PUTZ 9/00
Forschung
Technik heute Kulturelement
Internationales Treffen von Technik-Experten
In einer Zeit, in der wir mit einer schnellen Entwicklung und Ausbreitung der Technik konfrontiert sind und Expertenwissen in der Technik immer auffälliger dominiert, sich eine Fülle ‚an neuartigen Funktionsprinzipien in Produktion, Gesellschaft und Kultur verbreitet und das Einzelne oft nur noch aus komplexen Systemen heraus ableitbar ist, versagen althergebrachte Erklärungsmuster. Neue Wege zum Erfassen
und Verstehen sind gefordert. So ist die Frage nach Technikkonzepten
und-bildern ein höchst aktueller Gegenstand von technik- und bildungstheoretischen Diskussionen der Gegenwart.
Im Oktober 2000 fand dazu ein Gedankenaustausch in LudwigsfeldeStruveshof zwischen Wissenschaftlern von Uni
versitäten und Hochschulen in Bremen, Cottbus, Erfurt, Frank
furt/O., Flensburg, Freiburg, Potsdam, aus Polen und Vietnam statt.
Vor allem Fragen der Techniktheorie und Technikdidaktik spielten eine Rolle. Es erwies sich, dass die Gedanken und Gegenstände eng ineinander verwoben und nur über mehrseitige Perspektiven verstehbar sind. Geht es doch um die theoretische Durchdringung der Entstehung und Veränderung, der Substanz und Vermittlung eines wissenschaftlichen Weltbildes, dessen Bestandteil ein Technikbild ist, und dem damit verbundenen Zugang zu einer allgemeinen technischen Bildung.
Diese Überlegungen zielen auf eine allgemeine Techniklehre, die sowohl philosophische, technikwissenschaftliche, historische als auch bildungstheoretische Aspekte einschließen muss.
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Technik muss verstanden werden, um mit ihr umgehen zu können. Dies spiegelt sich in vorhandenen genauso wie in zu entwickelnden Technikkonzepten und Technikbildern wider. Eine Sicht auf Technik erfordert
Der Blick auf Technik scheint nicht immer gleich. Doch ganz ohne sie geht es nicht.
mehrseitige Perspektiven, welche in unterschiedlichen”Verwendungszusammenhängen” ihre Berechtigung haben. Es erfordert. aber auch ein Gesamtbild, das der Offenheit und Komplexität der Entwicklung entspricht. Technik ist in der technisierten Lebenswelt zu einem allgemeinen Element der Kultur geworden. Um Technik im Ganzen der Kultur und damit der systematischen Philosophie einen Platz anweisen zu können, muss berücksichtigt werden, dass der Prozess der Gestaltung durch die Technik seit dem 19. Jahrhundert nicht nur erweitert, sondern intensiviert und neu entwickelt wird. Gerade Technikbilder zeigen, dass man sich der Technik mit einem alltagsgeprägten, theoretischen. und geisteswissenschaftlichen Zugang nähern kann.
Der alltagsgeprägte Zugang betrachtet technisches Handeln als Umgangswissen. Die theoretische Einstellung entwickelt Technikanalyse, Konstruktions
Daseinsweisen eines
Produkts
analyse, methodisches Vorgehen und mathematische Betrachtungsweisen. Der geisteswissenschaftliche Zugang hingegen rückt die Geschichte, Genese, Entstehung, Gestaltung und Verwendung von Technik sowie
die damit verbundenen Wertproblematik in den Vordergrund.
Technikphilosophie wiederum beschäftigt sich mit dem methodisch gesicherten Zusammenhang dieser Komponenten, um die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit technischen Entwickelns, Gestaltens und Verwendens, deren Wirkungen und Folgen beantworten zu können.
Keine wissenschaftlich-technische Forschung und Entwicklung erfolgt gleichsam in einem gesellschaftspolitischen Niemandsland, dient allein nur der Neugier, des Erkenntnisfortschritts oder der. Wahrheit. Unterschiedliche Akteure mit vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Zielvorstellungen, Werthaltungen und Leitbildern prägen die Technik und ihre Entwicklung, so dass von einer kulturell und gesellschaftlich determinierten Gegenstandskonstitution gesprochen werden kann und muss.
Ausblick
Neben der differenzierten Be trachtung einzelner Technike:ı und Technologien hinsichtlic}
ihrer Veränderungspotenzialc
gehen diese Forschungen einhe
Abb.: zy
mit Überlegungen zur weitere! Begründung und inhaltliche: Ausgestaltung einer Theorie de Technik und einer„modernen‘ Technikphilosophie.
Diese umfasst unter anderem di: Herausarbeitung ‚der„.gc schichtlichen Bedingtheit de Technik, das Sichtbarmache: der engen Verknüpfung der Technikentwicklung mit kul turellen Veränderungen, sozia len Bedingungen, politischen Strukturen, ökologischen Gege benheiten und bildungspolitischen Anforderungen.
Dr. Käthe Friedrich/Technikphilosophie TU Cottbus; Dr. Hans-Joachim HLaabs Institut für Arbeitslehre/
Technik Uni Potsdam