Heft 
(1.1.2019) 03
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PUTZ 3/00

Forum|

Die Weichen müssen gestellt werden

Bei Studiengebühren gehen Meinungen weit auseinander

Ein Studium kostet Geld. So­weit scheint Konsens zu beste­hen. Wer aber soll zahlen? Spä­testens hier scheiden sich die Geister. Das Thema Studienge­bühren spaltet Kenner des Hochschulmetiers seit längerem in unterschiedliche Lager. Denn zwingende Argumente tragen sowohl Befürworter als auch Gegner der Idee vor. Erst im

März dieses Jahres plädierte der Präsident der Hochschulrekto­renkonferenz(HRK), Klaus Landfried, für mehr Bedacht­samkeit in der Diskussion. Er bestätigte jedoch Berichte, nach denen zwei HRK-Kommassio­nen an dem Thema arbeiten. Inzwischen hat sich unter ande­rem Hans Olaf Henkel, Präsi­dent des Bundesverbandes der

Deutschen Industrie und nicht ganz einflusslos, als Freund ei­ner möglichen Einführung von Gebühren geoutet. Strikt dage­gen ist bisher Bundesbildungs­ministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die davor warnt, die ge­rade erreichte Entlastung der Familien durch mehr Kinder­geld und weniger Steuern auf diese Weise aushebeln zu wollen.

Auch die Juso-Hochschulgrup­pen und der CDU-nahe Ring

Christlich-Demokratischer Stu-|

denten(RCDS) wiesen Ge­bührenpläne zurück.

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PUTZ fragte jetzt in der Uni|

zum Thema nach. Dabei gin­‚gen die Positionen weit ausein­ander. Die beiden folgenden Beiträge geben einen Einblick.

Pro

In einer offenen Gesellschaft muss jedermann in der Lage sein, seine Begabungen und Fähigkeiten zu entwickeln, sich zu bilden. Bildung gibt den Menschen Zukunftschan­cen und ermöglicht ein Leben in Freiheit und Selbstverant­wortung. Jeder hat ein Recht auf Bildung entsprechend sei­ner Befähigung, egal ob arm oder reich. Dieses Recht dul­det keine Sonderung nach Be­sitzverhältnissen.

Akademische Bildung ist zum Nulltarif nicht zu haben. Wer das Studium auf Staatskosten propagiert, spricht von Zeiten, die vergangen sind. Wer durch Staatsvertrag ein Verbot von Studiengebühren festlegen will, macht sich populär, hat aber nicht begriffen oder ver­schweigt, dass der Wohlfahrts­staat am Ende ist. Sechs Milli­arden Mark fehlen an deut­schen Hochschulen, für die Lehre knapp zwei Milliarden. Das Gratis-Studium an der Massenuniversität ist dürftig geworden.

Es wäre eine Torheit, die Zu­kunftschancen der jungen Ge­neration zu vertun, weil der Staat überfordert ist. Finanzi­elle Eigenleistungen der Emp­fänger akademischer Bildung ­Studiengebühren-sind zur Qualitätssicherung von Lehre und Forschung unabwendbar. Sie führen zu nachfrageorien­tierter Differenzierung unter den Universitäten und Fakul­täten. Studiengebühren dürfen freilich nicht dazu herhalten, Löcher im Staatsetat zu stop­fen.

In Deutschland- anders als auf dem Rest des Globus- will es kaum jemand wahrhaben: Stu­

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diengebühren sind gerecht! Je­der ist gehalten, in seine aka­demische Bildung so viel zu in­vestieren, wie er aus eigener Kraft aufbringen kann, so viel; wie ihm seine Zukunft wert ist. Dabei muss die Familie mithel­fen. Nur wer bedürftig ist, hat ein gutes Recht auf gebühren­freies Studium und auf Unter­stützung durch die Allgemein­heit. Wer aber seine Zukunft als Akademiker auf Kosten des Volkes schmiedet, obwohl er selbst betucht ist oder die Sei­nenPulver haben, ist egoi­stisch, unsozial und unsolida­risch und sollte sich hüten, das Schlagwort von der Armut als Bildungsbarriere im Munde zu führen. Die Mehrheit der Stu­denten weiß das. Schon Karl Marx: erkannte. in seinen Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei: Wenn in einigen Staaten... ‚höhere? Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuer­säckel bestreiten(Kritik des Gothaer Programmentwurfs von 1875). Und schließlich gilt auch für die Befreiung von Studiengebühren der preußi­sche Grundsatz: Nicht jedem das Gleiche, sondern jedem das Seine.

Prof. Dr. iur. Detlev W. Bel­ling, M.C.L./Juristische Fa­kultät

Kontra

In einem Land, in dem so viel von Freiheit die Rede ist- und ich hoffe sehr, dass dieser Be­griff kein verhüllendes Substi­tut für Egoismus ist sollte dafür gesorgt werden, dass junge Leute, die mit 18 Jahren

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Ob Studiengebühren kommen oder nicht bleibt noch abzuwarten. In den Ta­schen so manchen Studierenden herrscht jedenfalls schon jetzt Ebbe.

als gleichberechtigte Staatsbür­ger gelten, nicht mehr in fi­nanzieller Abhängigkeit von ihren Eltern arbeiten und stu­dieren müssen. Es erscheint mir als ein Paradoxon, dass in dem Augenblick, in dem der Wandel der Industriegesell­schaft zur Wissensgesellschaft propagiert wird, akademische Ausbildung zur Ware verkom­men soll. Wenn der Staat seine Daseinsberechtigung erhalten will, ist er für die personelle und finanzielle Absicherung ei­nes umfassenden Strukturwan­dels zur Wissensgesellschaft maßgeblich mit verantwort­lich. Wenn seine Kassen leer sind und gleichzeitig Banken und Aktionäre jährlich höhere Gewinne und Dividenden ein­stecken, ist für den denkenden Menschen, der noch ein sozia­les Gewissen für sich in An­spruch nimmt, klar, wo das Geld herkommen kann. Alle die; für die die soziale Verant­wortung des Staates eine Mu­mie von gestern ist, werden solche Prämissen natürlich nie teilen; Wenn schon heure in

Foto: z9.

der sogenannten Zweidrittel­gesellschaft die Unabhängig­keit der Studierenden vom El­ternhaus nur theoretisch gesi­chert ist wem der Lebensun­terhalt von seinen Eltern großzügig finanziert wird, kann effizienter undschnel­ler zum Abschluss kommen als diejenigen, die für ihren Unterhalt selbst sorgen müs­sen würde die Einführung von Studiengebühren diese Ungleichheit entschieden ver­schärfen. Natürlich muss über eine höhere Effizienz der um­fangreichen staatlichen Mittel für die akademische Ausbil­dung nachgedacht werden. Eignungsprüfungen für Studi­enbewerber und Studienbe­werberinnen könnten sowohl die Entscheidungen der Abitu­rienten qualifizieren und die Zahl der Studienabbrecher deutlich senken. Leistungs prinzip und Wissensgesell­schaft sind sicher entschiede­ner zu verbinden.

Prof. Dr. Helmut John/In­stitut für Germanistik