Heft 
(1.1.2019) 01
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PUTZ 1-2/00

Campus

Mit dem Kahn in die Uni

ln der Ökologischen Station Gülpe sind noch Zimmer frei

Ralf-Udo Mühles Jeep schwankt langsam über die nassen Wiesen. Es hat tage­lang geregnet. Der Weg zur Vogelstation Gülpe mitten im Naturpark Westhavelland ist beschwerlich. Immerhin kann Mühle die Station in diesem Dezember noch mit dem Auto erreichen.Bei Hochwasser müssen wir das Auto am Dorfrand abstel­len, erzählt er. Und Hoch­wasser ist in vielen Jahren von November bis in den Mai. Mühle stakt dann mit dem Kahn ins Labor.

DieÖkologische Station Gülpe der Universität Pots­dam liegt rund 30 Kilometer nordwestlich von Nauen. Das ehemalige GehöftHünemör­derhof 1 trohnt auf einer drei Meter hohen Erhebung zwi­schen der Havel, dem Altarm Gülper-Havel und dem Gülper See. Seit 1975 forschen und lehren Potsdamer Wissen­schaftler auf der kleinen An­höhe. Die Universität Potsdam hat die Station in den vergan­genen Jahren gründlich reno­viert.

Sonne, Holz und Schilf

Das backsteinverkleidete

Haupthaus und die hufeisen­förmig angelegten Nebenge­bäude strahlen neu und frisch. Das rot-gelbe Ensemble ist auf der kleinen Erhebung eng zu­sammengerückt, um Wind und Hochwasser zu trotzen. In den Nebengebäuden glänzen die noch unberührten Labors, Se­minarräume und 20 Betten für Studenten und Gäste. Im Kel­ler bullert eine hochmoderne Holzheizanlage, auf dem Dach wird das Wasser von der Sonne erhitzt, und auf dem Grund­stück tut eine Schilfkläranlage ihr stilles Werk: Die ökologi­sche Station ist von Dach bis Keller aufÖko eingestellt. Im Haupthaus sind die Ar­beitsräume von Mühle und an­deren Wissenschaftlern: Sie

sind voll mit Computern, Schränken und Büchern. Wie anderswo auch. Doch wo sonst Blumen in den Fenstern ver­trocknen, steht in Gülpe ein

Heer von Ferngläsern.Die muss man hier immer griffbe­reit haben, sagt Mühle. Denn die Niederung an der unteren Havel ist ein Brut- und Rast­paradies für Wat- und Wasser­vögel. Ständig könnte ein sel­tener Vogel auffauchen. Und wie bestellt, fliegt ein Raub­würger, lateinisch Lanicus ex- cubitor, ums Haus und stürzt sich aus zehn Metern Höhe auf eine Maus.

Mindestens 85 Vogelarten können wir hier beobachten, erklärt Mühle. Die Bekassine oderHimmelsziege, die mit ihren Schwanzfedern ein meckerndes Geräusch im Wind verursacht, diehochgradig vom Aussterben bedrohten Kampfläufer, viele Kraniche und natürlich die Gänse aus dem hohen Norden, die hier auf dem Weg in ihre Winter­quartiere rasten. Fisch- und Seeadler speisen gelegentlich am Gülper See. Und der Kor­moran ist mit 400 Paaren in­zwischen so häufig, dass die drei Fischer der Gegend ihre Existenz bedroht sehen. Ein Paradies für Ornithologen.

Die Biologen der Uni sind da­

her die häufigsten Gäste. Die Geoökologen untersuchen den Boden, die Pflanzen, die Was­serverdunstung und das Klima an der unteren Havel. Außer­dem unterhält die Station Flächen zur Beobachtung der Vegetation.

Neue Projekte gesucht

Doch damit ist die wild-ro­mantisch gelegene Station nicht ausgelastet. Mühle ist der

einzige Wissenschaftler, der sich ständig dort aufhält. Und alte Untersuchungen, wie die zu den Flugrouten der Gänse und zur Vegetationsgeschichte der Umgebung, sind längst ab­geschlossen. Neue Projekte sollen neu berufene Professo­ren mitbringen. Die neu zu be­setzende Professur für Vegeta­tionsökologie und Natur­schutz etwa könnte hier bei­spielsweise Forschungen be­treiben. Als mögliche Fra­gestellungen sind dabei der Einfluss der Landschaffsstruk­tur auf die Artenvielfalt, die Folgen menschlicher Eingriffe wie Landwirtschaft und Pflege­maßnahmen oder eventuelle positive Auswirkungen von

Ralf-Udo Mühle und zwei ausge- stopfte Exemplare des seltenen Kampfläufers. Foto: Franken

Störungen im Ökosystem denkbar. Auch Freilandunter­suchungen, verknüpft mit ex­perimentellen Ansätzen und ökologischen Modellen auf dem Computer, scheinen möglich. Doch Ralf-Udo Mühle sieht auch für Touris­musforscher und Sozialgeogra­phen einweites Feld für Un­tersuchungen. Das Westhavel­land als großer Naturpark voller Biobauernhöfe sei ein interessantes Gebiet.

Im April 2000 wird die Station für fünf Tage Gastgeberin ei­ner Ringvorlesung zur Ökolo­gie der Unteren Havelniede­rung sein. Dort sollen Studie­rende und Experten aus der Praxis diskutieren, wie die wi­derstreitenden Interessen der Naturschützer, Fischer, Land­schaffsplaner und Bauern auf­einander abgestimmt werden können.

Auch die Freilandpraktika sol­len weiter durchgeführt wer­den. Studenten sollen für ihre praktischen Untersuchungen zu Boden, Wasser und Flora wochenweise nach Gülpe zie­hen. Nach der Renovierung können die Studenten jetzt kommen: In derÖkologi­schen Station Gülpe sind wie­der Betten frei.

mf

Idylle zwischen Havelarmen: Die Ökologische Station Gülpe.

Foto: Franken