PUTZ 3/00
Absolventen
Auf den eigenen Kopf angewiesen
Gespräch mit einem„Ehemaligen“
Gute Juristen werden nicht nur in Deutschland gebraucht. Dies sagte sich der „Ehemalige“ Andreas Setzepfandt und ging als Rechtsanwalt nach Moskau. Nach seinem Jura-Studium an der Universität Potsdam und seiner dortigen Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter erhielt er 1999 seine Zulassung als Rechtsanwalt. Mit Andreas Setzepfandt unterhielt sich PUTZ-Redakteurin Dr. Barbara Eckardt.
Sie wurden 1970 in Leipzig geboren, studierten in Potsdam und arbeiten jetzt für die Rechtsanwaltskanzlei BBLP mit Büros in ganz Europa, in den USA und Asien. Sie„verschlug“ es nach Moskau. Haben Sie besondere Beziehungen zu dieser Stadt oder zu Russland? Setzepfandt: Es fällt mir schwer, das zu bejahen. Aufgrund meiner. Russischkenntnisse und privaten Reisen in die Ukraine und nach Weißrussland ‚lernte. ich: Land und Leute schätzen. In Moskau sind die Arbeitsmöglichkeiten für Ausländer viel besser als in Kiew oder ‚Minsk. Hinzu kommt, dass sich für mich bei einer. Tätigkeit in einer Sozietät viel weitere berufliche Perspektiven eröffnen, als in Potsdam oder Leipzig als Einzelanwalt. Und es macht mir Spaß, im Moskauer Team zu arbeiten... Nicht zuletzt ist cs auch der Reiz, etwas anderes zu machen, als die Masse der Rechtsanwälte in Deutschland. Verfolgten Sie von Beginn Ihres Studiums an das Ziel, auch im Ausland Berufserfahrungen zu sammeln? Setzepfandt: Genau genommen würde ich mich als Spätstarter. bezeichnen. Erst: im Laufe des Studiums und vor allem während der Sprachkurse kam mir die Idee, diese Kenntnisse auch zu nutzen. Ernsthaft habe ich mich mit dieser Frage aber erst in der Planung der Referendarstationen beschäftigt. Ich hatte an der Uni nebenbei Russisch und Ara
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bisch gelernt. Da mein Russisch besser war als mein Arabisch, bewarb ich mich in Moskau bei mehreren deutschen Anwaltskanzleien.. Ich bekam dann relativ problemlos einen Wahlstationsplatz bei meinem jetzigen Arbeitsgeber. Von da ab lief fast alles automatisch bis zu meiner Einstellung als Rechtsanwalt. Wodurch unterscheidet sich das Berufs- und Alltagsleben in Russland von dem in Deutschland?
Setzepfandt: Auch das Moskauer Büro von BBLP ist eine deutsche Anwaltskanzlei, selbst wenn ich dort der einzige stationäre deutsche Anwalt bin. Die Arbeitsweise hier ist stark an den deutschen Büros orientiert. Aus Sicht des in Deutschland mit Literatur, Kommentierungen usw. verwöhnten Juristen erkennt man schnell den Unterschied‘ zu Russland, wo weite Teile des Rechtssystems immer wieder Änderungen unterliegen. In vielen Fällen ist man allein auf seinen eigenen Kopf angewiesen und kann sich nicht hinter „herrschenden Meinungen verstecken“. Man kann selten genau sagen, wie ein Verfahren ausgeht. Wir führen zum Beispiel derzeit ein Verfahren auf dem Gebiet des unlauteren Wettbewerbes vor dem Antimonopolministerium. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen Verfahren, die auf diesem Gebiet durchgeführt werden.
Fiel es Ihnen schwer, sich in einem Land mit einer anderen Kultur und einer anderen Mentalität der Menschen einzuleben?
Setzepfandt: Man stellt fest, dass vieles mehr Zeit kostet als in Deutschland. Es gibt mehr Formalitäten zu beachten (Passierscheine, Vollmachten, Pass zum Fahrkartenkauf bei der. Eisenbahn etc.). Bestes Beispiel ist das Einkaufen. Die Öffnungszeiten sind toll, jeder macht auf, wann er will. Aber im Gegensatz zum anonymen Supermarkteinkauf in Deutschland muss man sich
meistens mit den Verkäuferinnen verständigen, sonst bekommt man nichts. Ein Erlebnis sind die Märkte, auf denen esü(fast) alles zu kaufen gibt. Die vielfältigen kulturellen Möglichkeiten dürften bekannt sein. Natürlich muss man immer berücksichtigen, dass man als Ausländer mit einem ausländischen Einkommen privilegiert ist. Der Kulturkreis war mir nicht fremd. Die Umstellung auf die russi
Als Rechtsanwalt in Moskau: Andreas Setzepfandt.
Foto: privat
sche Kultur ist für einen Mitteleuropäer relativ: einfach. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in Moskau deutscher sind als in Deutschland. Was mir angenehm auffällt: Ein Nein muss nicht bedeuten, dass nichts geht. Meist kann man noch einmal darüber reden, es wird ein Ausweg gesucht und oft auch eine annehmbare Lösung gefunden. Wichtig ist vor allem, dass man redet und nicht nur Faxe austauscht.
Es gibt auch für Juristen vielfältige Möglichkeiten, internationale Erfahrungen in Ost und West zu sammeln. Nicht immer werden sie ausreichend genutzt. Welche Empfehlungen können Sie geben?
Setzepfandt: Wichtig ist und bleibt eine fundierte und gute juristische Ausbildung. Auch mit den besten Sprachkenntnissen lassen sich mangelnde juristische Fähigkeiten nicht
ausgleichen. Das zeigt sich im Ausland schnell, denn man ist oft der einzige Ansprechpart-| ner für die einheimischen Mitarbeiter, wenn es um das eigene Rechtssystem geht. Den Potsdamer Studenten kann ich nur empfehlen, das Sprachenzentrum intensiv zu nutzen und neben Englisch eine weitere Fremdsprache zu lernen. Auslandsaufenthalte sind nütz lich und sinnvoll, hängen aber oft von den eigenen finanziel len Mitteln ab. Für Jurastu denten ist besonders die Wahl station im Referendariat zu empfehlen. Jeder, der mit dem Gedanken spielt, sich im Aus land zu erproben, sollte diese Gelegenheit: nutzen. Das Ganze lässt sich treffend mit dem Capuccinoprinzip zusam menfassen: Das Jurastudium ist der Kaffee, die Sprachkennt nisse sind die Milch und dic Auslandserfahrungen die Schokostreusel obendrauf. Haben Sie noch Kontakte zu Ihrer ehemaligen Universität in Potsdam?
Setzepfandt: Natürlich habe ich noch Kontakte, insbeson dere zu meiner Russischlehrerin Nina Alisch sowie zu Prof. Dr. Marianne Andrae von der Juristischen Fakultät und allen Mitarbeitern dieses Bereiches. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, dem Sprachenzentrum und der Juristischen Fakultät vorzuschlagen, über gemeinsame Veranstaltungen auch zum russischen Recht nachzudenken, um die Vorteile einer fundierten Sprachausbildung mit juristischen Kenntnissen zu verbinden.
Vielen Dank für das‘Gespräch.
Wer Kontakte zu Andreas Setzepfandt knüpfen möchte, wende sich an:
Beiten Burkhardt Mittl& Wegener, Ulansky Per. 13/1, Rus-101000 Moskau, Tel.:++7-503-2329635, ++7-095-2329635, E-Mail: andreas.setzepfandt@bbmw. de/