Titel
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„Mit Blick auf die Schüler ist die Diskussion schon etwas absurd“
Gespräch mit Sabine Lenk, Lehrerin für LER an der Goethe-Schule in Potsdam-Babelsberg
Sabine Lenk, eigentlich Lehrerin für Musik und Deutsch, unterrichtet seit neun Jahren LER. Sie wurde am Pädagogischen Landesinstitut Brandenburg(PLIB) in Ludwigsfelde während des LER-Modellversuches ausgebildet. Thomas Pösl
sprach mit ihr über ihre Arbeit.
Inwieweit betrifft Sie die im Augenblick wieder verstärkt geführte Diskussion um LER?
Lenk: Eigentlich betrifft sie mich nicht, lediglich durch den Fachverband. Das Fach wird ja bleiben, so oder so. Vielleicht ändert sich die Organisationsform.
Fühlen Sie sich als Lehrerin nicht trotzdem von den Gegnern in ihrer Kompetenz in Frage gestellt?
- Lenk: Ich muss kein Christ sein, um über die christliche Themen oder über andere Religionen zu sprechen. Wir machen kein Religionsunterricht, sondern Religionskunde, der Bezug ist die Religionswissenschaft. Selbstverständlich gibt es Momente an der Grenze zur Überforderung bezogen auf die Komplexität des Faches insgesamt. Im übrigen zeigten mir Gespräche mit Religionslehrern, dass viele Themen ähnlich angelegt, die Unterschiede also gar nicht so groß sind.
Worin besteht Ihrer Meinung nach das„wertebildende“ und„werteerziehende“ Element im LER-Unterricht?
Lenk: Für mich ist es wichtig, da wo es sich anbietet, auf bestimmte ethische Fragen einzugehen. Welches Handeln, welche Entscheidung ist in bestimmten Situationen richtig? Schüler müssen lernen, ihre Positionen darzustellen und begründen zu können. Über den Austausch von Werten, über den korrigierenden Vergleich entwickeln sich Wertvorstellungen.
Was kann das Fach LER überhaupt leisten und was nicht?
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Sabine Lenk kennt die Alltagsprobleme der
Schüler sehr genau.
Foto: Fritze
Lenk: Erstens ist das inhaltliche Spektrum so breit, dass selbst die Fachwissenschaften viel von dem aufgeben müssen, was sie eigentlich vermitteln wollen. Zweitens reicht eine Stunde nicht aus. LER kompensiert ja vieles, was nur am Rande des Fachunterrichts zur Sprache kommt. Wenn ich dann die Klassenstärken sehe, sind natürlich unmöglich alle individuellen Fragen zu beantworten. Drittens: Lebensweltliche Probleme von möglichst vielen Seiten aus zu sehen, ist sicherlich der eigentliche Kern des Unterrichts. Welchen Blick gibt es von den verschiedenen Religionen beispielsweise auf das Thema Liebe, von der Psychologie oder von der Ethik? Das Fach ermöglicht es, mit den Alltagsproblemen der Schüler—- und die sind immens großlernend umzugehen und erweitert sie um verschiedene Ansichten und Aspekte. Und natürlich wissen die Kinder nicht immer, dass sie ethische Diskussionen führen. LER hat zwar auch eine sozialtherapeutische Aufgabe, aber nicht primär. Vielmehr geht es um Horizonterweiterung. Und last but not least erfüllt es auch eine wichtige kommunikative Funktion.
Wie erleben Sie die Akzeptanz des Faches bei Ihnen an der Schule?;
Lenk: Mit Blick auf die Schüler ist die ganze Diskussion schon ein wenig absurd. Denn bei denen ist das Fach voll etabliert. Sie können sich einbringen und tun dies auch. Abmeldungen vom Unterricht gibt es bei uns nur zwei. Von der Elternseite gab und gibt es keine Widerstände, da herrscht eher Desinteresse, die Mehrzahl äußert sich nicht. Andere Lehrer hatten anfänglich Vorbehalte, da sie glaubten, man nähme ihnen ihre Arbeit weg. Das hat sich aber eingespielt.
Portal 11/01