Heft 
(1.1.2019) 04
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Putz 4/01

Zehn Jahre Universität Potsdam

Hungrig auf Wissen

Für Carsten Wist war kein Platz an der Pädagogischen Hochschule

Er kann nicht das vorweisen, was man landläufig eine typi­sche DDR-Biografie nennt. Als Unangepasster musste Carsten Wist Repressalien bei der Armee ertragen, konnte Studien in Leipzig und Potsdam nicht beenden, schlug sich mit Gelegenheits­jobs durch. Dennoch verlor er seinen Traum, mit Büchern nicht nur in der Freizeit, son­dern auch beruflich umzuge­hen, nicht aus den Augen. Seit 1991 betreibt er zusammen mit Siegfried Ressel in Potsdams Innenstadt einen Literaturladen. Mit dem 1982 von der Pädagogischen Hoch­schule Potsdam aus diszipli­narischen und politischen Gründen KExmatrikulierten sprach PUTZ-Redakteurin Dr. Barbara Eckardt.

Sie betreiben einen Literatur­laden. Also liegt die Frage nahe, ob Sie schon als Kind heimlich unter der Bettdecke gelesen haben.

Wist: Mit Lesen habe ich meine Kinder- und Jugendzeit weniger verbracht. Ich trieb mich eher auf Sportplätzen herum. Die Leidenschaft für das Lesen kam später. Leicht infiziert wurde ich in der Schule. Während der Armeezeit, wo man unendlich viel Zeit hatte, begann ich mich richtig für Literatur zu inte­ressieren. Aber damals habe ich mir nicht unbedingt vorstellen können, später einmal beruflich etwas mit Büchern zu tun zu haben.

Während der Armeezeit haben Sie aber nicht nur Ihrem Hobby, dem Lesen, nachge­hen können. Welche Emp­findungen haben Sie, wenn Sie sich an diese Zeit erinnern?

Wist: Der Vorteil damals war, dass ich von morgens bis abends lesen konnte. Andererseits wurde mir klar, dass die Armee zu nichts anderem diente, als die Seelen der Menschen zu brechen. Das hat mich schwer enttäuscht, weil ich diese Erfahrungen nicht mit den ver­mittelten Vorstellungen von

Sozialismus und neuem Men­schenbild in Einklang bringen konnte. Aus dem persönlichen Leiden wurde dann auch ein Leiden an der Gesellschaft. Ich kritisierte die Ausbürgerung Biermanns 1976. Das brachte mir natürlich Ärger ein. Von da an galt ich als Biermann­Sympathisant. In dieser Zeit wollte ich Sportjournalist wer­den. Die Zulassung für ein Studium in Leipzig hatte ich schon. Daraus wurde dann nichts.

War das Thema Studium damit für Sie erledigt?

Wist: Als sich abzeichnete, dass es mit dem Studium in Leipzig nichts werden würde, überlegte ich, was ich noch machen könn­te. Dass es etwas mit Sprache, mit Literatur zu tun haben sollte, war für mich klar. Letztlich entschied ich mich, ein Lehrerstudium der Germanistik und Geschichte an der damali­gen Pädagogischen Hochschule in Potsdam aufzunehmen. Es lief anfangs sehr gut, denn ich war hungrig auf Wissen. Ich wollte den Versuch starten, Schüler für etwas zu begeistern, was mich selbst interessiert, einen Funken zünden. Ich hatte auch etwas damit geliebäugelt, als For­schungsstudent an der Hoch­schule arbeiten zu können.

Nach zweieinhalb Jahren war für Sie Schluss an der Hoch­schule. Erlebten Sie wieder die Strohhütchenträger, um mit dem Volksbühnenintendanten Frank Castorf zu sprechen?

Wist: Aus disziplinarischen und politischen Gründen wurde ich exmatrikuliert. Meine Seminar­gruppe stellte diesen Antrag. Die Mehrzahl meiner Kommilitonen waren Frauen, die gerade von der Schule kamen. Sie konnten nicht damit umgehen, dass ich nicht an jeder Lehrveranstaltung teilnahm. Ich habe mir vielmehr meinen eigenen Studienplan erarbeitet. Denn ich erlebte nicht den Studienbetrieb, den ich mir an einer Hochschule vorstellte, sondern Schulbetrieb. Es war miefig und kleinkariert.

Insofern gab es schon auch Strohhütchenträger. Es war so einfach zu provozieren. Man brauchte sich fnurfeinen[Sticker Atomkraft: Nein danke! anzu­stecken, und schon hatte man sein Publikum. Das ist mir auf die Nerven gegangen. Ich eckte auch bei politischen Diskussio­nen an. Ich kann mich zum

Lange hat es gedauert, bis der 1957

geborene Carsten Wist seine

machen konnte. Foto: Fritze

Beispiel daran erinnern, dass DDR-Schriftsteller, die in den Westen gegangen sind, nicht mehr erwähnt wurden. Das fand ich kleinkariert. Der Standard­satz meiner Kommilitoninnen war, dass sie von jemandem wie mir nicht ihre Kinder erziehen lassen wollen. Bei den schulprak­tischen Übungen wurde mir dann klar, dass ich nicht Lehrer werden konnte, weil ich den Unterricht nicht hätte so gestal­ten können, wie ich es mir vorstellte Trotzdem war das Studium eine schöne Zeit für mich.

Es gab also auch angenehme Erlebnisse?

Wist: In sehr positiver Erinnerung habe ich die Mite­

rarischen Debatten in der Diplomandengruppe von Helmut John. Das hatte in meinen Augen etwas mit

Studium zu tun, man konnte mit klugen Leuten diskutieren, und die Ideologie stand dabei nicht

Leidenschaft zu Büchern zum Beruf

im Vordergrund. So hätte ich gerne weiter studiert.

Sie haben sich dann mit Gelegenheitsarbeiten durch­schlagen müssen. Was ist aus IhremBüchertraum gewor­den? Haben Sie resigniert?

Wist: Ich habe mir gesagt, wenn du nicht studieren darfst, stellst du dir selbst einen Studienplan zusammen. Neben dem Jobben las ich die Bibel, Schriften von Dutschke oder klassische Lite­ratur, hörte Opern und so wei­ter. Ich wollte auf gar keinen Fall schlapp machen. Als dann auch mein Studienwunsch Theater-wissenschaften nicht in Erfül-lung ging, sah ich keine andere Möglichkeit als 1987 einen Ausreiseantrag zu stellen, obwohl ich nie in den Westen wollte. Er hat mich als Alternative nie interessiert. Wenn man aber gesagt be­kommt, dass das, was man glaubt zu können, nicht gebraucht wird, was sollte ich dann noch hier?

Die Wende hat dann Ihren Weggang in den Westenver­hindert. Heute betreiben Sie gemeinsam mit einem Freund denLiteraturladen Wist und Ressel in Potsdam. Ist damit Ihr Traum erfüllt?

Wist: Wir wollen Angebote unterbreiten, auch mit unseren Lesungen und anderen Ver­anstaltungen. Damit wird man nicht alle erreichen, aber einigen Menschen die Schönheit der Literatur nahe bringen zu kön­nen, den Geist zu Öffnen, ist unser Anliegen. Das macht Spaß. Die große finanzielle Abhängigkeit von den Banken bedrückt mich allerdings manchmal.

Vielen Dank für das Gespräch.