Heft 
(1.1.2019) 03
Einzelbild herunterladen

PUTZ 3/00

Wissenschaft aktuell

intellektuelle in der Politik

Untersuchungen zu einem zwiespältigen Image

Häufig wird die Weimarer Republik nur als Vorabend des Nationalsozialismus wahrgenommen. Im Ange­sicht der heraufziehenden politischen Gefahr hätten insbesondere die Intellektu­ellen als Warner, Kritiker und moralisches Gewissen der Gesellschaft versagt, so die Kritik. Dem steht die Le­ende von dengoldenen zwanziger Jahren gegen­über, der kurzen, aber inten­siven und produktiven Blü­tezeit deutscher Kunst und Kultur. Beide Thesen haben als Facetten einer höchst tur­bulenten und spannungsrei­chen Zeit ihre Berechtigung. Je für sich genommen, geben sie nur ein einseitiges Bild.

Ausgangspunkt der intellektu­ellen Debatten dieser Zeit war die traumatische Erfahrung des Ersten Weltkrieges. Dieser Krieg markierte für die Intel­lektuellen eine Zäsur im prin­zipiellen Vertrauen auf Fort­schritt und Humanität. Was im Vorfeld des Weltkrieges eu­phorische Erwartung in die Gestaltungsmöglichkeiten von Technik und Wissenschaft war, hatte sich mit der Erfahrung des Krieges in die Depression möglicher Vernichtung ‚auf höchstem technischen Niveau verkehrt. Nach dem bis dahin

beispiellosen Zusammen­schluss von fortgeschrittener Technik, nationalistischer

Ideologie und Mobilisierung der Massen zur Vernichtungs­Maschinerie des Krieges war es nicht mehr möglich, naiv menschliche Würde und indi­Vviduelle Einzigartigkeit gegen die banale Realität der ökono­mischen, politischen und so­Zialen Prozesse zu setzen. Was zuvor als unproblematisch un­terstellt wurde, musste nun, sollte es sich durch die Erfah­rung seiner praktischen Wider­legung erneuern, neu begrün­det werden: die Möglichkeit eines politischen Humanismus Unter der Bedingung seiner fortgesetzten Gefährdung.

Mit denIdeen von 1914

hatten auch deutsche Philoso­phen ihren Beitrag zu dieser weltgeschichtlichen geistigen Entscheidungsschlacht zwi­schen Kultur und Zivilisation geleistet, als die sie den Ersten Weltkrieg sahen.Am deut­schen Wesen soll die Welt ge­nesen, so hieß es später bei den Nazis in zynischer Verkeh­rung einer ursprünglich von deutschen Philosophen und Literaten des 19. Jahrhunderts in Anspruch genommenen be­sonderen deutschen Mission nationaler Stellvertretung von Geist und Humanität. Diejeni­gen deutschen Intellektuellen, die auch nach dem verlorenen Krieg dessen Verlängerung zur geistig-kulturellen Niederlage verhindern wollten, behaupte­ten eine prinzipielle Unabhän­gigkeit von Ideen gegenüber politischen Bewegungen und gesellschaftlichen Entwicklun­gen. Ideen, so meinten Sie; könnten gar nicht politisch oder militärisch widerlegt wer­den, sondern unterlägen eige­nen Geltungskriterien.

Intellektuellenrolle

Mit der Infragestellung von Humanismus und Fortschritt

war auch die Intellektuellen

rolle selbst fraglich geworden. Ihre Selbstthematisierung wurde zu einem wichtigen Thema der Philosophie. Was, so wurde etwa in diesem Zu­sammenhang gefragt und hef­tig und kontrovers diskutiert, hat die menschliche Natur mit der Politik zu tun? Gingen die einen davon aus, als ureigenste Angelegenheit des Menschen habe die Politik selbst eine exi­stentielle und anthropologi­sche Tiefendimension, so wa­ren andere der Überzeugung, durch jegliche Politik, unab­hängig von ihrer inhaltlichen Ausrichtung, werde der Mensch zum ideologischen Wesen degradiert. Quer zu dieser Kontroverse, wenn auch eng mit ihr verbunden, stand die Frage nach der intellektuell angemessenen Nähe oder Di­stanz zur Politik. Gegen die

Überzeugung, Philosophie müsse sich im eigenen Inter­esse und im Interesse der Poli­tik intellektuelle Unabhängig­keit und Selbständigkeit be­wahren, um aus der Beobach­terperspektive eine kritische Sicht auf(die ‚Poliikazugent: wickeln, stand hier die Be; hauptung eines geistigen Führungsanspruchs, mit der gerade die Nähe zur Politik ge­sucht wurde.

Gefahr der Überschätzung

Bei aller berechtigten Erwar­tung an die intellektuelle Wahrnehmung politischer Ver­antwortung besteht hier auch die Gefahr, die politischen Möglichkeiten und die kultu­relle Reichweite intellektueller Konzepte zu Üüberschätzen. Das gilt in besonderem Maße für die Weimarer Republik, de­ren Möglichkeiten sicher nicht vorrangig durch das intellektu­elle Feuilleton oder die politi­sche Unentschiedenheit philo­sophischer Intellektueller ver­spielt wurden. In der Zeit der

Der Maler und Grafiker Georges Grosz(1893-1959) gehörte zu den sozialkritischen Künstlern, die Spießertum und Bigotterie angrif­fen. Hier sein 1917/18 entstandenes GemäldeDeutschland, ein Win­termärchen. Abb.: Repro Weimarer Republik liefen viel­mehr beeindruckend differen­zierte, auch politisch ausgewo­gene Debatten, die es zumin­

dest für die philosophische Kultur durchaus rechtfertigen, für sie von dengoldenen zwanziger Jahren zu spre­chen.

Politisches Verständnis fehlte

Viele Intellektuelle der Zeit haben sich den politischen Herausforderungen auf ihre Weise gestellt. Häufig weiger­ten sie sich jedoch, ihren hell­sichtigen Analysen den not­wendigen politischen Klartext folgen zu lassen. Damit ver­spielten sie allzuoft die Chance, ihre kulturelle Kom­petenz in die Politik einzubrin­gen. An Mut har es ihnen si­cher nicht gefehlt. Eher schon war es das politische Selbstver­ständnis ihrer Intellektuellen­rolle, das sie an solchen Inter­ventionen in die Politik hin­derte. Ein dezidiert politisches Verständnis der intellektuellen Rolle fand sich in Deutschland zu dieser Zeit nur in Ausnah­mefällen. Nur wenige nahmen die politische Gefährdung der Republik zum Anlass, sich als Intellektuelle für sie einzuset­zen. Insbesondere die Philoso­phen bestanden alsParteigän­ger der Vernunft auf politi­scher Zurückhaltung.

Dr. Wolfgang Bialas/Institut für Philosophie

Der Philosoph Dr. Wolfgang Bialas arbeitet zusammen mit Dr. Annedore Schulze unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Peter Krüger noch bis Ende dieses Jahres in der Max-Planck-Arbeitsgruppe Wissenschaftskulturen im Kommunikationsprozess des 20. Jahrhunderts am Insti­tut für Philosophie. In sei­nem eigenen Forschungs­projekt beschäftigt er sich unter anderem mit der intel­lektuellen Situation der deutschen Zwischenkriegs­zeit und hier insbesondere mit der philosophischen Kul­tur der Weimarer Republik.

15