Heft 
(1.1.2019) 06
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Campus

PUTZ 6/00

Keine Heimat und keine Fremde

Helene Harth erinnert sich

Die Romanistin Prof. Dr. Helene Harth gehörte zu de­nen, die die Universität Potsdam aufbauten, zunächst als Institutsdirek­torin, später als Prorektorin. Aus Anlass ihres 60. Ge­burtstages unterhielt sich PUTZ-Redakteurin Dr. Bar­bara Eckardt mit der Wis­senschaftlerin.

Als Sie 1991 von Saar­brücken nach Potsdam ka­men, sahen Sie in Branden­burg für das Gestalten von Neuem günstigere Bedin­gungen als in anderen neuen Bundesländern. Welche Er­fahrungen machten Sie in diesem Zusammenhang bei dem von Ihnen geleiteten Aufbau des Instituts für Ro­manistik an der Universität Potsdam?

Harth: Im Herbst 1991 kam ich nach Potsdam, nicht weil ich in Brandenburg das ge­lobte Land unter den neuen Bundesländern gesucht hätte, sondern weil mich der dama­lige brandenburgische Wissen­;schaftsminister Hinrich Ender­lein darum gebeten hatte. Den Schritt nach Potsdam habe ich niemals bereut. Er bescherte mir und den Mitarbeitern der ersten Stunde, Sybille Große, Kerstin Prüfer und Walter Finke, eine abenteuerliche, an­strengende, aber auch schr schöne, wissenschaftlich und menschlich unvergessliche Zeit. Wir hatten noch keine Möbel, keine Bücher, kein festes Programm, aber vom er­sten Tag an fast hundert bran­denburgische Lehrer, die Fran­zösisch studieren wollten. Alle Beteiligten hatten das Gefühl, einen historischen Augenblick zu erleben, als diesen Lehrern ihr Staatsexamenszeugnis überreicht wurde. Inzwischen ist das Institut erheblich ge­wachsen und konsolidiert, auch wenn unsere Wünsche keineswegs alle in Erfüllung gegangen sind. Wir haben un­sere Beziehungen zu europä­ischen Partnerhochschulen konsolidiert und arbeiten seit Jahren gemeinsam an der Ver­

breitung der romanischen Kul­turen weit über den akademi­schen Bereich hinaus. Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass die ostdeutschen Mitarbeiter der ersten Stunde im akademischen Bereich wei­terarbeiten konnten und dass aus den ersten ostdeutschen und westdeutschen Studenten inzwischen auch wissenschaft­liche Mitarbeiter hervorgegan­gen sind.

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre waren Sie als Pro­rektorin unter sehr schwieri­gen Bedingungen für Ent­wicklungsplanung und Fi­nanzen an der Universität Potsdam zuständig. Wie se­hen Sie die Zukunft der Uni­versität?

Harth: Die Universität Pots­dam hat in ihren verschiedenen Fakultäten ein ausgezeichnetes wissenschaftliches Potenzial, das in den letzten Jahren im Zuge der Aufbauarbeit immer deutlicher sichtbar geworden ist. Wenn die verfügbaren fi­nanziellen Ressourcen ihm das Wasser reichen könnten, brauchten wir uns um die Zu­kunft dieser Einrichtung keine Sorgen zu machen. In Bran­denburg wählte man den Weg der permanenten Abmagerung der vorhandenen Einrichtun­gen. Die vorhandenen Mittel gleichen einer Bettdecke, die viel zu kurz geraten ist. Die Zeit im Prorektorat hat mir deutlich gemacht, dass bei Ein­satz aller Energie unter Aufbie­tung aller verfügbaren Gestal­tungskräfte eigentlich nicht mehr zu erreichen ist als die Verhinderung von Schlimme­rem. Das ist bitter und nicht eben motivierend. Trotz aller positiven Erfahrungen war ich deshalb auch nicht bereit, noch einmal für ein Amt in der Hochschulleitung zu kandidie­ren. Wenn sich die vorhande­nen Ressourcen nicht steigern lassen, wird die Uni Potsdam um eine weitere Abmage­rungskur nicht herumkom­men. Man munkelt bereits von 160 Professuren. Wenn diese Zahlen realisiert werden, wird

es noch einmal gravierende Einschnitte in die Struktur ge­ben müssen. Wie wir alle wis­sen, wäre dies angesichts wach­sender bundesweiter Konkur­renz unter den Hochschulen ein Todesurteil für die betrof­fene Einrichtung.

