Campus
PUTZ 6/00
Keine Heimat und keine Fremde
Helene Harth erinnert sich
Die Romanistin Prof. Dr. Helene Harth gehörte zu denen, die die Universität Potsdam aufbauten, zunächst als Institutsdirektorin, später als Prorektorin. Aus Anlass ihres 60. Geburtstages unterhielt sich PUTZ-Redakteurin Dr. Barbara Eckardt mit der Wissenschaftlerin.
Als Sie 1991 von Saarbrücken nach Potsdam kamen, sahen Sie in Brandenburg für das Gestalten von Neuem günstigere Bedingungen als in anderen neuen Bundesländern. Welche Erfahrungen machten Sie in diesem Zusammenhang bei dem von Ihnen geleiteten Aufbau des Instituts für Romanistik an der Universität Potsdam?
Harth: Im Herbst 1991 kam ich nach Potsdam, nicht weil ich in Brandenburg das gelobte Land unter den neuen Bundesländern gesucht hätte, sondern weil mich der damalige brandenburgische Wissen;schaftsminister Hinrich Enderlein darum gebeten hatte. Den Schritt nach Potsdam habe ich niemals bereut. Er bescherte mir und den Mitarbeitern der ersten Stunde, Sybille Große, Kerstin Prüfer und Walter Finke, eine abenteuerliche, anstrengende, aber auch schr schöne, wissenschaftlich und menschlich unvergessliche Zeit. Wir hatten noch keine Möbel, keine Bücher, kein festes Programm, aber vom ersten Tag an fast hundert brandenburgische Lehrer, die Französisch studieren wollten. Alle Beteiligten hatten das Gefühl, einen historischen Augenblick zu erleben, als diesen Lehrern ihr Staatsexamenszeugnis überreicht wurde. Inzwischen ist das Institut erheblich gewachsen und konsolidiert, auch wenn unsere Wünsche keineswegs alle in Erfüllung gegangen sind. Wir haben unsere Beziehungen zu europäischen Partnerhochschulen konsolidiert und arbeiten seit Jahren gemeinsam an der Ver
breitung der romanischen Kulturen weit über den akademischen Bereich hinaus. Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass die ostdeutschen Mitarbeiter der ersten Stunde im akademischen Bereich weiterarbeiten konnten und dass aus den ersten ostdeutschen und westdeutschen Studenten inzwischen auch wissenschaftliche Mitarbeiter hervorgegangen sind.
In der zweiten Hälfte der 90er Jahre waren Sie als Prorektorin unter sehr schwierigen Bedingungen für Entwicklungsplanung und Finanzen an der Universität Potsdam zuständig. Wie sehen Sie die Zukunft der Universität?
Harth: Die Universität Potsdam hat in ihren verschiedenen Fakultäten ein ausgezeichnetes wissenschaftliches Potenzial, das in den letzten Jahren im Zuge der Aufbauarbeit immer deutlicher sichtbar geworden ist. Wenn die verfügbaren finanziellen Ressourcen ihm das Wasser reichen könnten, brauchten wir uns um die Zukunft dieser Einrichtung keine Sorgen zu machen. In Brandenburg wählte man den Weg der permanenten Abmagerung der vorhandenen Einrichtungen. Die vorhandenen Mittel gleichen einer Bettdecke, die viel zu kurz geraten ist. Die Zeit im Prorektorat hat mir deutlich gemacht, dass bei Einsatz aller Energie unter Aufbietung aller verfügbaren Gestaltungskräfte eigentlich nicht mehr zu erreichen ist als die „Verhinderung von Schlimmerem“. Das ist bitter und nicht eben motivierend. Trotz aller positiven Erfahrungen war ich deshalb auch nicht bereit, noch einmal für ein Amt in der Hochschulleitung zu kandidieren. Wenn sich die vorhandenen Ressourcen nicht steigern lassen, wird die Uni Potsdam um eine weitere Abmagerungskur nicht herumkommen. Man munkelt bereits von 160 Professuren. Wenn diese Zahlen realisiert werden, wird
es noch einmal gravierende Einschnitte in die Struktur geben müssen. Wie wir alle wissen, wäre dies angesichts wachsender bundesweiter Konkurrenz unter den Hochschulen ein Todesurteil für die betroffene Einrichtung.
1999 haben Sie eine weitere wichtige Aufgabe übernommen. Sie sind Vizepräsidentin der Deutsch-Französischen Hochschule. Welche neuen bildungspolitischen Ansätze werden mit der Gründung dieser Hochschule verfolgt?
Harth: Die Deutsch-Französische Hochschule wurde auf
Prof. Dr. Helene Harth Foto: Tribukeit
der Basis des Weimarer Abkommens zwischen beiden Ländern gegründet und hat die Aufgabe, die bilaterale Zusammenarbeit im Bereich von Wissenschaft, Forschung, Ausund Weiterbildung zwischen beiden Ländern zu vertiefen und zu intensivieren. Sie knüpft an eine zehnjährige erfolgreiche Arbeit des Deutschfranzösischen Hochschulkollegs an, in deren Verlauf 70 bilaterale Studiengänge in den unterschiedlichsten Fächern aufgebaut wurden, die Studenten ein gut organisiertes Studium in beiden Ländern mit entsprechenden bilateralen Abschlüssen ermöglichen. Diese Studiengänge werden nun weitergeführt und durch neue Maßnahmen im Bereich der Forschungskooperation, der bilateralen Graduiertenförderung und der telekommunikativen Vernetzung zwischen
den Hochschulen ergänzt. Wir wollen daraufhin arbeiten, dass sich die Attraktivität des europäischen Bildungsmarktes in Zukunft weiter erhöht und dass allmählich so etwas wie eine gemeinsame europäische Wissenschaftslandschaft entsteht.
Sie haben enge dienstliche und auch private Kontakte zu Frankreich und Italien. Was macht für Sie den Reiz dieser Länder aus?
Harth: In Frankreich habe ich nach Abschluss meines Studiums der Klassischen Philologie, Germanistik und Philosophie einen Teil meiner Zeit verbracht. Die französische Kultur hat mich so sehr beeindruckt und fasziniert, dass ich beschloss, zur Romanistik zu wechseln. Die kulturellen Kontakte zu Frankreich, zu seiner Literatur und seiner Gesellschaft, haben nicht unerheblich dazu beigetragen, mir meine eigene kulturelle Identität als Deutsche bewusst werden zu lassen und mir eine Vorstellung zu vermitteln, was eine kulturelle Identität Europas jenseits aller politischen Sonntagsreden und bürokratischen. Planungen bedeuten könnte. Zur italienischen Kultur bin ich erst viel später gekommen. Ich habe die Sprache zunächst wie ein Gastarbeiter im lebendigen Umgang mit intellektuellen Freunden gelernt und erst später systematisch vertieft. Das macht sie mir bis heute besonders lieb und zur zweiten Muttersprache. Beide Länder und die vielen Freunde dort. gehören als fester Bestandteil zu meinem Leben und zu meinem kulturellen Horizont. Wo immer ich gerade bin, die Perspektive des Anderswo ist mit präsent. Es gibt für mich im strengen Sinne keine„Heimat“ und keine „Fremde“ mehr, wie das im alten Emigrationsdiskurs noch üblich war, sondern ein permanentes: kulturelles„Dazwischen“, wo man ohne Nostalgie dauerhaft in Bewegung ist. Vielen Dank für das Gespräch.
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