Heft 
(1.1.2019) 01
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Campus

Fit für den Wettbewerb

Geowissenschaftler setzen auf Interdisziplinarität

Die menschliche Gemein­schaft scheint nicht zur Ruhe zu kommen. Gibt es keine Kriege, sorgen Naturkata­strophen für Unheil. Ob schwere Erdbeben, ausbre­chende Vulkane, Hochwas­ser, schlimme Bergstürze oder rasche Klimawechsel, die Folgen sind oftmals ver­heerend. Bei der Bewälti­gung der mit jenen Ereignis­sen verbundenen theoreti­schen Problemstellungen sind heute stärker denn je Experten unterschiedlicher Fachrichtungen gefragt. Ins­besondere aber müssen Geo­logen, Geophysiker und Mi­neralogen Antworten auf drängende Fragen der Zeit finden. Ausgebildet werden sie in Deutschland an zahl­reichen Universitäten klassi­schen Zuschnitts, so auch in Potsdam.

Doch in der brandenburgi- schen Landeshauptstadt geht man dabei einen anderen Weg als üblich. Es gibt eine ge­meinsame geowissenschaftli- che Grundausbildung, die die Mathematik ebenso beinhaltet wie die Physik. Am Ende des sich anschließenden Hauptstu­diums erhalten die Studieren­den je nach gewählter Schwer­punktsetzung den Abschluss als Diplom-Geologe, -Minera­loge oder -Geophysiker. Diese Konstellation ist in Deutschland fast einmalig. Nur Jena bietet Ähnliches, betont Prof. Dr. Frank Scherbaum vom Uni-Institut für Geowis­senschaften.

Grund für derartigenEigen­sinn seien Entwicklungen, die sich heute in der Praxis klar ab­zeichneten. So könne zum Bei­spiel ein zu untersuchendes Detail aus der Gebirgsbildung längst nicht mehr isoliert be­trachtet werden, sondern nur im Kontext aller drei Diszipli­nen. Das erfordere eine breite Grundausbildung und die Ver­netzung der einzelnen Gebiete in der Lehre.

Neueinschreibungen

steigen

Nutznießer derart angelegten

Studiums sind die Studieren­den. Und die kommen zuneh­mend an das Institut. Allein zum jetzigen Wintersemester haben sich 75 junge Leute neu eingeschrieben. Seit 1997 (20 Immatrikulierte) bedeute dies nach Ansicht Scherbaums ei­nen nahezu explosionsartigen Anstieg des Zuspruchs. Wenn das anhält, muss die Uni reagieren, schätzt Prof. Roland Oberhänsli, Dekan der

Mathematisch-Naturwissen- schaftlichen Fakultät, die Lage ein. Noch allerdings sei es nicht soweit.

Fachleute mit Weitblick

Dass die Abiturienten verstärkt nach Potsdam-Golm kommen, ist kein Zufall. Das hier ver­mittelte Breitenwissen reizt. Daran wollen auch künftig die Mitarbeiter des Lehrkörpers nicht rütteln. Ihr Anliegen: keine Spezialisten um jeden Preis, sondern Fachleute mit

Weitblick. Eine Konsequenz aus den rasanten Veränderun­gen auf dem Arbeitsmarkt. Heute müssen Absolventen viel Flexibilität mitbringen, um im Wettbewerb bestehen zu können, unterstreicht Ober­hänsli in diesem Zusammen­hang. Ihre späteren Einsatzfel­der stellen vor allem umweltre­levante Bereiche, auch Behör­den, Energiefirmen, Versiche­rungen, Forschungseinrich­

tungen oder Unis dar. Je nach Arbeitsgebiet befassen sie sich dann beispielsweise mit der Aufspürung von Ressourcen des Wassers, der Energie, dem Schutz vor Hochwasser, der Si­cherung von Deponien, der Entstehung von Gebirgen und Ozeanbecken, Entwicklungs­vorgängen der Erde unter paläo-ökologischen Gesichts­punkten sowie vielem anderen.

Nicht nur graue Theorie

Bevor es aber soweit ist, gilt es,

außer theoretischem Wissen auch praktische Kenntnisse zu erwerben. Dabei helfen zwei Kartierkurse nach dem zweiten und vierten Semester, die ne­ben anderen Geländeübungen wie Praktika in der vorlesungs­freien Zeit laufen. Verbunden sind sie häufig mit weiten Rei­sen.Es sind jedesmal 800 km, bis man einen vernünftigen Stein sieht, stellt Oberhänsli fest. Das Aufnehmen von Ge­steinen, Kartieren von Defor­mationsstrukturen sei im Bran- denburgischen nicht möglich. Die kleinen Gruppen fahren in die Alpen oder das Vorland der Pyrenäen, Fortgeschrittene be­geben sich nach Skandinavien, wo es die nächsten größeren, gut exponierten Aufschlüsse gibt.

Doch nicht nur in den Kursen, Praktika und Exkursionen schnuppern die Studenten Pra- xisluff. Beteiligt sind sie eben­falls an zahlreichen For­schungsvorhaben des Instituts. Sie arbeiten an allen Projek ten, egal ob im Pamirgebirge, auf Vulkanen oder in den An­den aktiv mit, bestätigt Prof. Manfred Strecker.

Chancen des Standorts nutzen

Sowohl bei den Forschungs­projekten als auch in der Lehre und bei Diplomarbeiten setzt das Institut auf Kooperation mit anderen Einrichtungen. Auf festen Füßen steht deshalb die Zusammenarbeit mit dem GeoForschungsZentrum Pots­dam, dem Alfred-Wegener-In- stitut für Polar- und Meeres­forschung (Potsdam), der Freien Universität Berlin oder dem an die Humboldt-Univer­sität zu Berlin angegliederten Museum für Naturkunde. Unter den Instituts-Mitarbei­tern herrscht Einigkeit über den Vorteil dieser Rahmenbe­dingungen.Ich hoffe, dass die Studenten auch wirklich die Chancen des Standortes nutzen, ihre Ausbildung so in­terdisziplinär wie möglich or­ganisieren. Der Berlin-Potsda­mer Raum schafft dafür alle Möglichkeiten, sagt Strecker dazu fast beschwörend. Doch das muß er gar nicht. Seine Schützlinge haben die Gunst der Stunde längst be­griffen. P.G.

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Der Merapi gekört zu den aktivsten und risikoreichsten Vulkanen der Erde. Das Institut für Geowissenschaften ist an seiner Überwachung im Rahmen eines deutsch-indonesischen Gemeinschaftsvorhabens beteiligt.

Foto: Ohrnberger

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