Zehn Jahre Universität Potsdam
PUTZ 4/01
Keine Illusionen über Zukunft
Ehemalige Studenten blicken auf„ihre“ Uni zurück
Im Juni vor zehn Jahren wurde die Uni Potsdam gegründet. Dies ist Anlass zur Rückschau auf die Zeit des Umbruchs. Aus der Pädagogischen Hochschule entwickelte sich eine Universität. Über Erlebnisse und Eindrücke jener Zeit unterhielt sich PUTZ-Redakteurin Dr. Barbara Eckardt mit den ehemaligen Studenten Thomas Pösl und Wolfram Meyerhöfer.
In welcher persönlichen Situation befanden Sie sich 1990/’91?
Pösl: Ich studierte Germanistik und Geschichte im Lehramt. In der Zeit der Gründung der Uni habe ich mich auf mein Examen vorbereitet, in dem ich mich mit Thomas Bernhard beschäftigte. Folglich war ich häufiger in Westberliner Bibliotheken als auf dem Potsdamer Campus, was früher nicht möglich gewesen wäre.
Meyerhöfer: Ich habe 1990 in Potsdam mit dem Lehramtsstudium Mathematik und Physik angefangen. Die Gründung der Universität habe ich nicht als etwas Besonderes wahrgenommen, weil sich in den Wendezeiten alles im Fluss befand.
Wie war die Stimmung damals? Wie sah der Studienalltag in diesen bewegten Zeiten aus?
Meyerhöfer: Die Strukturen im Grundstudium waren im Prinzip aus DDR-Zeiten noch erhalten. Wir studierten im Rahmen von Seminargruppen. Bei den Mitarbeitern spürte ich eine allgemeine Verunsicherung.
Pösl: Die Verunsicherung spürte ich auch. Allerdings merkte ich schnell, so ungefähr nach einem halben Jahr, dass sich für mich als Student im Vergleich zu früher keine gravierenden Änderungen ergeben würden. Natürlich lösten sich Strukturen auf. Wir erlebten auch, dass belastete Lehrkräfte gehen mussten. Es gab klare Feindbilder auch für mich. Ich erinnere mich
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beispielsweise daran, dass wir Studierenden nicht mehr akzeptierten, dass in einer PädagogikVorlesung Anwesenheitslisten geführt wurden. Nachdem wir dies beim Gründungsrektor monierten, wurde es ganz schnell abgestellt. Für uns war es
Angesichts aktueller und anhaltender Sparmaßnahmen durch die Landesregierung im Hochschulbereich fragt man sich, ob die Gründungssenatsmitglieder wirklich davon ausgingen, dass ihre Strukturkonzepte umsetzbar seien?
Thomas Pösl(l.) und Wolfram Meyerhöfer studierten in Potsdam, als die Universität gegründet wurde. Sie sind der Uni treu geblieben und arbeiten heute im Referat Presse-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit beziehungsweise als Promotionsstudent in der Mathematik.
in diesen Zeiten nicht immer einfach, unsere Probleme und Anliegen den Verantwortlichen vortragen zu können. Denn durch die Wende sind Ansprechpartner für uns“verloren gegangen”.
Herr Meyerhöfer, Sie wurden im September 1992 studentisches Mitglied im Gründungssenat der Universität Potsdam. Welchen Einfluss hatten Sie auf die Entscheidungen dieses Gremiums?
Meyerhöfer: Im Gründungssenat saßen Leute, die etwas Neues und in sich schlüssig Strukturiertes aufbauen wollten. Natürlich ging es dabei auch um die Sicherung von Pfründen für das eigene Fach. Da die Studenten als einzige Gruppe keine Besitzstände zu wahren oder zu erringen hatten, fühlten wir uns in den Verhandlungen immer ein bisschen als Verwalter der Sachlichkeit. Wenn es ernst wird, wird man aber überrannt. Knackpunkt waren immer Personalentscheidungen.
Foto: Fritze
Meyerhöfer: Dass die Struktur mit 263 Professuren nicht umgesetzt wird, liegt ja nicht an Mängeln dieser Struktur. Natürlich versuchten die Gründungssenatsmitglieder für ihre Bereiche möglichst schnell und möglichst viele Professuren zu besetzen und damit die Struktur festzuschreiben. Den alten Wessi-Hasen war schon klar, dass bei schlechterem politischen Rahmen einfach dort gekürzt wird, wo Stellen noch nicht besetzt sind. Aber der Grundgedanke war, eine Uni aus einem Guss mit Vernetzungen zu planen.
Was dominierte eigentlich in der damaligen Situation: Aufbruchstimmung, Resignation, Angst?
Pösl: Für uns Studierende herrschte ganz klar Aufbruchstimmung. Das traf auch für einige Mitarbeiter zu. Spürbar war natürlich, dass Personen mit einer politischen Vergangenheit in der DDR Angst hatten, weil ihre Vergangenheit auf den
Prüfstand kam und für sie die Situation unklar war.[
Meyerhöfer: Ich habe in der Wendezeit mein Studium begonnen. Dieser Lebensabschnitt ist immer ein Aufbruch. Bei den Mitarbeitern habe ich vorrangig Angst und Verunsicherung wahrgenommen, i1nsbesondere weil sie um ihre Arbeitsplätze bangten.
Pösl: Es ist möglicherweise so, dass Geisteswissenschaftler mit dieser Situation etwas emotionaler als Naturwissenschaftler| umgingen. Ich war ein Jahr im Sektionsrat Geschichte und habe dort Aufbruchstimmung und den Willen vieler zum Selbstgestalten und Lösen von Problemen erlebt.
Inzwischen existiert die Uni“ Potsdam zehn Jahre. Was hat
sich positiv, was negativ verän
dert?
Pösl: Ich denke, die Uni ist dort angekommen, wo sie nicht hinwollte. Denn mit 12000( Studierenden hat sie sich jener chaotischen Struktur angeglichen, die man aus den WestUnisikennt- Ich hattejaberlauch nicht die Illusion, dass hier alles anders als im Westen sein würde. Meyerhöfer: Ich bin nicht davon ausgegangen, dass es eine kleine, feine Spitzenuni werden würde. Für bestimmte Bereiche, wie zum Beispiel die Lehrerbildung, erhoffte ich mir allerdings Anregenderes und Dynamischeres, als ich es jetzt erlebe. Was aus dem Potsdamer Modell der Lehrerbildung geworden ist, enttäuscht mich schon.
Wie sieht die Universität Potsdam in zehn Jahren aus?
Pösl: Wenn es zur Fusion Berlin und Brandenburg kommt, wird es die Uni Potsdam wahrscheinlich nicht mehr geben.
Meyerhöfer: Ich bin überzeugt, dass die Uni eigenständig bestehen bleiben wird.«
Vielen Dank für das Gespräch.