Forschung
PUTZ 9/00
Nach der gesellschaftspolitischen Wende war es still geworden in der Öf_ fentlichkeit um Anna Seghers. Aber sind
10 Jahre ein Zeitraum, in dem Besserwisser, Rechthaber und
Ignoranten(auch ihre weibliche Spezies) die Vorderbühne mit dem Streit um die “Gesinnungsästhetik” verlassen haben und vielleicht die weniger lauten Sätze einer Schriftstellerin wieder mehr Gehör finden.
Die gegenwärtige Aufmerksamkeit für Anna Seghers zu ihrem 100.Geburtstag schafft die: Gelegenheit, sich: zu erinnern an die von ihr geschaffene Figur des Schriftstellers Weidel, der sich in Paris. beim Einmarsch der deutschen Armee umbrachte und über den in der vertrackten Konstruktion “Transit”-Romans eine andere Figur denkt:“Er: hat. um Besseres gekämpft...um jeden Satz, um jedes: Wort seiner Muttersprache, damit(sie) so einfach(wurden), daß jeder sich an ihnen freuen konnte...” Und die gleiche‘ Figur in diesem Roman denkt über diesen Schriftsteller:“Er zicht‘ sich zurück mit seinen Geschichten, die warten können wie er, zehn Jahre, hundert Jahre,” Aber wenn‘ auch.die Geschichten warten können, die Menschen im Exil konnten es oft genug nicht. Durch Heimatverlust, Existenzangst, gekappte Kommunikationsseile, vor allem durch den Verlust der vertrauten Sprachumgebung gerieten sie in ausweglose Situationen.
des
Anna Seghers hat ihnen mit dem Roman“Transit” ein Denkmal gesetzt und damit Geschichten aufbewahrt, die auch nach über 50 Jahren auf ihre Leser warten. Nur muss man auf sie aufmerksam werden, das ist heute nicht mehr selbstverständlich, da sie in der Schule keineswegs eine Kanonautorin ist. Die Veranstalter des Potsdamer Symposiums “Das Jahrhundert der Anna Seghers”, das Institut für Germanistik und städtische Kultureinrichtungen, fanden bestätigt,
dass das Bedürfnis groß ist, sich über Anna Seghers neu zu informieren und alte Meinungen in Frage stellen zu lassen, insbesondere zu biographischen Einflüssen, Begegnungen und Entscheidungen. Da Anna Seghers selbst nicht viel davon hielt, in ihrer Biographie nachzugraben, weil sie der Meinung war, dass alles, was ihr wichtig und sagbar war, in ihren Büchern stehe, gibt es dort die größten Defizite.
Prof. Dr. Sigrid Bock(Berlin), die seit Jahrzehnten zum Werk von Anna Seghers arbeitet, sprach über die Heidelberger Studienjahre, die die junge Netty Reiling(Anna Seghers bürgerlicher Name) einführten in einen Kreis europäischer Intellektueller und die die Begegnung mit Laszlo Radvanyıi brachte. Sigrid Bock entwarf ein geistiges Gemälde der Zeit um 1920, über die“akademischste Hochschule” Heidelberg und über das geistige Brot, das dort geboten wurde, über die Naivität und Vaterbindung der jungen Netti Reiling und über die erwachende Sehnsucht der jungen Frau nach Menschen mit Leidenschaften.
Prof. Dr. Frank Wagner(Berlin), gleichfalls seit Jahrzehnten Seghers-Forscher, hatte es unternommen, aus neuen Dokumenten zu Seghers’ Berliner Jahren die Bedeutung von Berlin für die Rheinländerin zu beschreiben. Es gibt von Seghers keinen Berlin-Roman, aber die kulturelle Situation Berlins, dieses Schmelztiegels, in der Mitte der 20-er Jahre ist in ihre Prosa eingegangen. Prof. Dr. Christel Berger_(HohenNeuendorf) sprach über ihren jetzt. beim Aufbau-Verlag erschienenen größeren Briefband“Hier im Volk der kalten Herzen”, der zwar zeitlich nur das Jahr der Rückkehr von Seghers aus dem Exil, 1947; erfasst, aber sozusagen an der Nahtstelle zwischen den Zeiten, Orten, Kulturen und des Selbstverständnisses der Schriftstellerin ‚steht... Prof. Helen Fehervary aus Ohio- jetzt ist sie
Geschichten, die warten können
Symposium zu Anna Seghers’ 100. Geburtstag
Anna Seghers wäre am 19. November dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. Foto: Repro
auch die Herausgeberin der neuen, beim Aufbau-Verlag geplanten Werkausgabe, deren erster Band zum“Siebten Kreuz in diesem Jahr erschienen ist, sprach über den Zusammenhang von Bildarchitekturen(etwa Rembrandts Höfe) und den Bildarrangements in Seghers’ frühen Texten:
Margrid Bircken/Institut für Germanistik
Weitere Informationen, auch weitere Veranstaltungshinweise unter der Adresse: www.annaseghers.de
Ein Multimedia-Projekt
Anfang Oktober hat die Deutsche Welle das multimediale Projekt“Studieren in Deutschland” gestartet.
Es soll Interessierte in aller Welt per TV, Radio und Internet über den Studienstandort Deutschland informieren. Der Sender will damit die Attraktivität und Qualität des Hochschulstandortes Deutschland international bekannt machen.
Infeiner/2S-teiligen/Serie, die in Deutsch, Englisch und Spanisch ausgestrahlt wird, stellt die Deutsche Welle Hochschulen, Studieneinrichtungen und Universitätswesen vor und erläutert Studienvoraussetzungen für internationale Studierende, das Studienangebot und die Möglichkeiten internationaler Abschlüsse.
Die Serie geht außerdem auf Fördereinrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder Institutionen wie die Max-Planck-Institute ein.
Im Mittelpunkt einer Sendung stehen Studierende und Wissenschaftler aus aller Welt, die durch Ort und Umfeld ihres Deutschlandaufenthaltes führen. Die Serie soll nicht nur von der Deutschen Welle ausgestrahlt, sondern auch als Video-Paket verbreitet werden.
Ergänzt wird die TV-Reihe durch ein ähnlich konzipiertes Radioprogramm.
über Leben in
Erste. Informationen Studieren und Deutschland, die neuesten Nachrichten aus dem Hochschulbereich, aber auch Erfahrungsberichte und Sendetermine. finden, sich auf den: parallel. eingerichteten Webseiten unter http://www.gateway-to-germany.de.
In Deutschland ist das Programm der Deutschen Welle nur über einen entsprechend ausgerichteten Satellitenempfänger zu sehen. Der Studienstandort Potsdam gehört leider nicht zur Reihe der 28 ausgewählten Standorte.
urs
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