Kultur
PUTZ 3/01
Der letzte Autonome
Erste Monographie über Christoph Marthaler
Langsamkeit ist eine Genauigkeitsutopie- vielleicht ist dies die treffendste Wortschöpfung in dem kürzlich erschienenen Band über den Musiker, Komponisten, Regisseur und Intendanten Christoph Marthaler. Originär, subversiv, weltentraurig und daseinskomisch kommt sie in den Inszenierungen des Schweizers daher, die seit Mitte der neunziger Jahre national und international für Furore sor
gen. Im marthalerschen Theatrum mundi sind die einsamen
Menschen gleichzeitig auch die besonderen.
So heißt es im Untertitel dieser Edition des Residenzverlages Salzburg und Wien, die eine liebevolle Einladung darstellt, merkwürdigen Zeitgenossen zu begegnen und ihrem Stillstand zuzusehen. Marthaler tat und tut es auf der Bühne, der reich Hebilderte Band setzt den Sonderlingen, Dahindämmernden und Verschrobenen jetzt ein publizistisches Denkmal. Die Theaterfotografie, größtenteils in Schwarz/Weiß gehalten,
feiert dabei manchmal kleine Triumphe und zeigt gleichsam einen Künstler von Rang, der seit fast 20 Jahren beharrlich an ein und demselben Stück zu arbeiten scheint, Hegal,ı welche Skandale er! verursachte, Jun: wichtig, Job die Texte Avon Tschechov, Horvath, Pessoa, Beckett und Shakespeare stammen, oder ob die Musik von Offenbach, Janacek oder Beet: hoven kommt. Noch die aus dem Privatarchiv von Marthaler beigesteuerten, auf ironische Selbstinszenierung und Skurrilität bedachten farbigen Bilder vervollständigen diesen Eindruck. Marthaler als Straßenbahnschaffnerin oder als zigarrenrauchender Kapitän- wie jeder Theatermann liebt auch er die Maske; das Rollen- und Versteckspiel. Ein wichtiger Grund dafür, weshalb man immer wieder Lust verspürt, durch dieses wunderlich-kautzige Theateruniversum zu streifen, ist der vom Berliner Theaterkritiker Klaus Dermutz kunstvoll arrangierte Wechsel der An- und Abwesenheit des Protagonisten. Dem ist die
eigene Biographie kein Spiel wert, der Leser erfährt von Marthaler selbst bis auf einige kurze Anekdoten wenig(diese aber sind großartig und einprägsam), über ihn dafür um so mehr. Gespräche, Essays, Laudationes- langjährige Kollegen, Freunde und Weggefährten, darunter Volksbühnenchef Frank Castorf, Marthalers langjährige Bühnenbildnerin Anna Viehbrock oder der Schauspieler Joseph Bierbichler reden vor allem über den künstlerischen Prozess. Der allein ist gültiger Maßstab, Plapperei wird dabei tunlichst vermieden. So entsteht eine anspruchsvolle Hommage, die gleichzeitig diesen eidgenössischen„Halbgebirgsmenschen“ aus verschiedenen Perspektiven porträtiert. Nicht zufällig ist einer, der genau weiß, worin die Ähnlichkeit zwischen der Schweiz und der ehemaligen DDR besteht, auch ein Mensch; „der deshalb so stark ist, weil er autonom ist. Weil er seinen eigenen Rhythmus hat und weil die Moden an ihm vorbeigehen“, so Castorf. Erlebbar im besten Sinne des Wortes wird dies und
vieles andere mehr auf den gut 220 opulent gestalteten Seiten (inklusive genauem Inszenierungsverzeichnis) immer wieder. Es ist, als versuchten die einzelnen@Beiträgefidie Aura einer besonderen Erfahrung, die Momente einer seltenen gewordenen künstlerischen Authentizität und menschlichen Integrität einzufangen. Dass dies über weite Strecken gelingt, ist der Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit der Autoren zu verdanken und machtäden eigentlichen Reiz dieses Theaterbuches aus. Ein Buch mit vielen Erlebnissen, Eindrücken und Einsichten. Ein Buch mit einer Haltung; eines Buch, dem man anmerkt, dass es gelesen und angesehen werden will. Langsam und genau.
Thomas Pösl
Klaus Dermutz(Hrsg.). Christoph Marthaler.
Die einsamen Menschen sind die besonderen Menschen. Residenz Verlag Salzburg und Wien. Preis: 93,- DM. ISBN 3-70171212-3
UNIDRAM im achten Jahr
Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Universität Potsdam findet das Osteuropäisch-deutsche Theaterfestival UNIDRAM 2001 in diesem Jahr vom 17. bis zum 23. Juni statt.
Die Veranstalter, die wieder Einladungen an zehn bis zwölf Ensembles aus Osteuropa und Deutschland, aber auch aus Westeuropa, darunter Großbritannien und die Schweiz, verschickt haben, freuen sich. in diesem Jahr neben den etablierten Veranstaltungsorten über eine zusätzliche Spielstätte, UNIDRAM wird mit einigen Aufführungen zu Gast im neuen Gebäude der Hochschule für Film und Fernsehen„Konrad Wolf“(HFF) sein. Dadurch werden mehr Doppelveranstaltungen möglich, die dem gewachsenen Publikumsinteresse besser Rechnung tragen. Ein Prinzip,
das die Organisatoren in den zurückliegenden Jahren ansatzweise schon praktiziert haben. Ziel im achten Festivaljahr ist es, den Großteil der Inszenierungen zweimal zu zeigen und so dem Zuschauer mehr Programmalternativen zu bieten. Im kleinen, aber feinen Theatersaal der HFF wird unter anderem die vielbeachtete Koproduktion des THEATRONTheaters mit dem figurentheater tübingen„Kinder der Bestie“ zu sehen sein, einer der Höhepunkte des diesjährigen Theatertreffens. Die HFF. selbst wird sich dort ebenfalls mit einer Produktion präsentieren.
Bleiben das Waldschloss und der Lindenpark in Babelsberg die UNIDRAM-Stammhäuser, so zieht das Festival auch wieder einen Tag auf das Gelände in der Schiffbauergasse um und nutzt dort das“Hans Otto Theater”,
die Räume der“fabrik”[sowie den Innenhof für eine OpenAir-Vorstellung.
Erfahrungsgemäß bringt dieser Tag einige Highlights, beispielsweise Forced Entertainment, eine der interessantesten und zugleich stilprägendsten europäischen Theatergruppen der Jetzten Dekade. Oder das theatralische Konzert mit dem aus Basel kommenden Musikduo „Stimmhorn“, einer Mischung aus Obertongesang und Alphornvirtuosentum. Auch die Freundschaftsinsel Voraussicht nach in diesem Jahr wieder open-air bespielt. Tägliche Workshops, Gesprächsrunden, Partys sowie das Theater-Nacht-Cafe runden wie immer das Programm ab. Ab Anfang Juni liegt dieses wieder in gedruckter Form in Cafes, Kneipen und anderen verschiedenen Orten beziehungs
wird aller|
weise an öffentlichen Stellen in der Stadt aus. PUTZ
“Forced
Dynamit aus England. Entertainment” aus Sheffield lässt Uhren anders ticken.
Foto: Glendinning
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