Wissenschaft aktuell
PUTZ 4/99
Wenn graue Zellen in Gleichschritt fallen
Potsdamer Physiker zu Parkinson
Was der Potsdamer Uni-Physiker Professor Dr. Jürgen Kurths mit seiner Arbeitsgruppe für Nichtlineare Dynamik an Wissen über chaotische Systeme anzubieten hat, könnte nun auch Einblicke in die Dynamik bestimmter Prozesse im Gehirn erlauben.
Denn auch das menschliche Nervensystem ist hochgradig nichtlinear und komplex. Wenn man sich das Gehirn als ein riesiges Orchester vorstellt, dann wären die hundert Milliarden Nervenzellen die Musikinstrumente. Allerdings spielt dieses Orchester eine Vielzahl von Sinfonien, Marschliedern und Kakophonien gleichzeitig. Hirnforscher wären in diesem Bild Musikexperten, die durch dicke Wände vom Orchester getrennt sind. Sie hören ein verworrenes Gemisch verschiedener Stücke
und versuchen, wenigstens von einer Komposition die Partitur zu notieren. Als hilfreich haben sich nun die mathematischen Werkzeuge erwiesen, die Kurths und seine Mitarbeiter ursprünglich zur Erforschung des deterministischen Chaos bei Erdbeben oder beim Wetter entwikkelt haben.
In Zusammenarbeit mit Dr. Peter Tass und weiteren Neurologen von der Universität Düsseldorf untersuchten die Potsdamer Physiker Magnetoenzephalographie- Aufnahmen eines Patienten im Frühstadium der
Parkinsonschen Krankheit. Der|
erst 36 Jahre alte Mann litt unter starkem und unkontrollierbarem Zittern der Hände, einem typischen Parkinson-Symptom. Um die Aktivität der Nervenzellen an der Hirnoberfläche zu messen, wurde dem Patienten ein Helm mit 122 hoch
Mit einem Maygnetoenzephalographie-Helm und Elektroden an den| Armmuskeln können Hirnsignale und Muskelsignale gleichzeitig ge
messen werden.
empfindlichen Magnetfeldsensoren übergestülpt. Gleichzeitig
| waren Elektroden an der Hand
muskulatur befestigt. Die mathematische Analyse der Signa
le zeigte: Während des Zitterns*
waren verschiedene Hirnbereiche und Muskelregionen syn
Multimedia in der Umweltbildung Neuer Weg bei Lernsoftware
„Von einer optimalen Nutzung multimedialer Lehrund Lernmittel, so en vogue und hochgelobt sie gegenwärtig auch sein mögen, trennen uns noch Welten. Dennoch, das Vorhandene gibt zumindest Anlaß, auf Bestehendem aufzubauen und gleichzeitig neue Wege zu beschreiten“, meint der Autor dieses Beitrags, Prof. Dr. Klaus-Peter Berndt.
Noch vor wenigen Jahren wandten sich bedeutende Pädagogen vehement gegen den Computer. Inzwischen hat sich viel geändert. Selbst in der Umweltbildung, in der das Naturerleben nach wie vor im Mittelpunkt steht, wird mit Multimedia gearbeitet. Davon zeugte auch die Arbeitstagung„Neue Medien in der Umweltbildung“ Mitte März in Potsdam. Die Teilnehmer diskutierten nicht mehr darüber, ob digitale Medien notwendig seien, sondern
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„wie“ und„welche“ zum Einsatz kommen müßten.
Die Arbeit am Uni-Zentrum für Umweltwissenschaften stand exemplarisch für eine kontinuierliche Multimediaentwicklung. Fast 25 Videolehrfilme liegen bereits vor. Gegenwärtig gibt es im Zentrum vier eigene Produkte multimedialer Lernsoftware in unterschiedlicher Programmierung, unterschiedlichem Inhalt und Umfang. Die CD„Ökosystem Wald— Biodiversität in Brandenburg“ verdeutlicht die Probleme der Produktion hochkomplexer Lernsoftware. Allein die integrierten 4500 Farbbilder stellen einen Marktwert von etwa 225 000 DM dar. Programmierung, integrierte Töne‘ und Videoclips sowie Layout sind nicht zum Nulltarif zu haben. Dies läßt die Unumgänglichkeit neuer Wege in der Softwareherstellung erkennen. Bisherige Produkte wie Großökosysteme, Wald, Kesselmoor, Döberitzer Heide bleiben aufgrund finanzi
eller Zwänge eher die Ausnahme. Für die Umweltbildung, vor allem: im Primarstufenalter, braucht es andere Szenarien— übersichtlich, variabel einsetzbar und handhabbar mit hohem Wiedererkennungswert für regionale Besonderheiten. Mitarbeiter der Universität Potsdam haben sich des Vorhabens angenommen. Es handelt sich dabei um ein zu schaffendes offenes System für Umweltbildungseinrichtungen, das programmierte Grundstrukturen enthält und nach den Wünschen der Nutzer eigenes Material beinhaltet. Fördermittel für Programmierung und Erstevaluation werden zentral eingeworben. Die für die Erstellung der angepaßten Software erforderlichen relativ geringen Folgemittel müssen die entsprechenden Bildungseinrichtungen jedoch selbst aufbringen. Die Alpha-Version entsteht mit der Brandenburger Waldschule „Am Roggebusch“. Dabei geht es besonders um die Vermittlung
Foto: Bauer
chron aktiv, marschierten also sozusagen im Gileichschritt. Dabei handelte es sich allerdings um eine komplizierte Form von Gleichzeitigkeit, die bei früheren Untersuchungen nicht zu bemerken war, nämlich einer Phasen-Synchronizität. Mit dieser Art der Betrachtung gelang es außerdem besser, die synchron aktiven Regionen zu orten und den zeitlichen Verlauf des Händezitterns zu verfolgen. Die mathematische Analyse der„Phasen-Synchronizität“ könnte ein neues Fenster in das Gehirn aufstoßen und einen Blick auf das dynamische Geschehen bei Krankheiten wie Parkinson, aber auch Epilepsie freigeben. Die Arbeit der Forschungsgruppe von Professor Jürgen Kurths wurde ausführlich im amerikanischen Wissenschaftsmagazin Physics Today(März 1999, S: 17-19) ‚präsentiert und hat international große Anerkennung erfahren. ar
Ökologischer Leitarten— also Pflanzen und Tiere, die für die einzelnen Regionen und Lebensräume Deutschlands eine bedeutende Rolle spielen. Generell werden neben dem eigentlichen Produkt auch die Ergebnisse der unterschiedlichen Evaluationen auf der CD enthalten sein. Der aktuelle Erfahrungsaustausch erfolgt via Internet über eine Arbeitsplattform. Das Ergebnis dieses Miteinanders liegt auf der Hand: Die Universität mit ihrem Know-how und ihren technischen Möglichkeiten geht eine Symbiose mit den Einrichtungen ein, für die sie. letztlich
auch Absolventen ausbildet. Prof. Dr. Klaus-Peter Berndt, Zentrum für Umweltwissenschaften