Heft 
(1.1.2019) 09
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PUTZ 9/00

Mit zwei Referenten, die sich dem ThemaStaatssicherheit und Wissenschaft widmeten, war die Außenstelle Potsdam des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssi­cherheitsdienstes der ehemali­gen DDR(BStU) Ende ktober 2000 an der Uni otsdam zu Gast, die zugleich "hls Mitveranstalter fungierte.

Zu abendlicher Stunde und an historischem Ort, in Golm, ver­prach der Vortrag von Reinhard Buthmann mit dem TitelSED­Wissenschaftspolitik und Staats­sicherheit allgemeinere bezie­ungsweise grundsätzlichere unktionszusammenhänge auf­zeigen, während die Ausfüh­ungen von Günter Förster über die ehemalige Juristische Hoch­chule in Golm, Ausbildungs­ochburg für Stasi-Spitzel aller Art, speziellere Aufschlüsse erwarten ließen.

Die Staatssicherheit der DDR war auf Interaktion und \Oooperation angewiesen und ngelegt, das wird oft vernach­ässigt, vor allem in den Medien. n der Öffentlichkeit bleibt mmer wieder nur der einsame, nttarnte IM übrig, über dessen Motive dann spekuliert wird. jegen dieses verzerrte Bild vorzugehen, schien die vor­angigste beziehungsweise ringlichste Aufgabe zu sein, die ich Reinhard Buthmann gestellt Atte. DieEinheit des andelns oder derMielke­Omplex also mit seinem nentwirrbaren und kafkaesken eflecht von Haupt-, Sonder­nd Subabteilungen, Spitzeln, erortungen, Fühlungsnahmen, perativen Vorgängen und para­oiden Konstruktionen im ereich der Wissenschaft war ein Thema. Licht ins Wirrwar ringen, Strukturen offenlegen, echanismen darstellen, das tat er aktenkundige Buthmann. elbst ausgewiesener Wissen­chaftler, hatte er dabei sowohl äter als auch Opfer im Blick. der die Dialektik von Aufstieg nd Fall. Zerstörte Biographien, ustergültige Karrieren. An­and der Entwicklung der albleitertechnik und Mikro­lektronik, der Forschungsdo­äne der ehemaligen DDR

schlechthin, demonstrierte er wie systematisch der Wissen­schaftsbetrieb von gezielten kaderpolitischen Eingriffen un­terwandert war und letztlich zernichtet wurde. Seine Grundthese, dass die DDR den bürgerlichen Wissenschaftler nie toleriert, sondern höchstens ver­wendet hätte, erhärtete er auf gleichermaßen frappierende wie desillusionierende Weise anhand von Wissenschaftlern, die spätestens nach der Akademie­Reform von 1978 zur persona non grata wurden. So etwa der Leiter des Dresdner Zentrums für Mikroelektronik, Werner Hartmann. Für Buthmann war 1978 die Zäsur, wo das bürger­liche Wissenschaftspotential endgültig gebrochen wurde.

Juristische Hochschule ohne Juristen

Zu DDR-Zeiten wussten nur Eingeweihte von ihrer Existenz. Das ist nicht verwunderlich, denn die Juristische Hochschule (JHS) in Potsdam-Golm war die zentrale Bildungs- und For­schungsstätte des Ministeriums für Staatssicherheit(MfS). Damit unterlag sie der höchsten Geheimhaltungsstufe. Veröffent­lichungen wie Abschluss- und Diplomarbeiten sowie andere Forschungsarbeiten waren dem­zufolge für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die 1965 gegründete Einrichtung war deshalb auch nicht im offiziellen Hochschulverzeichnis der DDR aufgeführt. Dennoch ist es heute möglich, relativ gute Einblicke in die Ausbildung dieser Hochschule zu erhalten. Etwa 37000 Akteneinheiten, rund 200 laufende Meter, gestatten interessante Einblicke. Bis 1989 bestanden an der JHS 30 Lehrstühle und Institute. Politisch-operative Spezial­disziplinen nahmen den größ­ten Raum im Studienprogramm ein. Dazu gehörten Fächer wie Kriminalistik und Politische Untergrundtätigkeit. Die juris­tische Ausbildung hatte nur einen Umfang von ungefähr 20 Prozent. Die Studienpläne zeigen, dass es sich bei der JHS nicht um eine Ausbildungsstätte

