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(1.1.2019) 03
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PUTZ 3/99

Informatik oder Computer Science

Antrittsvor!esung von Prof. Dr. Helmut Jürgensen

Den TitelInformatik oder Computer Science? Versuch einer Be­griffsbestimmung... oder auch nur ein Aspekt? gab Helmut Jürgensen, Professor für Informationsverarbeitung und Kommu­nikation am Institut für Informatik der Universität Potsdam, sei­ner Antrittsvorlesung, die er am 10. Dezember 1998 hielt.

Ausgehend von einem kurzen historischen Rückblick auf die Entstehung der Informatik als selbständiger Wissenschafts­disziplin Mitte der sechziger Jahre an nordamerikanischen Universitäten unter der Be­zeichnung Computer Science, Computing Science oder Infor­mations Science sowie Anfang der siebziger Jahre als Infor­matique, Informatik in Westeu­ropa, Kybernetik oder Mathe­matische Kybernetik in den ost­europäischen Ländern, arbeite­te der Vortragende die der In­formatik bis heute inhärente Bipolarität dieser Disziplin her­aus, in der. sich ingenieur­wissenschaftliche und naturwis­senschaftliche Denkweisen und Werte gegenüberstehen. Wäh­rend sich die ingenieurwissen­schaftlichen Aspekte in wach­sendem Maße als die relativ un­

abhängigen Ingenieurwissen­schaften Hardwaretechnik und Softwaresystemtechnik heraus­kristallisieren, konzentriert sich die Informatik als, wie Jürgen­sen formulierte, naturwissen­schaftliche Disziplin immer mehr auf die Erforschung der Information als einem Grund­phänomen der physikalischen Welt- ein interessanter, aber nicht unumstrittener Aspekt der Begriffsbestimmung dieser mo­dernen Wissenschaftsdisziplin. Der Vortragende erläuterte an zahlreichen, auch für den Nicht­fachmann verständlichen Bei­spielen aus der Zahlentheorie, Kryptographie, der Fehler­toleranz, der Mensch-Maschi­ne-Kommunikation sowie dem Informationszugang für Blinde, daß Information per se nicht existiert, sondern sich nur in ih­rer Darstellung konstituiert.

Tacis-Projekt

Der Jurist Prof. Dr. Dieter C. Umbach und seine Mitarbeiter haben sich an ‚einer EU-Aus­schreibung beteiligt, die ein Pro­jekt zur Verwaltungsreform in Rußland zum Gegenstand hat, und den Zuschlag erhalten. Es handelt sich um ein sogenanntes Tacis-Projekt mit dem Titel Assistance in Drafting the Ad­ministrative Code. Tacis ist eine Initiative der Europäischen Uni­on für die Neuen Unabhängigen Staaten und die Mongolei zur Förderung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der EU und ihren Part­nerländern. Dies soll durch die Vergabe von Zuschüssen zur Know-how-Finanzierung gelei­stet werden. Beim Potsdamer Projekt geht es um ein Recher­che- und Kodifikationsprojekt, das auf 30 Monate Laufzeit an­gelegt und mit einem Budget von zwei Millionen ECU ausge­stattet ist.

Die Bewerbung erfolgte in en­ger Kooperation mit der Hum­boldt-Universität zu Berlin und der Anwalts-Sozietät Gleiss, Lutz, Hootz, Hirsch, Berlin. Das Projekt umfaßt alle Berei­che und wichtigen Fragestellun­gen des Verwaltungsverfahrens­rechts. Es sollen die Langzeit­perspektiven sämtlicher Funk­tionen der russischen Verwal­tung beleuchtet, die Etablie­rung eines funktionsfähigen Rechtsstaates vermittels eines umsetzbaren Entwurfes für ein russisches Verwaltungsverfah­rensgesetz gesichert werden. Methoden des New Public Ma­nagement sollen auf ihre Taug­lichkeit für das Partnerland un­tersucht und gegebenenfalls implementiert werden. Auch die Weiterbildung von Multiplika­toren in der russischen Verwal­tung wird angestrebt. Ivana Mike$i, Juristische Fakultät

