PUTZ 9/00
Mit zwei Referenten, die sich dem Thema“Staatssicherheit und Wissenschaft” widmeten, war die Außenstelle Potsdam des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR(BStU) Ende ktober 2000 an der Uni otsdam zu Gast, die zugleich "hls Mitveranstalter fungierte.
Zu abendlicher Stunde und an historischem Ort, in Golm, verprach der Vortrag von Reinhard Buthmann mit dem Titel“SEDWissenschaftspolitik und Staatssicherheit” allgemeinere bezieungsweise grundsätzlichere ‘unktionszusammenhänge aufzeigen, während die Ausfühungen von Günter Förster über die ehemalige Juristische Hochchule in Golm, Ausbildungsochburg für Stasi-Spitzel aller Art, speziellere Aufschlüsse erwarten ließen.
Die Staatssicherheit der DDR war auf Interaktion und \Oooperation angewiesen und ngelegt, das wird oft vernachässigt, vor allem in den Medien. n der Öffentlichkeit bleibt mmer wieder nur der einsame, nttarnte IM übrig, über dessen Motive dann spekuliert wird.” jegen dieses verzerrte Bild vorzugehen, schien die vorangigste beziehungsweise ringlichste Aufgabe zu sein, die ich Reinhard Buthmann gestellt Atte. Die“Einheit des andelns” oder der“MielkeOmplex” also mit seinem nentwirrbaren und kafkaesken eflecht von Haupt-, Sondernd Subabteilungen, Spitzeln, erortungen, Fühlungsnahmen, perativen Vorgängen und paraoiden Konstruktionen im ereich der Wissenschaft war ein Thema. Licht ins Wirrwar ringen, Strukturen offenlegen, echanismen darstellen, das tat er aktenkundige Buthmann. elbst ausgewiesener Wissenchaftler, hatte er dabei sowohl äter als auch Opfer im Blick. der die Dialektik von Aufstieg nd Fall. Zerstörte Biographien, ustergültige Karrieren. Anand der Entwicklung der albleitertechnik und Mikrolektronik, der Forschungsdoäne der ehemaligen DDR
schlechthin, demonstrierte er wie systematisch der Wissenschaftsbetrieb von gezielten kaderpolitischen Eingriffen unterwandert war und letztlich “zernichtet” wurde. Seine Grundthese, dass die DDR den bürgerlichen Wissenschaftler nie toleriert, sondern höchstens verwendet hätte, erhärtete er auf gleichermaßen frappierende wie desillusionierende Weise anhand von Wissenschaftlern, die spätestens nach der AkademieReform von 1978 zur persona non grata wurden. So etwa der Leiter des Dresdner Zentrums für Mikroelektronik, Werner Hartmann. Für Buthmann war 1978 die Zäsur, wo das bürgerliche Wissenschaftspotential endgültig gebrochen wurde.
Juristische Hochschule ohne Juristen
Zu DDR-Zeiten wussten nur Eingeweihte von ihrer Existenz. Das ist nicht verwunderlich, denn die Juristische Hochschule (JHS) in Potsdam-Golm war die zentrale Bildungs- und Forschungsstätte des Ministeriums für Staatssicherheit(MfS). Damit unterlag sie der höchsten Geheimhaltungsstufe. Veröffentlichungen wie Abschluss- und Diplomarbeiten sowie andere Forschungsarbeiten waren demzufolge für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die 1965 gegründete Einrichtung war deshalb auch nicht im offiziellen Hochschulverzeichnis der DDR aufgeführt. Dennoch ist es heute möglich, relativ gute Einblicke in die Ausbildung dieser Hochschule zu erhalten. Etwa 37000 Akteneinheiten, rund 200 laufende Meter, gestatten interessante Einblicke. Bis 1989 bestanden an der JHS 30 Lehrstühle und Institute. “Politisch-operative Spezialdisziplinen” nahmen den größten Raum im Studienprogramm ein. Dazu gehörten Fächer wie Kriminalistik und Politische Untergrundtätigkeit. Die juristische Ausbildung hatte nur einen Umfang von ungefähr 20 Prozent. Die Studienpläne zeigen, dass es sich bei der JHS nicht um eine Ausbildungsstätte
für juristische Berufe oder um eine rechtswissenschaftliche Forschungsstätte handelte. Bis zu ihrer Auflösung im Frühjahr 1990 schlossen an der JHS mehr als 4200 Angehörige das Studium mit dem akademischen Grad“Diplomjurist” ab. Nachdem die Hochschule 1968 das Promotionsrecht erhielt, promovierten mehr als 400 Personenfzumi Dr-äjur goderiDr. sc. jur. Ungefähr 10 000 Mitarbeiter erwarben im Fachschulstudium den Abschluss als Fachschuhjurist.
Die Bedingungen für Studierende und Mitarbeiter waren komfortabel. Es gabauf(idem Hochschulgelände Wohnheime, Kinderkrippe und Kindergarten, eine Verkaufsstelle, eine Mensa.
Aheoriejund( Praxis der“opera: tiven” Arbeit zum Thema und behandeln praktische Fragen des Einsatzes inoffizieller Mitarbeiter(IM), der Sicherung der Grenz- und Zollkontrollen und der Bekämpfung“feindlich-negativer” Gruppen. Viele der Arbeiten seien“Handbücher für den operativen Einsatz, Propaganda auf hohem Niveau”, so Förster. In den Arbeiten seien die zur damaligen Zeit gängigen Feindbilder bedient worden, die Autoren hätten sich in einen Realitätsverlust gesteigert. Förster belegte seine Feststellungen unter anderem damit, dass beispielsweise der Honecker-Besuch 1987 in der
Bundesrepublik, die über 50 Verträge zwischen der DDR und
Keiner der an der Juristischen Hochschule im Lehr- und Forschungsbetrieb
Tätigen wurde nach 1990 von
der
damaligen Brandenburgischen
Landeshochschule übernommen. Dagegen gehören die Immobilien heute
der Universität Potsdam.
Auch wenn die wissenschaftliche Diskussion nur begrenzt möglich gewesen sei, so hätten die Studierenden beispielsweise eine Bibliothek mit der aktuellen bundesdeutschen Literatur von Heinz Konsalik bis zu Johannes Mario Simmel nutzen können. Das berichtete der Referent und chemalige wissenschaftliche Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung im BStU, Günter Förster, Er. konnte bei der Durchsicht der 174 vorliegenden Promotionsarbeiten, 24 fehlen, feststellen, das sie “sehr stark ideologisch geprägt sind und wissenschaftlicher Standard nur selten erreicht wurde”,
Viele der: Arbeiten, die oft von mehreren Verfassern geschrieben wurden, haben die
Foto: Archiv
der Bundesrepublik oder Fragen des Reiseverkehrs in die Arbeiten keinen Eingang fanden. Obwohl sich das MfS stark“ mit‘ der Kirche, kulturellen Einrichtungen und. deren Vertretern befasste, sind diese Themen in den Promotionsarbeiten nahezu ausgespart worden. Dennoch habe die JHS einen Beitrag zur Akademisierung des MfS geleistet, resümierte der ehcmalige “Gauck”-Mitarbeiter. Der Abschluss“Diplomjurist” ist laut Einigungsvertrag auch heute noch anerkannt, berechtigt aber nicht zu einer Tätigkeit‘ im Justizdienst, etwa als Richter, Staatsanwalt oder Notar. Die an der JHS erworbenen Professorentitel dürfen weitergeführt werden.
Thomas Pösl/B.E. 11