Titel
www.uni-potsdam.de/portal /novo1/titel.htm
Novum in Deutschland
Der steinige Weg der Einführung des Unterrichtsfaches Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde
Das Unterrichtsfach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde(LER) ist wie
der in aller Munde. Im Zusammenhang mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht schlagen die Wellen gerade besonders hoch. In dem Verfahren wenden sich die Kirchen, einige Eltern sowie die CDU/CSU-Bundestagsfrak
tion gegen das brandenburgische Schulgesetz. Sie wollen erreichen, dass der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach eingeführt wird. Gegenwärtig wird Religionsunterricht außerhalb der Stundentafel als freiwilliges, unbenotetes Fach angeboten. Nach der Ansicht der Klagenden verletzt LER die grundgesetzliche Verpflichtung des Staates zu weltanschaulicher Neutralität. Die brandenburgische Landesregierung besteht nach wie vor auf LER als Unterrichtsfach für alle Schüler. Das Gericht schlug den beiden Seiten vor,
. einen Kompromiss zu finden. Der brandenburgische Landtag beschloss inzwischen, das Schlichtungsangebot des Gerichts anzunehmen.
as Unterrichtsfach LER ist ein Novum in D Deutschland. LER entstand aus der bil
dungsreformerischen Diskussion der politischen Wende. Danach sollte sich die Schule den Interessen und Bedürfnissen der Schüler öffnen, Raum geben für Fragen nach dem Sinn des Lebens und Meinungsvielfalt im Klassenzimmer ermöglichen. Die erste brandenburgische Landesregierung, die damalige Koalition aus SDP, FDP und Bündnis 90, suchte die Kontinuität zu den Überlegungen dieser Zeit zu bewahren. Deshalb legte die Landesregierung 1990 in der Koalitionsvereinbarung fest,„an allen Schulen einen breit angelegten Unterricht in Religions- und Lebenskunde durchzuführen, die konfessionelle Unterweisung aber in Verantwortung der Kirche zu belassen“. Schließlich entstand die Idee des Modellversuchs Lebensgestaltung, Ethik, Religion. Der Grundgedanke bestand darin, Kindern und Jugendlichen Kenntnisse über die Anschauungen, Werte und religiösen Orientierungen zu vermitteln, die in den vergangenen 2000 Jahren die europäische Kultur prägten. Ausgangspunkt war die Überlegung, in einem gemeinsamen Unterricht ohne Trennung nach Konfessionen oder Weltanschauungen Fragen zu behandeln, die Verständnis und Toleranz für Fremdes einerseits und Dialogfähigkeit bei den Jugendlichen andererseits fördern. Hierin besteht das Neue.
In allen anderen Bundesländern wird aufgeteilt in konfessionellen Religionsunterricht und Ethikunterricht, für die nicht am Religionsunterricht Teilnehmenden. Kirchliche Vertreter soll
12
LER in Zahlen Brandenburg
Lehrer: 750 Schüler: 65000 Schulen: 350 Klassen: 55 Prozent
Potsdam
Lehrer: 42 Schüler: 7. Klassen: 1739 von 1739 8. Klassen: 1773 von 1773 9. Klassen: 1106 von 1825 10. Klassen: 538 von 1833
Schulen: 2 Realschulen von 2 5 Gymnasien von 5 11 Gesamtschulen von 11
Klassen: 7. Klassen: 68 von 68 8. Klassen: 68 von 68 9. Klassen: 37 von 70 10. Klassen: 23 von 71
* außer freie Träger
Reden über Gott und die Welt nicht nur in der Pause, sondern auch im Unter
richt. LER macht es möglich.
ten an der Vorbereitung und Durchführung von LER beteiligt werden, diese zogen sich jedoch vor beziehungsweise nach dem Modellversuch aus diesem bekenntnisfreien Pflichtunterricht zurück. In den Jahren 1992 bis 1995 wurde im Land Brandenburg an 44 von insgesamt 1200 Schulen der Modellversuch eingeführt.
In der auf den Modellversuch folgenden einjährigen Auswertungs- und Übergangsphase wurde LER als Schulversuch weitergeführt. Das 1996 beschlossene brandenburgische Schulgesetz sieht die schrittweise, flächendeckende Einführung des Faches Lebensgestaltung, Ethik Religionskunde in der Sekundarstufe I, also von Klassen 7 bis 10, vor. Voraussetzung sind die jeweiligen personellen, sächlichen und schulorganisatorischen Möglichkeiten
der Schulen. Die Änderungim LER will Verständnis und ToleNamen des Faches von Reli- ranz für Fremdes und Dialogfä
gion zu Religionskunde soll higkeit fördern. signalisieren, dass LER als all
gemeines Schulfach konzipiert ist und nicht als religiöse Unterweisung oder Glaubenserziehung. Diese Erziehung obliegt den Religionsgemeinschaften.„Das Fach... wird bekenntnisfrei, religiös und weltanschaulich neutral unterrichtet“, so das Schulgesetz.
LER stellt also den Versuch dar, in einem Bundesland mit etwa 20 Prozent kirchlich gebundenen Schülern auf aktuelle bildungspolitische und historische Herausforderungen mit der Einführung eines allgemeinbildenden Schulfaches zu reagieren. be
Portal 11/01