Heft 
(1.1.2019) 03
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PUTZ 3/00

Absolventen

Auf den eigenen Kopf angewiesen

Gespräch mit einemEhemaligen

Gute Juristen werden nicht nur in Deutschland ge­braucht. Dies sagte sich der Ehemalige Andreas Setze­pfandt und ging als Rechts­anwalt nach Moskau. Nach seinem Jura-Studium an der Universität Potsdam und seiner dortigen Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbei­ter erhielt er 1999 seine Zu­lassung als Rechtsanwalt. Mit Andreas Setzepfandt un­terhielt sich PUTZ-Redak­teurin Dr. Barbara Eckardt.

Sie wurden 1970 in Leipzig geboren, studierten in Pots­dam und arbeiten jetzt für die Rechtsanwaltskanzlei BBLP mit Büros in ganz Eu­ropa, in den USA und Asien. Sieverschlug es nach Mos­kau. Haben Sie besondere Beziehungen zu dieser Stadt oder zu Russland? Setzepfandt: Es fällt mir schwer, das zu bejahen. Auf­grund meiner. Russischkennt­nisse und privaten Reisen in die Ukraine und nach Weißrus­sland ‚lernte. ich: Land und Leute schätzen. In Moskau sind die Arbeitsmöglichkeiten für Ausländer viel besser als in Kiew oder ‚Minsk. Hinzu kommt, dass sich für mich bei einer. Tätigkeit in einer So­zietät viel weitere berufliche Perspektiven eröffnen, als in Potsdam oder Leipzig als Ein­zelanwalt. Und es macht mir Spaß, im Moskauer Team zu arbeiten... Nicht zuletzt ist cs auch der Reiz, etwas anderes zu machen, als die Masse der Rechtsanwälte in Deutschland. Verfolgten Sie von Beginn Ihres Studiums an das Ziel, auch im Ausland Berufser­fahrungen zu sammeln? Setzepfandt: Genau genom­men würde ich mich als Spät­starter. bezeichnen. Erst: im Laufe des Studiums und vor al­lem während der Sprachkurse kam mir die Idee, diese Kennt­nisse auch zu nutzen. Ernst­haft habe ich mich mit dieser Frage aber erst in der Planung der Referendarstationen be­schäftigt. Ich hatte an der Uni nebenbei Russisch und Ara­

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bisch gelernt. Da mein Rus­sisch besser war als mein Ara­bisch, bewarb ich mich in Moskau bei mehreren deut­schen Anwaltskanzleien.. Ich bekam dann relativ problemlos einen Wahlstationsplatz bei meinem jetzigen Arbeitsgeber. Von da ab lief fast alles auto­matisch bis zu meiner Einstel­lung als Rechtsanwalt. Wodurch unterscheidet sich das Berufs- und Alltagsleben in Russland von dem in Deutschland?

Setzepfandt: Auch das Mos­kauer Büro von BBLP ist eine deutsche Anwaltskanzlei, selbst wenn ich dort der ein­zige stationäre deutsche An­walt bin. Die Arbeitsweise hier ist stark an den deutschen Büros orientiert. Aus Sicht des in Deutschland mit Literatur, Kommentierungen usw. ver­wöhnten Juristen erkennt man schnell den Unterschied zu Russland, wo weite Teile des Rechtssystems immer wieder Änderungen unterliegen. In vielen Fällen ist man allein auf seinen eigenen Kopf angewie­sen und kann sich nicht hinter herrschenden Meinungen verstecken. Man kann selten genau sagen, wie ein Verfahren ausgeht. Wir führen zum Bei­spiel derzeit ein Verfahren auf dem Gebiet des unlauteren Wettbewerbes vor dem Anti­monopolministerium. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen Verfahren, die auf diesem Gebiet durchgeführt werden.

Fiel es Ihnen schwer, sich in einem Land mit einer ande­ren Kultur und einer ande­ren Mentalität der Menschen einzuleben?

