Heft 
(1.1.2019) 11
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Titel

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Novum in Deutschland

Der steinige Weg der Einführung des Unterrichtsfaches Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde

Das Unterrichtsfach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde(LER) ist wie­

der in aller Munde. Im Zusammenhang mit einer Klage vor dem Bundesver­fassungsgericht schlagen die Wellen gerade besonders hoch. In dem Verfahren wenden sich die Kirchen, einige Eltern sowie die CDU/CSU-Bundestagsfrak­

tion gegen das brandenburgische Schulgesetz. Sie wollen erreichen, dass der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach eingeführt wird. Gegenwärtig wird Religionsunterricht außerhalb der Stundentafel als freiwilliges, unbeno­tetes Fach angeboten. Nach der Ansicht der Klagenden verletzt LER die grundgesetzliche Verpflichtung des Staates zu weltanschaulicher Neutralität. Die brandenburgische Landesregierung besteht nach wie vor auf LER als Unterrichtsfach für alle Schüler. Das Gericht schlug den beiden Seiten vor,

. einen Kompromiss zu finden. Der brandenburgische Landtag beschloss inzwischen, das Schlichtungsangebot des Gerichts anzunehmen.

as Unterrichtsfach LER ist ein Novum in D Deutschland. LER entstand aus der bil­

dungsreformerischen Diskussion der politischen Wende. Danach sollte sich die Schu­le den Interessen und Bedürfnissen der Schüler öffnen, Raum geben für Fragen nach dem Sinn des Lebens und Meinungsvielfalt im Klassen­zimmer ermöglichen. Die erste brandenburgi­sche Landesregierung, die damalige Koalition aus SDP, FDP und Bündnis 90, suchte die Kon­tinuität zu den Überlegungen dieser Zeit zu bewahren. Deshalb legte die Landesregierung 1990 in der Koalitionsvereinbarung fest,an allen Schulen einen breit angelegten Unterricht in Religions- und Lebenskunde durchzuführen, die konfessionelle Unterweisung aber in Verant­wortung der Kirche zu belassen. Schließlich entstand die Idee des Modellversuchs Lebensge­staltung, Ethik, Religion. Der Grundgedanke bestand darin, Kindern und Jugendlichen Kennt­nisse über die Anschauungen, Werte und religi­ösen Orientierungen zu vermitteln, die in den vergangenen 2000 Jahren die europäische Kul­tur prägten. Ausgangspunkt war die Überlegung, in einem gemeinsamen Unterricht ohne Tren­nung nach Konfessionen oder Weltanschauun­gen Fragen zu behandeln, die Verständnis und Toleranz für Fremdes einerseits und Dialogfä­higkeit bei den Jugendlichen andererseits för­dern. Hierin besteht das Neue.

In allen anderen Bundesländern wird aufge­teilt in konfessionellen Religionsunterricht und Ethikunterricht, für die nicht am Religionsunter­richt Teilnehmenden. Kirchliche Vertreter soll­

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LER in Zahlen Brandenburg

Lehrer: 750 Schüler: 65000 Schulen: 350 Klassen: 55 Prozent

Potsdam

Lehrer: 42 Schüler: 7. Klassen: 1739 von 1739 8. Klassen: 1773 von 1773 9. Klassen: 1106 von 1825 10. Klassen: 538 von 1833

Schulen: 2 Realschulen von 2 5 Gymnasien von 5 11 Gesamtschulen von 11

Klassen: 7. Klassen: 68 von 68 8. Klassen: 68 von 68 9. Klassen: 37 von 70 10. Klassen: 23 von 71

* außer freie Träger

Reden über Gott und die Welt nicht nur in der Pause, sondern auch im Unter­

richt. LER macht es möglich.

ten an der Vorbereitung und Durchführung von LER beteiligt werden, diese zogen sich jedoch vor beziehungsweise nach dem Modellversuch aus diesem bekenntnisfreien Pflichtunterricht zurück. In den Jahren 1992 bis 1995 wurde im Land Brandenburg an 44 von insgesamt 1200 Schulen der Modellversuch eingeführt.

In der auf den Modellversuch folgenden ein­jährigen Auswertungs- und Übergangsphase wurde LER als Schulversuch weitergeführt. Das 1996 beschlossene brandenburgische Schulge­setz sieht die schrittweise, flächendeckende Ein­führung des Faches Lebensgestaltung, Ethik Religionskunde in der Sekundarstufe I, also von Klassen 7 bis 10, vor. Voraussetzung sind die jeweiligen personellen, sächlichen und schulor­ganisatorischen Möglichkeiten

der Schulen. Die Änderungim LER will Verständnis und Tole­Namen des Faches von Reli- ranz für Fremdes und Dialogfä­

gion zu Religionskunde soll higkeit fördern. signalisieren, dass LER als all­

gemeines Schulfach konzipiert ist und nicht als religiöse Unterweisung oder Glaubenserzie­hung. Diese Erziehung obliegt den Religionsge­meinschaften.Das Fach... wird bekenntnisfrei, religiös und weltanschaulich neutral unterrich­tet, so das Schulgesetz.

LER stellt also den Versuch dar, in einem Bundesland mit etwa 20 Prozent kirchlich gebundenen Schülern auf aktuelle bildungspoli­tische und historische Herausforderungen mit der Einführung eines allgemeinbildenden Schul­faches zu reagieren. be

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