Heft 
(1.1.2019) 03
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Kultur

PUTZ 3/01

Der letzte Autonome

Erste Monographie über Christoph Marthaler

Langsamkeit ist eine Genauig­keitsutopie- vielleicht ist dies die treffendste Wortschöpfung in dem kürzlich erschienenen Band über den Musiker, Komponisten, Regisseur und Intendanten Christoph Mar­thaler. Originär, subversiv, weltentraurig und daseins­komisch kommt sie in den Inszenierungen des Schwei­zers daher, die seit Mitte der neunziger Jahre national und international für Furore sor­

gen. Im marthalerschen Theatrum mundi sind die einsamen

Menschen gleichzeitig auch die besonderen.

So heißt es im Untertitel dieser Edition des Residenzverlages Salzburg und Wien, die eine liebevolle Einladung darstellt, merkwürdigen Zeitgenossen zu begegnen und ihrem Stillstand zuzusehen. Marthaler tat und tut es auf der Bühne, der reich Hebilderte Band setzt den Sonderlingen, Dahindämmern­den und Verschrobenen jetzt ein publizistisches Denkmal. Die Theaterfotografie, größtenteils in Schwarz/Weiß gehalten,

feiert dabei manchmal kleine Triumphe und zeigt gleichsam einen Künstler von Rang, der seit fast 20 Jahren beharrlich an ein und demselben Stück zu arbeiten scheint, Hegal,ı welche Skandale er! verursachte, Jun: wichtig, Job die Texte Avon Tschechov, Horvath, Pessoa, Beckett und Shakespeare stam­men, oder ob die Musik von Offenbach, Janacek oder Beet: hoven kommt. Noch die aus dem Privatarchiv von Marthaler beigesteuerten, auf ironische Selbstinszenierung und Skurrili­tät bedachten farbigen Bilder vervollständigen diesen Ein­druck. Marthaler als Straßen­bahnschaffnerin oder als zigar­renrauchender Kapitän- wie jeder Theatermann liebt auch er die Maske; das Rollen- und Versteckspiel. Ein wichtiger Grund dafür, weshalb man immer wieder Lust verspürt, durch dieses wunderlich-kaut­zige Theateruniversum zu strei­fen, ist der vom Berliner Theaterkritiker Klaus Dermutz kunstvoll arrangierte Wechsel der An- und Abwesenheit des Protagonisten. Dem ist die

eigene Biographie kein Spiel wert, der Leser erfährt von Marthaler selbst bis auf einige kurze Anekdoten wenig(diese aber sind großartig und ein­prägsam), über ihn dafür um so mehr. Gespräche, Essays, Laudationes- langjährige Kolle­gen, Freunde und Weggefähr­ten, darunter Volksbühnenchef Frank Castorf, Marthalers lang­jährige Bühnenbildnerin Anna Viehbrock oder der Schauspieler Joseph Bierbichler reden vor allem über den künstlerischen Prozess. Der allein ist gültiger Maßstab, Plapperei wird dabei tunlichst vermieden. So entsteht eine anspruchsvolle Hommage, die gleichzeitig diesen eidgenös­sischenHalbgebirgsmenschen aus verschiedenen Perspektiven porträtiert. Nicht zufällig ist einer, der genau weiß, worin die Ähnlichkeit zwischen der Schweiz und der ehemaligen DDR besteht, auch ein Mensch; der deshalb so stark ist, weil er autonom ist. Weil er seinen eige­nen Rhythmus hat und weil die Moden an ihm vorbeigehen, so Castorf. Erlebbar im besten Sinne des Wortes wird dies und

vieles andere mehr auf den gut 220 opulent gestalteten Seiten (inklusive genauem Inszenie­rungsverzeichnis) immer wieder. Es ist, als versuchten die einzel­nen@Beiträgefidie Aura einer besonderen Erfahrung, die Momente einer seltenen gewor­denen künstlerischen Authenti­zität und menschlichen Integri­tät einzufangen. Dass dies über weite Strecken gelingt, ist der Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit der Autoren zu verdanken und machtäden eigentlichen Reiz dieses Theaterbuches aus. Ein Buch mit vielen Erlebnissen, Eindrücken und Einsichten. Ein Buch mit einer Haltung; eines Buch, dem man anmerkt, dass es gelesen und angesehen werden will. Langsam und genau.

Thomas Pösl

Klaus Dermutz(Hrsg.). Christoph Marthaler.

Die einsamen Menschen sind die besonderen Menschen. Residenz Verlag Salzburg und Wien. Preis: 93,- DM. ISBN 3-70171212-3

UNIDRAM im achten Jahr

Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Universität Potsdam findet das Osteuro­päisch-deutsche Theaterfesti­val UNIDRAM 2001 in diesem Jahr vom 17. bis zum 23. Juni statt.

Die Veranstalter, die wieder Einladungen an zehn bis zwölf Ensembles aus Osteuropa und Deutschland, aber auch aus Westeuropa, darunter Großbri­tannien und die Schweiz, ver­schickt haben, freuen sich. in diesem Jahr neben den etablier­ten Veranstaltungsorten über eine zusätzliche Spielstätte, UNIDRAM wird mit einigen Aufführungen zu Gast im neuen Gebäude der Hochschule für Film und FernsehenKonrad Wolf(HFF) sein. Dadurch wer­den mehr Doppelveranstaltun­gen möglich, die dem gewachse­nen Publikumsinteresse besser Rechnung tragen. Ein Prinzip,

das die Organisatoren in den zu­rückliegenden Jahren ansatz­weise schon praktiziert haben. Ziel im achten Festivaljahr ist es, den Großteil der Inszenierun­gen zweimal zu zeigen und so dem Zuschauer mehr Programmalternativen zu bieten. Im kleinen, aber feinen Theatersaal der HFF wird unter anderem die vielbeachtete Ko­produktion des THEATRON­Theaters mit dem figurentheater tübingenKinder der Bestie zu sehen sein, einer der Höhe­punkte des diesjährigen Theater­treffens. Die HFF. selbst wird sich dort ebenfalls mit einer Produktion präsentieren.

Bleiben das Waldschloss und der Lindenpark in Babelsberg die UNIDRAM-Stammhäuser, so zieht das Festival auch wieder einen Tag auf das Gelände in der Schiffbauergasse um und nutzt dort dasHans Otto Theater,

die Räume derfabrik[sowie den Innenhof für eine Open­Air-Vorstellung.

Erfahrungsgemäß bringt dieser Tag einige Highlights, beispiels­weise Forced Entertainment, eine der interessantesten und zugleich stilprägendsten euro­päischen Theatergruppen der Jetzten Dekade. Oder das the­atralische Konzert mit dem aus Basel kommenden Musikduo Stimmhorn, einer Mischung aus Obertongesang und Alp­hornvirtuosentum. Auch die Freundschaftsinsel Voraussicht nach in diesem Jahr wieder open-air bespielt. Täg­liche Workshops, Gesprächs­runden, Partys sowie das The­ater-Nacht-Cafe runden wie immer das Programm ab. Ab Anfang Juni liegt dieses wieder in gedruckter Form in Cafes, Kneipen und anderen ver­schiedenen Orten beziehungs­

wird aller|

weise an öffentlichen Stellen in der Stadt aus. PUTZ

Forced

Dynamit aus England. Entertainment aus Sheffield lässt Uhren anders ticken.

Foto: Glendinning

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