1999 haben Sie eine weitere wichtige Aufgabe übernom­men. Sie sind Vizepräsiden­tin der Deutsch-Französi­schen Hochschule. Welche neuen bildungspolitischen Ansätze werden mit der Gründung dieser Hoch­schule verfolgt?

Harth: Die Deutsch-Französi­sche Hochschule wurde auf

Prof. Dr. Helene Harth Foto: Tribukeit

der Basis des Weimarer Ab­kommens zwischen beiden Ländern gegründet und hat die Aufgabe, die bilaterale Zu­sammenarbeit im Bereich von Wissenschaft, Forschung, Aus­und Weiterbildung zwischen beiden Ländern zu vertiefen und zu intensivieren. Sie knüpft an eine zehnjährige er­folgreiche Arbeit des Deutsch­französischen Hochschulkol­legs an, in deren Verlauf 70 bi­laterale Studiengänge in den unterschiedlichsten Fächern aufgebaut wurden, die Studen­ten ein gut organisiertes Stu­dium in beiden Ländern mit entsprechenden bilateralen Abschlüssen ermöglichen. Diese Studiengänge werden nun weitergeführt und durch neue Maßnahmen im Bereich der Forschungskooperation, der bilateralen Graduiertenför­derung und der telekommuni­kativen Vernetzung zwischen

den Hochschulen ergänzt. Wir wollen daraufhin arbeiten, dass sich die Attraktivität des euro­päischen Bildungsmarktes in Zukunft weiter erhöht und dass allmählich so etwas wie eine gemeinsame europäische Wissenschaftslandschaft ent­steht.

Sie haben enge dienstliche und auch private Kontakte zu Frankreich und Italien. Was macht für Sie den Reiz dieser Länder aus?

Harth: In Frankreich habe ich nach Abschluss meines Studi­ums der Klassischen Philolo­gie, Germanistik und Philoso­phie einen Teil meiner Zeit verbracht. Die französische Kultur hat mich so sehr beein­druckt und fasziniert, dass ich beschloss, zur Romanistik zu wechseln. Die kulturellen Kon­takte zu Frankreich, zu seiner Literatur und seiner Gesell­schaft, haben nicht unerheb­lich dazu beigetragen, mir meine eigene kulturelle Iden­tität als Deutsche bewusst wer­den zu lassen und mir eine Vorstellung zu vermitteln, was eine kulturelle Identität Euro­pas jenseits aller politischen Sonntagsreden und bürokrati­schen. Planungen bedeuten könnte. Zur italienischen Kul­tur bin ich erst viel später ge­kommen. Ich habe die Sprache zunächst wie ein Gastarbeiter im lebendigen Umgang mit in­tellektuellen Freunden gelernt und erst später systematisch vertieft. Das macht sie mir bis heute besonders lieb und zur zweiten Muttersprache. Beide Länder und die vielen Freunde dort. gehören als fester Be­standteil zu meinem Leben und zu meinem kulturellen Horizont. Wo immer ich ge­rade bin, die Perspektive des Anderswo ist mit präsent. Es gibt für mich im strengen Sinne keineHeimat und keine Fremde mehr, wie das im al­ten Emigrationsdiskurs noch üblich war, sondern ein perma­nentes: kulturellesDazwi­schen, wo man ohne Nostalgie dauerhaft in Bewegung ist. Vielen Dank für das Gespräch.

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