PUTZ 3/00
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Die Weichen müssen gestellt werden
Bei Studiengebühren gehen Meinungen weit auseinander
Ein Studium kostet Geld. Soweit scheint Konsens zu bestehen. Wer aber soll zahlen? Spätestens hier scheiden sich die Geister. Das Thema Studiengebühren spaltet Kenner des Hochschulmetiers seit längerem in unterschiedliche Lager. Denn zwingende Argumente tragen sowohl Befürworter als auch Gegner der Idee vor. Erst im
März dieses Jahres plädierte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz(HRK), Klaus Landfried, für mehr Bedachtsamkeit in der Diskussion. Er bestätigte jedoch Berichte, nach denen zwei HRK-Kommassionen an dem Thema arbeiten. Inzwischen hat sich unter anderem Hans Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbandes der
Deutschen Industrie und nicht ganz einflusslos, als Freund einer möglichen Einführung von Gebühren geoutet. Strikt dagegen ist bisher Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die davor warnt, die gerade erreichte Entlastung der Familien durch mehr Kindergeld und weniger Steuern auf diese Weise aushebeln zu wollen.
Auch die Juso-Hochschulgruppen und der CDU-nahe Ring
Christlich-Demokratischer Stu-|
denten(RCDS) wiesen Gebührenpläne zurück.
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PUTZ fragte jetzt in der Uni|
zum Thema nach. Dabei gin‚gen die Positionen weit auseinander. Die beiden folgenden Beiträge geben einen Einblick.
Pro
In einer offenen Gesellschaft muss jedermann in der Lage sein, seine Begabungen und Fähigkeiten zu entwickeln, sich zu bilden. Bildung gibt den Menschen Zukunftschancen und ermöglicht ein Leben in Freiheit und Selbstverantwortung. Jeder hat ein Recht auf Bildung entsprechend seiner Befähigung, egal ob arm oder reich. Dieses Recht duldet keine Sonderung nach Besitzverhältnissen.
Akademische Bildung ist zum Nulltarif nicht zu haben. Wer das Studium auf Staatskosten propagiert, spricht von Zeiten, die vergangen sind. Wer durch Staatsvertrag ein Verbot von Studiengebühren festlegen will, macht sich populär, hat aber nicht begriffen oder verschweigt, dass der Wohlfahrtsstaat am Ende ist. Sechs Milliarden Mark fehlen an deutschen Hochschulen, für die Lehre knapp zwei Milliarden. Das Gratis-Studium an der Massenuniversität ist dürftig geworden.
Es wäre eine Torheit, die Zukunftschancen der jungen Generation zu vertun, weil der Staat überfordert ist. Finanzielle Eigenleistungen der Empfänger akademischer Bildung Studiengebühren-sind zur Qualitätssicherung von Lehre und Forschung unabwendbar. Sie führen zu nachfrageorientierter Differenzierung unter den Universitäten und Fakultäten. Studiengebühren dürfen freilich nicht dazu herhalten, Löcher im Staatsetat zu stopfen.
In Deutschland- anders als auf dem Rest des Globus- will es kaum jemand wahrhaben: Stu
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diengebühren sind gerecht! Jeder ist gehalten, in seine akademische Bildung so viel zu investieren, wie er aus eigener Kraft aufbringen kann, so viel; wie ihm seine Zukunft wert ist. Dabei muss die Familie mithelfen. Nur wer bedürftig ist, hat ein gutes Recht auf gebührenfreies Studium und auf Unterstützung durch die Allgemeinheit. Wer aber seine Zukunft als Akademiker auf Kosten des Volkes schmiedet, obwohl er selbst betucht ist oder die Seinen„Pulver“ haben, ist egoistisch, unsozial und unsolidarisch und sollte sich hüten, das Schlagwort von der Armut als Bildungsbarriere im Munde zu führen. Die Mehrheit der Studenten weiß das. Schon Karl Marx: erkannte. in seinen Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei: „Wenn in einigen Staaten... ‚höhere? Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich’ sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten“(Kritik des Gothaer Programmentwurfs von 1875). Und schließlich gilt auch für die Befreiung von Studiengebühren der preußische Grundsatz: Nicht jedem das Gleiche, sondern jedem das Seine.
Prof. Dr. iur. Detlev W. Belling, M.C.L./Juristische Fakultät
Kontra
In einem Land, in dem so viel von Freiheit die Rede ist- und ich hoffe sehr, dass dieser Begriff kein verhüllendes Substitut für Egoismus ist— sollte dafür gesorgt werden, dass junge Leute, die mit 18 Jahren
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Ob Studiengebühren kommen oder nicht bleibt noch abzuwarten. In den Taschen so manchen Studierenden herrscht jedenfalls schon jetzt Ebbe.
als gleichberechtigte Staatsbürger gelten, nicht mehr in finanzieller Abhängigkeit von ihren Eltern arbeiten und studieren müssen. Es erscheint mir als ein Paradoxon, dass in dem Augenblick, in dem der Wandel der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft propagiert wird, akademische Ausbildung zur Ware verkommen soll. Wenn der Staat seine Daseinsberechtigung erhalten will, ist er für die personelle und finanzielle Absicherung eines umfassenden Strukturwandels zur Wissensgesellschaft maßgeblich mit verantwortlich. Wenn seine Kassen leer sind und gleichzeitig Banken und Aktionäre jährlich höhere Gewinne und Dividenden einstecken, ist für den denkenden Menschen, der noch ein soziales Gewissen für sich in Anspruch nimmt, klar, wo das Geld herkommen kann. Alle die; für die die soziale Verantwortung des Staates eine Mumie von gestern ist, werden solche Prämissen natürlich nie teilen; Wenn schon‘ heure in
Foto: z9.
der sogenannten Zweidrittelgesellschaft die Unabhängigkeit der Studierenden vom Elternhaus nur theoretisch gesichert ist— wem der Lebensunterhalt von seinen Eltern großzügig finanziert wird, kann effizienter und„schneller“ zum Abschluss kommen als diejenigen, die für ihren Unterhalt selbst sorgen müssen— würde die Einführung von Studiengebühren diese Ungleichheit entschieden verschärfen. Natürlich muss über eine höhere Effizienz der umfangreichen staatlichen Mittel für die akademische Ausbildung nachgedacht werden. Eignungsprüfungen für Studienbewerber und Studienbewerberinnen könnten sowohl die Entscheidungen der Abiturienten qualifizieren und die Zahl der Studienabbrecher deutlich senken. Leistungs prinzip und Wissensgesellschaft sind sicher entschiedener zu verbinden.
Prof. Dr. Helmut John/Institut für Germanistik