘ Ylenspiegel sprach:„Das gelt Fuch und mir ein Thunne Bierl, ob Yhr das thun.‘„Ja‘, sprach er,„es gilr mol.‘ Ynd die urmreren mireinander, und der Pfaff sprach:„Meinst du nir, das ich so frisch sei] und kore sich umb und schis einen grossen Haufen in die Kirchen und sprach:„Sich ber, Zusror, ich hab die Thunn Bierf gewmmen,‘ Ylenspiegel sprach:„Aein, Zyerr, wir wöllen vor messen, ob es mitren in der Birchen sei.“ Filso mal es Ylenspiegel, da feler es urir der Mirren in der Kirchen, Filso gewann Ylenspiegel die Dhunnen Bierl. Da ward die Kellerin aber zornig und sprach:„Jhr wöllen des schalkbaffrigen Binechrs nir müssig gon, bil das er Luch in alle Schand bringt.‘
Quelle: Ein kurzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel, Hrsg. Wolfgang Lindow, Reklam-Verlag
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mit denen volkstümliche Erzähler ihre Geschichten zu würzen pflegten. Die Witze über Kirche und Obrigkeit sollten die Reformation nicht überdauern.„Die Reformation bedeutete das Ende der Komik“ sagt Bachorski. Die Protestanten trieben dem Volk das Lachen aus. Anhand von überlieferten Schwanksammlungen kann Bachorski diese These belegen. Reformierte Chronisten kastrierten die Komik; indem sie jeder Geschichte eine Moral aufstempelten.
Heute: kommt‘ das:::Lachen überall vor, wir leben in einer Kultur der Albernheit, meint Bachorski. Ähnlich wie in der Renaissance scheinen sich alte Ordnungen aufzulösen, während neue sich noch nicht etablieren konnten. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied: In‘der: Renaissance machte sich das Volk über die Obrigkeit lustig, Witze unterhöhlten ihre Autorität. Heute werden die meisten Witze über die gemacht, die zu den Machtlosen zählen, über prollige Mantafahrer und_geistesschwache Blondinen, während es über multinationale Konzerne keine populären Witze gibt. „Das zerstörende Lachen, das die Macht verlacht, gibt“es nicht mehr“, stellt Bachorski fest. ar