Setzepfandt: Man stellt fest, dass vieles mehr Zeit kostet als in Deutschland. Es gibt mehr Formalitäten zu beachten (Passierscheine, Vollmachten, Pass zum Fahrkartenkauf bei der. Eisenbahn etc.). Bestes Beispiel ist das Einkaufen. Die Öffnungszeiten sind toll, jeder macht auf, wann er will. Aber im Gegensatz zum anonymen Supermarkteinkauf in Deutschland muss man sich

meistens mit den Verkäuferin­nen verständigen, sonst be­kommt man nichts. Ein Erleb­nis sind die Märkte, auf denen esü(fast) alles zu kaufen gibt. Die vielfältigen kulturellen Möglichkeiten dürften be­kannt sein. Natürlich muss man immer berücksichtigen, dass man als Ausländer mit ei­nem ausländischen Einkom­men privilegiert ist. Der Kul­turkreis war mir nicht fremd. Die Umstellung auf die russi­

Als Rechtsanwalt in Moskau: And­reas Setzepfandt.

Foto: privat

sche Kultur ist für einen Mitte­leuropäer relativ: einfach. Manchmal habe ich das Ge­fühl, dass wir in Moskau deut­scher sind als in Deutschland. Was mir angenehm auffällt: Ein Nein muss nicht bedeuten, dass nichts geht. Meist kann man noch einmal darüber re­den, es wird ein Ausweg ge­sucht und oft auch eine an­nehmbare Lösung gefunden. Wichtig ist vor allem, dass man redet und nicht nur Faxe aus­tauscht.

Es gibt auch für Juristen vielfältige Möglichkeiten, in­ternationale Erfahrungen in Ost und West zu sammeln. Nicht immer werden sie aus­reichend genutzt. Welche Empfehlungen können Sie geben?

Setzepfandt: Wichtig ist und bleibt eine fundierte und gute juristische Ausbildung. Auch mit den besten Sprachkennt­nissen lassen sich mangelnde juristische Fähigkeiten nicht

ausgleichen. Das zeigt sich im Ausland schnell, denn man ist oft der einzige Ansprechpart-| ner für die einheimischen Mit­arbeiter, wenn es um das ei­gene Rechtssystem geht. Den Potsdamer Studenten kann ich nur empfehlen, das Sprachen­zentrum intensiv zu nutzen und neben Englisch eine wei­tere Fremdsprache zu lernen. Auslandsaufenthalte sind nütz lich und sinnvoll, hängen aber oft von den eigenen finanziel len Mitteln ab. Für Jurastu denten ist besonders die Wahl station im Referendariat zu empfehlen. Jeder, der mit dem Gedanken spielt, sich im Aus land zu erproben, sollte diese Gelegenheit: nutzen. Das Ganze lässt sich treffend mit dem Capuccinoprinzip zusam menfassen: Das Jurastudium ist der Kaffee, die Sprachkennt nisse sind die Milch und dic Auslandserfahrungen die Schokostreusel obendrauf. Haben Sie noch Kontakte zu Ihrer ehemaligen Universität in Potsdam?

Setzepfandt: Natürlich habe ich noch Kontakte, insbeson dere zu meiner Russischlehre­rin Nina Alisch sowie zu Prof. Dr. Marianne Andrae von der Juristischen Fakultät und allen Mitarbeitern dieses Bereiches. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, dem Sprachenzentrum und der Juristischen Fakultät vorzuschlagen, über gemein­same Veranstaltungen auch zum russischen Recht nachzu­denken, um die Vorteile einer fundierten Sprachausbildung mit juristischen Kenntnissen zu verbinden.

Vielen Dank für dasGe­spräch.

Wer Kontakte zu Andreas Setzepfandt knüpfen möchte, wende sich an:

Beiten Burkhardt Mittl& Wegener, Ulansky Per. 13/1, Rus-101000 Moskau, Tel.:++7-503-2329635, ++7-095-2329635, E-Mail: andreas.setzepfandt@bbmw. de/