für juristische Berufe oder um eine rechtswissenschaftliche Forschungsstätte handelte. Bis zu ihrer Auflösung im Frühjahr 1990 schlossen an der JHS mehr als 4200 Angehörige das Studium mit dem akademischen GradDiplomjurist ab. Nachdem die Hochschule 1968 das Promotionsrecht erhielt, promovierten mehr als 400 Personenfzumi Dr-äjur goderiDr. sc. jur. Ungefähr 10 000 Mitarbeiter erwarben im Fach­schulstudium den Abschluss als Fachschuhjurist.

Die Bedingungen für Studieren­de und Mitarbeiter waren kom­fortabel. Es gabauf(idem Hochschulgelände Wohnheime, Kinderkrippe und Kindergarten, eine Verkaufsstelle, eine Mensa.

Aheoriejund( Praxis deropera: tiven Arbeit zum Thema und behandeln praktische Fragen des Einsatzes inoffizieller Mitarbei­ter(IM), der Sicherung der Grenz- und Zollkontrollen und der Bekämpfungfeindlich-ne­gativer Gruppen. Viele der Arbeiten seienHandbücher für den operativen Einsatz, Propa­ganda auf hohem Niveau, so Förster. In den Arbeiten seien die zur damaligen Zeit gängigen Feindbilder bedient worden, die Autoren hätten sich in einen Realitätsverlust gesteigert. Förster belegte seine Feststel­lungen unter anderem damit, dass beispielsweise der Honecker-Besuch 1987 in der

Bundesrepublik, die über 50 Verträge zwischen der DDR und

Keiner der an der Juristischen Hochschule im Lehr- und Forschungsbetrieb

Tätigen wurde nach 1990 von

der

damaligen Brandenburgischen

Landeshochschule übernommen. Dagegen gehören die Immobilien heute

der Universität Potsdam.

Auch wenn die wissenschaftliche Diskussion nur begrenzt mög­lich gewesen sei, so hätten die Studierenden beispielsweise eine Bibliothek mit der aktuellen bundesdeutschen Literatur von Heinz Konsalik bis zu Johannes Mario Simmel nutzen können. Das berichtete der Referent und chemalige wissenschaftliche Mit­arbeiter der Abteilung Bildung und Forschung im BStU, Günter Förster, Er. konnte bei der Durchsicht der 174 vor­liegenden Promotionsarbeiten, 24 fehlen, feststellen, das sie sehr stark ideologisch geprägt sind und wissenschaftlicher Standard nur selten erreicht wurde,

Viele der: Arbeiten, die oft von mehreren Verfassern geschrieben wurden, haben die

Foto: Archiv

der Bundesrepublik oder Fragen des Reiseverkehrs in die Arbeiten keinen Eingang fanden. Obwohl sich das MfS stark mit der Kirche, kulturellen Einrichtun­gen und. deren Vertretern befasste, sind diese Themen in den Promotionsarbeiten nahezu ausgespart worden. Dennoch habe die JHS einen Beitrag zur Akademisierung des MfS geleis­tet, resümierte der ehcmalige Gauck-Mitarbeiter. Der Ab­schlussDiplomjurist ist laut Einigungsvertrag auch heute noch anerkannt, berechtigt aber nicht zu einer Tätigkeit im Justizdienst, etwa als Richter, Staatsanwalt oder Notar. Die an der JHS erworbenen Profes­sorentitel dürfen weitergeführt werden.

Thomas Pösl/B.E. 11