Prof. Dr. Helmut Jürgensen Foto: Tribukeit

Dem Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Wie auch immer die Ansichten der Hörer aus dem interdisziplinär zusammengesetzten Auditori­um zu den vorgetragenen The­sen divergierten, in einem stimmten alle mit dem Vortra­genden überein: Die Bedeutung der Information für die moder­ne Gesellschaft begründet die Rolle der Informatik als einer zentralen wissenschaftlichen Disziplin, für die das Zusam­menwirken mit anderen Diszi­plinen, in denen unterschiedli­che Aspekte des Informations­begriffs zum Forschungsgegen­stand gehören, lebensnotwen­

Wissenschaft aktuell

dig ist: Physik, Psychologie und Kognitionswissenschaften, Lin­guistik, Bibliothekswissenschaf­ten, Archivwesen, Journalistik und viele andere mehr.

Etwas ungewohnt für den deut­schen Hörer, hielt Prof. Jürgen­sen seine Antrittsvorlesung in einem Talar(bekanntlich hat die achtundsechziger Bewegung in den alten und die Hochschulre­form in den neuen Bundeslän­dern dieses traditionelle Attribut akademischer Lehre mit dem Makel des Antiquierten verse­hen und es konsequenterweise abgeschafft). Es war dies auch ein Zeichen, mit dem er seinen Hörern signalisieren wollte, daß Information in sehr unter­schiedlicher Gestalt erscheinen kann und daß ihre Dekodierung mitunter sehr spezielle Fach­kenntnisse erfordert: Dem Ken­ner offenbarte die Farbe des Talars und die Form der appli­zierten Streifen, daß Jürgensen Professor der University of We­stern Ontario in London, Kana­da und Angehöriger der Mathe­matisch-Naturwissenschaftli­chen Fakultät war und ist.

Prof. Dr. Lothar Budach, Interdisziplinäres Zentrum für Kognitive Studien

Sexuelle Gewalt

Sexuelle Gewalt unter homosexuellen Männern ist weitverbrei­tet. Zu diesem Schluß kommt die Psychologin Prof. Dr. Barbara Krahe von der Uni Potsdam nach einer anonymen Umfrage unter 310 jungen homosexuellen Männern.

Fast 30% berichteten, schon einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein, sei es im Zustand der Wehrlosigkeit unter Alkohol- oder Drogenein­fluß, sei es durch Gewalt. 19% wurden zum Anal- oder Oral­verkehr gezwungen, was straf­rechtlich als Vergewaltigung gilt. Knapp 13% gaben an, daß sie wenigstens schon einmal ei­nen Mann gegen seinen Willen zum Sex brachten. Zwei von drei Tätern besaßen selbst auch Opfererfahrung.

Aber auch in heterosexuellen Beziehungen Jugendlicher gibt es verbreitet Gewalt, weiß Krahe aus früheren Studien. Nicht das Schwulsein an sich ist ein Risiko für Gewalterfahrungen, sondern andere Faktoren, die auch bei Heterosexuellen eine Rolle spie­

len: Sowohl Opfer als auch Täter sexueller Aggressionen waren wesentlich häufiger bereits als Kinder sexuellem Mißbrauch ausgesetzt oder machten die Er­fahrung, nichts wert zu sein. Als gefährlich konstatierte man auch mißverständliche Kommunika­tion sexueller Absichten. Ferner erhöhe der TauschhandelSex gegen Geld(bei den Befragten handelte es sich nicht um Prosti­tuierte) die Wahrscheinlichkeit eines Übergriffs.

In der nächsten Studie will Krahe untersuchen, inwiefern heterosexuelle Männer sexueller Gewalt von Frauen ausgesetzt sind. Langfristiges Ziel ist es, die Risikofaktoren für ein sexuell aggressives Verhalten ausfindig zu machen und Präventions­maßnahmen zu entwickeln. ar

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