Heft 
(1.1.2019) 01
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PUTZ 1-2/00

Titel

Wozu braucht die Uni ein Leitbild?

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Sabine Eichler, Sekretariat der Professuren Politische Theorie und Regierungssy­stem der BRD/Innenpolitik

Ich denke, unsere junge Uni­versität soll sich darauf besin­nen, eine kleine aber sehr an­gesehene Universität zu blei­ben. Die Studienbedingungen sind zum Teil jetzt schon nicht mehr tragbar. Seminare kön­nen mitunter nur noch durch- geführt werden - als Status Vorlesung. Die intensive Be­treuung von Studenten und Doktoranden ist auch gefähr­det. Lieber ein bisschen kleiner als Massenabfertigung. Ich denke auch, dass das jetzige Profil der Uni bestehen blei­ben soll. Es ist ein ausgewoge­nes Verhältnis von Natur-, Gei­stes- und Rechtswissenschaften vorhanden. Warum Altbewähr­tes immer in Frage stellen? Natürlich muss man auch in

Das Vörstetten des neuen Logos der Universität und den Anstoß zur Leitbilddiskussion war für rund 450 Gäste Grund genug, sich den Neujahrsempfang des Rektorates am 12. Januar dieses Jahres nicht entgehen zu lassen. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie Uni-Angehörige nutzten bei der erstmals durchgeführten Feier­lichkeit auch die Möglichkeit zum Gespräch.

Foto: Tribukeit

die Zukunft weit voraus blicken und abwägen, was in den nächsten Jahren in der Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt benötigt wird. Davon abhängig könnte der eine oder andere Studiengang sicher op­timiert werden. Wichtig finde ich es auch, wenn Kriterien aufgestellt werden, die ein lei­stungsgerechtes Verteilungs­modell von Ressourcen zulas­sen. Qualität und Quantität der Lehre, Verfügbarkeit der Dozenten, Betreuung von Stu­denten, Doktoranden, Ein­satzbereitschaft usw. Ich denke schon, dass man damit die Gu­ten von den weniger Guten unterscheiden und auch dem­entsprechend honorieren kann. Wenn es nämlich ums Eingemachte geht, werden viele aufwachen und das lei­sten, was eigenüich selbstver­ständlich sein sollte.

Prof. Dr.

Christoph Reichard,

Professor für Public Manage­ment

Die Univer­sität Pots­dam braucht eine Leitbilddis­kussion, damit sie sich auf ein akzeptiertes und von allen ge­tragenes - und gelebtes! - Leit­bild verständigen kann. So ein Leitbild fällt nicht vom Him­mel, es muss in einem mühsa­men Dialogprozess erarbeitet werden. Dabei gilt:Der Weg ist das Ziel! Das fertige Leit­bild nützt nicht sehr viel - aber der gemeinsame Verständi-

gungs- und Visionsbildungs­prozess - der ist wichtig. Im Übrigen braucht nicht nur - oder: nicht so sehr - die ge­samte Universität ein Leitbild, sondern das benötigen vor al­lem die einzelnen Fakultäten und deren Arbeitseinheiten. Aus Sicht der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fa­kultät brauchen wir dringend ein tragfähiges und unsere Kräfte bündelndes Leitbild (undVision undMission und strategische Zielorientie­rungen!). Es ist zu hoffen, dass das demnächst zu erwartende Wissenschaftsrats-Gutachten einen kräftigen Anstoss zur Leitbildformulierung in den Fakultäten liefert.

Prof. Dr.

Werner Jann, Pro­fessor für Politikwis­senschaft,

Verwaltung und Organi­sation:

Trotz unserer unbestreitbaren Erfolge leidet die Uni Potsdam national und international im­mer noch an einem diffusen Profil.Wozu braucht man ei­gentlich eine Uni in Potsdam, wenn es in Berlin doch drei Unis gibt - und Brandenburg ohnehin kein Geld hat? ist eine Frage, die viele von uns si­cherlich schon oft gehört ha­ben. Die gelegentlich darauf gegebene trotzige Antwort Wir sind eine Uni wie alle an­deren! reicht nicht aus, und auch die einfache Antwort Wir sind wie alle anderen, nur

besser! ist natürlich unglaub wdirdig. Keine Uni kann auf al­len Gebieten besser und inno vativer sein als die Konkurrenz, schon gar keine Neugründung. Aber wir können und müssen in ausgewählten, wichtigen Be­reichen besser, markanter und vor allem sichtbarer werden. Und wir müssen uns endlich öffentlich und verbindlich dar­auf einigen, welche Bereiche dies sein sollen. Dies bedeutet, dass wir in Zukunft einige Dinge intensiver und einige überhaupt nicht mehr machen werden. Der verbreitete und bequeme Selbstbetrug, man könne verändern, ohne irgend­jemand wehzutun, muss leider aufhören. Und es bedeutet auch, dass wir uns von den klassischen Verteilungsmecha­nismenGleichbehandlung undBesitzstandswahrung endgültig verabschieden.

Prof. Dr.

Helmut F.

Mikelskis,

Professor für Didak­tik der Phy­sik

Das Leid mit dem Leitbild Je grösser der Mangel an Leit­bildern, desto inflationärer die Suche nach Selbigem. Alle möglichen Einrichtungen und Unternehmen: Freimaurer,

Polizei, Kung Fu Schulen, das Vinzenzkrankenhaus, die Buddhistische Gemeinschaft, die Schweizer Kartoffelkom­mision und die Stadt Rüssels­heim haben Leitbilder ent­wickelt.

Unis von Aachen bis Zürich, von Hamburg bis Linz und von Bielefeld bis Hannover präsentieren ihre Leitbilder im Internet. Die Lektüre zeigt das Leid mit dem Leitbild: eine er­schreckende Anhäufung von Allgemeinplätzen und Nebel-

Wie weiter?

Das Rektorat der Uni wird in der Senatssitzung am 3.2.2000 erste Überlegungen zu einem Leitbild vorstellen. Danach soll sich eine möglichst breite Diskussion ent-

kerzen: Internationalität, In- terdisziplinarität, Innovation, Effizienz, Exzellenz, Kompe­tenz, Subsidiarität, Freiheit, Praxisorientierung, Gesell­schaftsbezug, Technologie­transfer usw. Vor diesem Hin­tergrund sollte die Uni Pots­dam nicht naiv eine theoreti­sche Leitbilddiskussion vom Zaune brechen und damit eine Art Beschäftigungstherapie für ihre Mitarbeiter veranstalten. Statt Turnen im Überbau soll­ten wir uns besinnen auf das, was wir können und durchaus gut können und das kompe­tent weiterentwickeln. Kon­zentrieren wir unsere Kräfte lieber auf die Auseinanderset­zungen mit jenen, die uns die notwendigen Ressourcen ver­weigern, mit oder ohne Leit­bild!

Nicht, dass am Ende unser neues Logo noch zum Leitbild (Leidbild?) wird: Kopf und Herz der Uni, die Communs, entfliehen...

wickeln, in der sich Zustimmung und Widerspruch manifestieren. In einem nächsten Schritt soll ein Workshop mit externen Referen­ten und einer statusübergreifen- den Diskussion stattfinden.

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