Wenn der„Filter“ fehlt
Psychologen widmen sich den neuen Medien
Sie sind nicht mehr wegzudenken in unserer Gesellschaft. Computer und neue Medien haben Einzug gehalten in die Kinderzimmer, Büros, Schulen und Dienstleistungsunternehmen. Doch welche Folgen wird ihre Nutzung für die Entwicklung der Menschen über die Generationen hinweg haben?
Ob Arbeit oder Freizeit, ohne die neuen Medien geht nichts mehr.
ange hat die deutsche psychologische For[sten das Thema nicht beachtet, ganz im
Gegensatz zu den Amerikanern. Jetzt soll sich das ändern. Viel Zeit verlieren will und kann man allerdings nicht mehr.„Wir plädieren für ein Zusammenspiel von Grundlagen- und Anwendungsforschung“, beschreibt Prof. Dr. Heinz Mandl aus der Uni München den künftigen Weg. Schließlich bestehe Handlungsbedarf, warte die Praxis auf Hilfestellung aus der Theorie.
Klar ist, die neuen Medien beeinflussen nicht nur die heranwachsenden Jugendlichen oder bestenfalls noch Erwachsene im arbeitsfähigen Alter, sondern zunehmend schon Kleinstkinder wie auf der anderen Seite auch verstärkt ältere Menschen. Auch über die Entwicklungsdimensionen, in denen sich voraussichtlich Veränderungen beim Menschen einstellen, herrscht offensichtlich Einigkeit. Die Wissenschaftler gehen von Einwirkungen auf die kognitive, sprachliche, interessensbezogenen, emotionale, soziale und auch moralische Entwicklung aus. Und das sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht. So beobachten sie sorgenvoll die verheerenden Auswirkungen von Sexismus oder Aggression im Internet, sie interessiert aber auch der mögliche Einfluss der digitalen Medien auf das Wissen, das rasche Erkennen von Strukturen und Zusammenhängen bis hin auf die Identitätsfindung.
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Gerade im kognitiven Bereich gab es in jüngster Vergangenheit neue Befunde.„Wir beobachten den Zuwachs nonverbaler Intelligenz durch die neuen virtuellen Welten, die schon Kinder nicht nur nutzen, sondern auch gestalten“, unterstreicht etwa Prof. Patricia Greenfield aus Kalifornien.
Virtuelle Welten mit Folgen
Das nichtsprachliche, bildhaft-abstrakte Denken, das Denken in räumlichen Strukturen nehme in dieser und künftigen Generationen zu. Das bedeute jedoch aber nicht automatisch, dass sich sprachliches Können verschlechtere. Veränderungen allerdings im sprachlichen Handeln schließt auch Mandl nicht aus. „Durch die SMS oder die E-Mail kommen neue Ausdrucksweisen zum Tragen, die nicht unbedingt den Merkmalen eines wohlgeformten Briefes entsprechen, aber auch nicht nur Anzeichen einer rein technisierten Kommunikation zeigen“, so Mandl dazu. Was hier genau passiert und warum, bleibe interessant.
So viele detaillierte Fragestellungen es für die Psychologen gegenwärtig gibt, so deutlich ist das Hauptproblem.„Wir müssen dabei helfen, Medienkompetenz bei Jung und Alt zu erreichen“, erläutert der Münchner Wissenschaftler. Vor allem aus den Schulen kämen Hilferufe. Man brauche geeignete Lernumgebungen, Stra
Forschung
www.uni-potsdam.de/portal /forschung
tegien im Umgang mit Medien.„Für die Schüler gibt es heute durch das Internet einen nahe
zu unbeschränkten Zugang zu Informationen“, betont auch Prof. Dr. Hellgard Rauh von der Universität Potsdam. Der früher so wirksame Filter Lehrer fehle. Die neue Aufgabe von Schulen und Eltern werde es deshalb sein, Wege durch diese Überfülle an Informationen zu weisen und die Fähigkeiten zu vermitteln, gezielt auszusuchen und zu bewerten. Denn keiner könne künftig vollständig kontrollieren, was die Kinder im heimischen Kinderzimmer über die Medien aufnehmen und wie sie dies verarbeiten.„Dem müssen
wir uns stellen“, betont Rauh. Pg
Die Bedeutung der neuen Medien und Informationstechnologien für die Entwicklungspsychologie war einer der Problemschwerpunkte bei der 15. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, die im September dieses Jahres an der Uni Potsdam stattfand. Mit diesem, aber auch anderen Themen befassten sich rund 450 Teilnehmer in Symposien, Arbeitsgruppen und Diskussionsrunden. Informationen zur Veranstaltung finden Interessierte im Internet unter der Adresse http: //www.uni-potsdam.de/u /epsy2001/
Portal o1/01
Foto: Fritze