Personalia
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„Alle guten
Dinge lachen‘
Cd
Zum Tod von Professor Hans-Jürgen Bachorski
eorg Christoph Lichtenberg empfahl ( einst,„Die Professoren auf Universitä
ten sollten Schilde aushängen wie die Wirte“. Lässt sich dieses Apercu anders lesen als gelungene Umschreibung für die Fröhliche Wissenschaft? Mit Blick auf Professor Hans-Jürgen Bachorski, der am 4. September im Alter von nur 51 Jahren verstorben ist, drängt es sich geradezu auf. Hans-Jürgen Bachorski wusste nicht nur viel von der einstigen Ausgelassenheit, von der heiteren und zwanglosen Lust des Symposiums, er lebte sie vor und er lebte in ihr, mit wunderbar ansteckendem Esprit, sichtbarer Genussfreude, aber auch mit angemessenem Ernst und gebotener Distanz. Dass er zwischen all dem mit Verve und auf unkonventionelle Weise vermitteln konnte, machte ihn auf diesem Terrain zu einer höchst anerkannten und beliebten Instanz. Eines seiner Lieblingsthemen war das Lachen, dass er anderen gerne schenkte, viel lieber aber noch erklärte er es, exakt, hintersinnig und couragiert.
Unabhängig von einem Nachruf der Fakultät und der Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen und seines Engagements für die Universität Potsdam, das im Rahmen einer Gedenkveranstaltung für Hans-Jürgen Bachorski am 7. November geschehen wird, hält es die Redaktion für wichtig, Professor Bachorski als jenen unbestechlichen Protagonisten der Heiterkeit zu zeigen, der er war. Sie bedient sich dafür eines Briefes aus dem Jahre 1997, den Bachorski als damaliger Dekan der Philosophischen Fakultät I dem Wissenschaftsministerium sandte, nachdem dieses ihn aufgefordert hatte, zu seinen Äußerungen im Rahmen des Studierendenstreiks Stellung zu nehmen. Damals hatten Studierende und Lehrende Protestveranstaltungen unter anderem in der Potsdamer Wilhelmgalerie durchgeführt. Wir geben an dieser Stelle Auszüge seines Antwortschreibens unkommentiert wieder:
„...Der Artikel in den Potsdamer Neuesten Nachrichten zitiert einzelne Worte, die mögli
cherweise so von mir gesagt worden sein könn
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ten. Was er aber nicht schildert oder gar reflektiert, ist der Charakter der Veranstaltung und meiner Rede insgesamt. Wie schon der Titel (Feierliche Eröffnung des Standortes fünf der Uni Potsdam) wohl überdeutlich signalisiert, fand dort eine Art Happening statt... Die gesamte Inszenierung war eine Form des Theaters mit
aufklärerischer Intention, die durch parodistische und satirische Formen realisiert werden sollte. Dazu gehörten auch die Reden, die in Form und Gestus natürlich das autoritäre Wort (M. Bachtin) zitieren und parodieren mussten, um es so in Frage zu stellen. In diesem Fest des Uneigentlichen ging es in unterschiedlichen Vorlesungen etwa um den armen Poeten in der Antike(und natürlich war nicht die Antike, sondern die traurige Situation von Kultur und Kunst in der Gegenwart gemeint), um den besonderen didaktischen Wert und den noch größeren ökonomischen Nutzen von 10-Minuten-Vorlesungen(und dies war eindeutig keine direkte Aufforderung zu einer solchen Veränderung der Hochschule), um einen Prediger, der sich sehr für die Universitäten in seinem Lande einsetzte(und selbstverständlich sollte damit keineswegs ein gegenwärtiger Minister gemeint
Foto: Fritze
sein, sondern Schleiermacher)... Es waren gut besuchte und für Studierende sicherlich höchst nützliche Alternativ-Vorlesungen im Trubel des Streiks, denn auch sie kennen sicherlich die schöne und bewährte Devise: Alle guten Dinge lachen(Nietzsche).
Ich also habe an ungewohntem Ort eine Rede gehalten, die genauso klingen sollte wie eine der üblichen schönen Reden, die gemeinhin bei solchen Ereignissen gehalten werden, und die trotzdem— ganz gattungsuntypisch- auf Missstände, Defizite und Versäumnisse in der Hochschulpolitik aufmerksam machen sollte. Ich habe dazu die Formen der Übererfüllung und der Verkehrung gewählt(vgl. dazu die treffliche Bemerkung von Aristoteles im 2. Buch seiner Poetik: das Komische entstehe aus der Angleichung des Besseren an das Schlechtere und umgekehrt, aus der Überraschung durch Täuschung, etc.) und deshalb gerade alles das emphatisch als grandiosen Erfolg einer planvollen Bildungspolitik dargestellt, was doch- zumindest aus meiner Sicht— nicht unbedingt erfreulich und produktiv ist....
Der wesentliche Moment dieser Ansprache war somit weniger ihr Inhalt als vielmehr ihre performative Dimension. Durch Gestus, Tonfall, Apostrophen etc. war die Rede als komisches, theatrales Ereignis konzipiert; und so misslich wie es ist, als Redner selbst über den Erfolg der eigenen Performance räsonieren zu sollen, so sicher bin ich doch, dass dieser Charakter durch das Auditorium durchaus realisiert worden ist (und ich erlaube mir, als Beweis auf das dem Artikel beigegebene Photo zu verweisen, das streikende Studierende als ausgelassen lachende Zuhörer zeigt— was angesichts der unerfreulichen Entwicklungen in der Hochschulpolitik des Landes eine wohl kaum naheliegende Reaktion wäre)“....
Der Brief endet mit den Worten„Difficile est saturam scribere“. Es ist schwer, das Durcheinander zu beschreiben, heißt es, noch schwerer das Fehlen desjenigen, der es immer wieder versuchte. tp
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