Titel
PUTZ 1-2/00
Dr. Uta Sandig, Institut für Germanistik Es ist derzeit in Mode ge- kommen, dass Institutionen sich ein Leitbild geben. Was Mode ist, muss nicht notwendigerweise läppisch sein. Für unsere Universität, die in gewisser Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt ist, macht es Sinn, einen Diskurs darüber zu führen, wie sie zu unverwechselbaren Zügen kommt, anders gesagt: auf welche Weise Bewahrenswertes aufgehoben und innovative Potentiale gestärkt werden können. Unabdingbar ist, dass sich alle Statusgruppen mit ih-
Monika Stein,
Gleichstellungsbeauftragte
Ich verbinde mit der Leitbilddiskussion auch, dass die Universität Potsdam die Herstellung von Chancengleichheit für Frauen und Männer als Leitbild übernimmt und eine Gleichstellungspolitik betreibt, die dem Grundsatz verpflichtet ist, dass Qualitätsverbesserung ohne
Manfred Görtema- ker, Professor für Neuere Geschichte I Eine Leit
bilddiskussion über die Zukunft unserer Universität ist längst überfällig. Wenn wir angesichts drastischer Sparzwänge ein Mindestmaß an Entscheidungsfreiheit zurückgewinnen wollen, anstatt weiterhin phantasielos in allen Bereichen linear zu kürzen, brauchen wir eine klare Vorstellung über Schwerpunkte und Prioritäten. Dabei müssen wir uns der Tatsache bewusst sein, dass die Potsdamer Universität im Verhältnis zu den mächtigen Berliner Konkurrenten auf
rer Sicht der Dinge in den Diskurs einbringen.
Als Vertreterin des akademischen Mittelbaus wird es mir besonders am Herzen liegen, die Vorzüge eines hohen Engagements im Bereich der Lehre und Studentenbetreuung zu thematisieren. Das Credo einer hochschuldidak- tisch fundierten Vermittlungskompetenz, verbunden mit einer respektablen Beteiligung an Forschungsvorhaben, wie es von der Mehrheit der akademischen Mitarbeiter hochgehalten wird, hat dieser Uni einen Sympathiebonus eingebracht, der ausbaufähig und -würdig ist. Als ein besonderes Bewährungsfeld für dieses Credo sehe ich die lehrerbildenden Studiengänge an.
Frauenförderung nicht machbar ist.
Ziel der Gleichstellungspolitik an der Universität muss es sein, Chancengleichheit als Querschnittsaufgabe und durchgängiges Leitprinzip in möglichst allen Aufgabenbereichen als handlungsleitendes Prinzip durchzusetzen. Eine Universität mit dem Leitbild „Chancengleichheit „ist für mich dann auch eine moderne Universität, in der es möglich und erwünscht ist, dass Frauen auf allen universitären Ebenen aktive Mitgestalterinnen sind.
Dauer nur dann eine Chance hat, erfolgreich als eigenständige Einrichtung zu bestehen, wenn sie sich durch ein besonders attraktives Profil auszeichnet, das nur aus Leistung und Originalität erwächst. Exzellenz in der Forschung und innovative Studiengänge in der Lehre - bei einem Höchstmaß an institutioneller Flexibilität durch Zusammenarbeit mit außeruniversitären Zentren und neue Finanzierungsmöglichkeiten - sind die beste Garantie für Zukunftsfähigkeit. Allerdings darf die Kehrseite dabei nicht verschwiegen werden: Eine nüchterne Bestandsaufnahme und der Wille zur Schwerpunktsetzung erfordert auch den Mut zu Streichungen in Bereichen, die den Maßstäben nicht genügen.
Joachim Gessinger,
Professor für Ge
schichte der deutschen Sprache Klein & fein sollte sie sein. Was den ersten Teil dieses „Leitbildes“ anlangt, hat ihn die Landesregierung dankenswerterweise schon ohne uns und zukunftssicher umgesetzt. Bleibt „fein“, das man bekanntlich nicht dadurch wird, dass man sich dafür hält. Wenn wir also mehr wollen als den Primat der Kleinheit zu erringen, sollten wir uns den Kontext anschauen, in dem unser Haus „Universität Potsdam“ steht: Eine dichte Kulturlandschaft, in die gleich mehrere Traditionen deutscher Geschichte eingeschrieben sind, eine Konzentration von alten und neuen außeruniversitären Forschungseinrichtungen im engeren Umfeld und der me- tropolitane Verflechtungsraum Berlin-Brandenburg. Das Haus soll zugleich Brüche überbauen, die aus den unterschiedlichen Entwicklungen in der jüngeren deutschen Geschichte herrühren. Wer über diese Bedingungen nachdenkt, wird zum Ergebnis kommen, dass einige der gehandelten Konzepte unpassend, nicht zukunftssicher oder auch nur ängstlich sind: Ob Verschlan- kung (Exzellenz-Zentren), Eindickung auf eine lehrerbildende Anstalt oder Ausdünnung zum Berlin-komplementären Lückenfuller - all diese Reduktionskonzepte stellen Kernelemente zur Disposition, die sich in den zum Klischee verkommenen klassi-
Frank Rich- arz, Student P h i l o s o - phie, Öffentliches Recht,
Volkswirtschaftslehre,
O-Ton im Deutschlandfunk, gesendet am 13. Januar 2000 „Ich glaube, dass das eine Scheindebatte werden wird, dass von offizieller Seite mit
sehen und modernen Leitbildern - Universitas litterarum und Inter-/Transdiszipli-na- rität - dennoch finden.
Ein kleines Haus macht man dadurch groß, dass man Türen und Fenster öffnet, will sagen: Wenn es uns gelingt, die Vielfalt und Qualität von Lehre und Forschung, die sich vor unserer Haustür findet, hereinzuholen, braucht uns um unsere Kleinheit nicht bange zu sein. Vernetzung auf disziplinärer Ebene also, gemeinsame, auf die unterschiedlichen Schwerpunkte abgestimmte Studienangebote, Studi
engänge und Forschungsprojekte mit anderen Hochschulen. Damit dies nicht unter der Hand als Spar- oder Auflösung betrieben werden kann, braucht es Planungssicherheit in Brandenburg und Berlin und hinreichend weit gefasste staatliche Rahmenvereinbarungen und Handlungsmöglichkeiten der Hochschulen. Die Attraktivität des Hauses „Universität Potsdam“ setzt auf eine hinreichende fachliche Breite, in der gerade auch die „kleinen“ Fächer Kerne hoch- schulinterner und hochschulti- bergreifender Kooperation und Vernetzung bilden, setzt darauf, dass die kulturhistorische Sättigung der Region in das Profil des Lehr- und Forschungsangebots eingebaut wird und dass mit eigenständigen Forschungsperspektiven und mit den Absolventen der Universität das Gesamtbild einer wissenschaftlich hoch angereicherten Region entscheidend bestimmt wird. Daraus könnte dann am Ende zwar kein zweites „sans soucis“ werden, aber immerhin ein offenes „nouveau palais des Sciences“.
dieser Leitbilddiskussion dem Ganzen nur ein besserer Touch gegeben werden soll, nämlich, dass man in Wirklichkeit in den Hochschulen spart und kein Konzept hat und durch straffere Leitungsstrukturen und Entmachtung der Studierenden es schaffen will, dass die Studierenden sich nicht so sehr aufregen darüber, dass sie immer weniger die Möglichkeit haben, wirklich Zugang zu Bildung zu haben.“
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