PUTZ 1-2/00
Titel
Wozu braucht die Uni ein Leitbild?
Bi
Sabine Eichler, Sekretariat der Professuren Politische Theorie und Regierungssystem der BRD/Innenpolitik
Ich denke, unsere junge Universität soll sich darauf besinnen, eine kleine aber sehr angesehene Universität zu bleiben. Die Studienbedingungen sind zum Teil jetzt schon nicht mehr tragbar. Seminare können mitunter nur noch durch- geführt werden - als Status „Vorlesung“. Die intensive Betreuung von Studenten und Doktoranden ist auch gefährdet. Lieber ein bisschen kleiner als Massenabfertigung. Ich denke auch, dass das jetzige Profil der Uni bestehen bleiben soll. Es ist ein ausgewogenes Verhältnis von Natur-, Geistes- und Rechtswissenschaften vorhanden. Warum Altbewährtes immer in Frage stellen? Natürlich muss man auch in
Das Vörstetten des neuen Logos der Universität und den Anstoß zur Leitbilddiskussion war für rund 450 Gäste Grund genug, sich den Neujahrsempfang des Rektorates am 12. Januar dieses Jahres nicht entgehen zu lassen. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie Uni-Angehörige nutzten bei der erstmals durchgeführten Feierlichkeit auch die Möglichkeit zum Gespräch.
Foto: Tribukeit
die Zukunft weit voraus blicken und abwägen, was in den nächsten Jahren in der Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt benötigt wird. Davon abhängig könnte der eine oder andere Studiengang sicher optimiert werden. Wichtig finde ich es auch, wenn Kriterien aufgestellt werden, die ein leistungsgerechtes Verteilungsmodell von Ressourcen zulassen. Qualität und Quantität der Lehre, Verfügbarkeit der Dozenten, Betreuung von Studenten, Doktoranden, Einsatzbereitschaft usw. Ich denke schon, dass man damit die Guten von den weniger Guten unterscheiden und auch dementsprechend honorieren kann. Wenn es nämlich ums Eingemachte geht, werden viele aufwachen und das leisten, was eigenüich selbstverständlich sein sollte.
Prof. Dr.
Christoph Reichard,
Professor für Public Management
Die Universität Potsdam braucht eine Leitbilddiskussion, damit sie sich auf ein akzeptiertes und von allen getragenes - und gelebtes! - Leitbild verständigen kann. So ein Leitbild fällt nicht vom Himmel, es muss in einem mühsamen Dialogprozess erarbeitet werden. Dabei gilt: „Der Weg ist das Ziel“! Das fertige Leitbild nützt nicht sehr viel - aber der gemeinsame Verständi-
gungs- und Visionsbildungsprozess - der ist wichtig. Im Übrigen braucht nicht nur - oder: nicht so sehr - die gesamte Universität ein Leitbild, sondern das benötigen vor allem die einzelnen Fakultäten und deren Arbeitseinheiten. Aus Sicht der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät brauchen wir dringend ein tragfähiges und unsere Kräfte bündelndes Leitbild (und „Vision“ und „Mission“ und strategische Zielorientierungen!). Es ist zu hoffen, dass das demnächst zu erwartende Wissenschaftsrats-Gutachten einen kräftigen Anstoss zur Leitbildformulierung in den Fakultäten liefert.
Prof. Dr.
Werner Jann, Professor für Politikwissenschaft,
Verwaltung und Organisation:
Trotz unserer unbestreitbaren Erfolge leidet die Uni Potsdam national und international immer noch an einem diffusen Profil. „Wozu braucht man eigentlich eine Uni in Potsdam, wenn es in Berlin doch drei Unis gibt - und Brandenburg ohnehin kein Geld hat?“ ist eine Frage, die viele von uns sicherlich schon oft gehört haben. Die gelegentlich darauf gegebene trotzige Antwort „Wir sind eine Uni wie alle anderen!“ reicht nicht aus, und auch die einfache Antwort „Wir sind wie alle anderen, nur
besser!“ ist natürlich unglaub wdirdig. Keine Uni kann auf allen Gebieten besser und inno vativer sein als die Konkurrenz, schon gar keine Neugründung. Aber wir können und müssen in ausgewählten, wichtigen Bereichen besser, markanter und vor allem sichtbarer werden. Und wir müssen uns endlich öffentlich und verbindlich darauf einigen, welche Bereiche dies sein sollen. Dies bedeutet, dass wir in Zukunft einige Dinge intensiver und einige überhaupt nicht mehr machen werden. Der verbreitete und bequeme Selbstbetrug, man könne verändern, ohne irgendjemand wehzutun, muss leider aufhören. Und es bedeutet auch, dass wir uns von den klassischen Verteilungsmechanismen „Gleichbehandlung“ und „Besitzstandswahrung“ endgültig verabschieden.
Prof. Dr.
Helmut F.
Mikelskis,
Professor für Didaktik der Physik
Das Leid mit dem Leitbild Je grösser der Mangel an Leitbildern, desto inflationärer die Suche nach Selbigem. Alle möglichen Einrichtungen und Unternehmen: Freimaurer,
Polizei, Kung Fu Schulen, das Vinzenzkrankenhaus, die Buddhistische Gemeinschaft, die Schweizer Kartoffelkommision und die Stadt Rüsselsheim haben Leitbilder entwickelt.
Unis von Aachen bis Zürich, von Hamburg bis Linz und von Bielefeld bis Hannover präsentieren ihre Leitbilder im Internet. Die Lektüre zeigt das Leid mit dem Leitbild: eine erschreckende Anhäufung von Allgemeinplätzen und Nebel-
Wie weiter?
Das Rektorat der Uni wird in der Senatssitzung am 3.2.2000 erste Überlegungen zu einem Leitbild vorstellen. Danach soll sich eine möglichst breite Diskussion ent-
kerzen: Internationalität, In- terdisziplinarität, Innovation, Effizienz, Exzellenz, Kompetenz, Subsidiarität, Freiheit, Praxisorientierung, Gesellschaftsbezug, Technologietransfer usw. Vor diesem Hintergrund sollte die Uni Potsdam nicht naiv eine theoretische Leitbilddiskussion vom Zaune brechen und damit eine Art Beschäftigungstherapie für ihre Mitarbeiter veranstalten. Statt Turnen im Überbau sollten wir uns besinnen auf das, was wir können und durchaus gut können und das kompetent weiterentwickeln. Konzentrieren wir unsere Kräfte lieber auf die Auseinandersetzungen mit jenen, die uns die notwendigen Ressourcen verweigern, mit oder ohne Leitbild!
Nicht, dass am Ende unser neues Logo noch zum Leitbild (Leidbild?) wird: Kopf und Herz der Uni, die Communs, entfliehen...
wickeln, in der sich Zustimmung und Widerspruch manifestieren. In einem nächsten Schritt soll ein Workshop mit externen Referenten und einer statusübergreifen- den Diskussion stattfinden.
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