PUTZ 1-2/00
Campus
Mit dem Kahn in die Uni
ln der Ökologischen Station Gülpe sind noch Zimmer frei
Ralf-Udo Mühles Jeep schwankt langsam über die nassen Wiesen. Es hat tagelang geregnet. Der Weg zur Vogelstation Gülpe mitten im Naturpark Westhavelland ist beschwerlich. Immerhin kann Mühle die Station in diesem Dezember noch mit dem Auto erreichen. „Bei Hochwasser müssen wir das Auto am Dorfrand abstellen“, erzählt er. Und Hochwasser ist in vielen Jahren von November bis in den Mai. Mühle stakt dann mit dem Kahn ins Labor.
Die „Ökologische Station Gülpe der Universität Potsdam“ liegt rund 30 Kilometer nordwestlich von Nauen. Das ehemalige Gehöft „Hünemörderhof 1 trohnt auf einer drei Meter hohen Erhebung zwischen der Havel, dem Altarm Gülper-Havel und dem Gülper See. Seit 1975 forschen und lehren Potsdamer Wissenschaftler auf der kleinen Anhöhe. Die Universität Potsdam hat die Station in den vergangenen Jahren gründlich renoviert.
Sonne, Holz und Schilf
Das backsteinverkleidete
Haupthaus und die hufeisenförmig angelegten Nebengebäude strahlen neu und frisch. Das rot-gelbe Ensemble ist auf der kleinen Erhebung eng zusammengerückt, um Wind und Hochwasser zu trotzen. In den Nebengebäuden glänzen die noch unberührten Labors, Seminarräume und 20 Betten für Studenten und Gäste. Im Keller bullert eine hochmoderne Holzheizanlage, auf dem Dach wird das Wasser von der Sonne erhitzt, und auf dem Grundstück tut eine Schilfkläranlage ihr stilles Werk: Die ökologische Station ist von Dach bis Keller auf „Öko“ eingestellt. Im Haupthaus sind die Arbeitsräume von Mühle und anderen Wissenschaftlern: Sie
sind voll mit Computern, Schränken und Büchern. Wie anderswo auch. Doch wo sonst Blumen in den Fenstern vertrocknen, steht in Gülpe ein
Heer von Ferngläsern. „Die muss man hier immer griffbereit haben“, sagt Mühle. Denn die Niederung an der unteren Havel ist ein Brut- und Rastparadies für Wat- und Wasservögel. Ständig könnte ein seltener Vogel auffauchen. Und wie bestellt, fliegt ein Raubwürger, lateinisch Lanicus ex- cubitor, ums Haus und stürzt sich aus zehn Metern Höhe auf eine Maus.
„Mindestens 85 Vogelarten können wir hier beobachten“, erklärt Mühle. Die Bekassine oder „Himmelsziege“, die mit ihren Schwanzfedern ein meckerndes Geräusch im Wind verursacht, die „hochgradig vom Aussterben bedrohten“ Kampfläufer, viele Kraniche und natürlich die Gänse aus dem hohen Norden, die hier auf dem Weg in ihre Winterquartiere rasten. Fisch- und Seeadler speisen gelegentlich am Gülper See. Und der Kormoran ist mit 400 Paaren inzwischen so häufig, dass die drei Fischer der Gegend ihre Existenz bedroht sehen. Ein Paradies für Ornithologen.
Die Biologen der Uni sind da
her die häufigsten Gäste. Die Geoökologen untersuchen den Boden, die Pflanzen, die Wasserverdunstung und das Klima an der unteren Havel. Außerdem unterhält die Station Flächen zur Beobachtung der Vegetation.
Neue Projekte gesucht
Doch damit ist die wild-romantisch gelegene Station nicht ausgelastet. Mühle ist der
einzige Wissenschaftler, der sich ständig dort aufhält. Und alte Untersuchungen, wie die zu den Flugrouten der Gänse und zur Vegetationsgeschichte der Umgebung, sind längst abgeschlossen. Neue Projekte sollen neu berufene Professoren mitbringen. Die neu zu besetzende Professur für Vegetationsökologie und Naturschutz etwa könnte hier beispielsweise Forschungen betreiben. Als mögliche Fragestellungen sind dabei der Einfluss der Landschaffsstruktur auf die Artenvielfalt, die Folgen menschlicher Eingriffe wie Landwirtschaft und Pflegemaßnahmen oder eventuelle positive Auswirkungen von
Ralf-Udo Mühle und zwei ausge- stopfte Exemplare des seltenen Kampfläufers. Foto: Franken
Störungen im Ökosystem denkbar. Auch Freilanduntersuchungen, verknüpft mit experimentellen Ansätzen und ökologischen Modellen auf dem Computer, scheinen möglich. Doch Ralf-Udo Mühle sieht auch für Tourismusforscher und Sozialgeographen ein „weites Feld“ für Untersuchungen. Das Westhavelland als großer Naturpark voller Biobauernhöfe sei ein interessantes Gebiet.
Im April 2000 wird die Station für fünf Tage Gastgeberin einer Ringvorlesung zur Ökologie der Unteren Havelniederung sein. Dort sollen Studierende und Experten aus der Praxis diskutieren, wie die widerstreitenden Interessen der Naturschützer, Fischer, Landschaffsplaner und Bauern aufeinander abgestimmt werden können.
Auch die Freilandpraktika sollen weiter durchgeführt werden. Studenten sollen für ihre praktischen Untersuchungen zu Boden, Wasser und Flora wochenweise nach Gülpe ziehen. Nach der Renovierung können die Studenten jetzt kommen: In der „Ökologischen Station Gülpe“ sind wieder Betten frei.
mf
Idylle zwischen Havelarmen: Die Ökologische Station Gülpe.
Foto: Franken