Heft 
(1.1.2019) 11
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Titel

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Pro und Kontra LER

Die Diskussion um das Schulfach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde wird seit Jahren leidenschaftlich sowohl von Befürwortern als von Gegnern geführt. Portal befragte zwei Uni-Angehörige nach ihrer Meinung zu dem bundesweit einmaligen Fach.

Selbstaufklärung der Gesellschaft

Als rheinisch-katholisch Sozialisierter bin ich natürlich für einen richtigen Religionsunterricht für die, die sich zu ihr bekennen. Wie aber soll die Wahlpflichtalternative für die aussehen, die keine Religion kennen? Oder besser, die nichts über ihre religio, was in der Lesart CicerosRückbindung bedeutet) wissen? Es müsste so etwas sein wie LER, ein Fach, das auch über die eigene religiöse

. Befindlichkeit aufklären kann. Denn diese gibt es auch bei denen, die sie weit von sich weisen.

Wir haben uns beispielsweise daran gewöhnt, dass sich Menschen mit größter Selbstverständ­lichkeit in der Öffentlichkeit über Details ihres Sexuallebens auslassen, die Religion dagegen in die tiefste Intimsphäre verbannt ist. Und ab und zu wundern wir uns, dass die Gewichtung fast überall gerade umgekehrt ist. Wer diesen Umstand einfach als Gewinn abbucht, verkennt das Wesen von Religion alsRückbindung an ein Höheres. Das muss nicht Gott sein, es gab und gibt die bürgerlicheKunstreligion, deren Anhänger mit der gleichen Andacht ins Konzert gehen wie weiland ihre Ahnen in die Kirche, Politreligionen, wie den Sozialismus, die Heilsversprechungen abgaben und aus Aufmär­schen Prozessionen mach(t)en. Funktionale Äquivalente und Ersatzhandlungen gibt es heut­zutage zuhauf. Man denke nur an die Fernsehs­hows, die die kirchlichen Sakramente von der Beichte bis zur Ehe auf den Bildschirm bringen. Auch in diesem Sinn der Selbstaufklärung der säkularisierten, also verweltlichten Gesellschaft ist LER ein notwendiges Fach. Vor allem sollte aus dem Umschulungsprogramm ein grund­ständiger Studiengang werden, der viel stärker in die Tiefe gehen kann. Der Ausbau der reli­gionswissenschaftlichen Professur an der Uni Potsdam zu einem richtigen Institut ist deshalb dringend geboten.

Prof. Dr. Norbert Franz /Institut für Slavistik

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Norbert Franz

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Im Sog der Sozialtechnokratie

Der Unterricht in LER soll helfen,Lebensauf­gaben zu bewältigen,eigene Lebensentwürfe zu entwickeln und umzusetzten und derje eigenen Sinngebung dienen. Das alles hat offensichtlich wenig mit Unterricht als Ort der intellektuellen Durchdringung einer Sache zu tun. Die aber soll das Heilsversprechen einlö­sen. LER erscheint insofern als Symptom jener sozialtechnokratischen Versöhnung von Theo­rie und Praxis, der ein Denken, das nicht auch seine Nützlichkeit ausweisen kann, suspekt ist. Bei der Kurzschließung von Erkenntnis und Lebenspraxis kommen beide aber nicht unge­schoren davon. Die Lebenspraxis wird zum ent­mündigten und betreuten Klienten einer intel­lektuell auf ihre vermeintliche Sinnstiftungs­und Lebenshilfekapazität geschrumpften Welt­erschließung.

Im schulisch-sozialisatorischen Kontext erscheint mir diese allgemeine gesellschaftliche Bewegung besonders gravierend. Statt die Logik des besseren Arguments und der Kritik zu ihrem Recht kommen zu lassen und damit die Schüler als autonome Subjekte, als Diskurspartner zu adressieren, statt also ein religions- und kultur­wissenschaftlich ausgerichtetes Schulfach zu eta­blieren, falls es dessen überhaupt bedurft hätte, gerät die Person des Schülers, ihre Identität und lebenspraktische Positionalität in den Fokus unterrichtlicher Interaktion.

Die Verwerfungen solcher Tendenzen der Distanzlosigkeit und Entgrenzung lassen sich bis in die Mikroporen schulischer Interaktion verfolgen. Sie sind nicht erst mit LER auf den Plan getreten, und das neue Schulfach lässt sich darauf nicht reduzieren. Gleichwohl: LER scheint mit dem sozialtechnokratischen Strom zu treiben, statt gegen ihn zu schwimmen.

Dr. Andreas Wernet/Institut für Pädagogik

Andreas Wernet

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