Wie entstand
eigentlich Sprache?
Wissenschaftler debattieren auf Uni-Tagung über Texte und Konzepte
„Sind Menschen, ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen, imstande, Sprache zu erfinden und wenn ja, mit welchen Mitteln sind sie dazu gekommen?“, so lautet eine Preisfrage, die die Berliner Akademie der Wissenschaften im Jahre 1769 der europäischen Gelehrtenrepublik zur Beantwortung aufgab. Die Frage nach dem Ursprung der Sprache hat von Alters her die Gelehrten umgetrieben, ist sie doch zugleich die Frage nach dem Ursprung des menschlichen „Wesens.
erade die Sprachfähigkeit ist es, die den ( Menschen etwa gegenüber dem Tier
reich abgrenzt und heraushebt. Im 18. Jahrhundert erreicht die Frage nach dem Sprachursprung mit den Schriften Johann Gottfried Herders, Jean-Jacques Rousseaus und Bonnot de - Condillacs ihren Höhepunkt. Dass sie jedoch keineswegs als museal einzuordnen ist, zeigt ihre Kontinuität bis hin zur Gegenwart.
Cordula Neis vom Institut für Romanistik der Uni Potsdam hat sich in ihrer Dissertation intensiv mit der Berliner Preisfrage nach dem Sprachursprung beschäftigt. Sie untersuchte 25 Handschriften, die an der Berliner Akademie eingegangen sind, darunter zehn französische, zwölf deutsche und drei lateinische Manuskripte mit Längen bis zu 210 Seiten. Was sie fand, gab Einblick in die Vielfalt des sprachtheoretischen Denkens des 18. Jahrhunderts.„Die Beiträge sind gar nicht unaktuell“, unterstreicht Neis,„einige darunter weisen erstaunliche Parallelen zur heutigen Diskussion um die natürliche Sprache oder allen Sprachen gemeinsame universelle Merkmale auf“.
Im Zeitalter der Aufklärung gestellt, zielte die Frage darauf ab, mit der biblischen Vision eines göttlichen Ursprungs der Sprache zu brechen und dem Menschen selbst die Erschaffung seiner Sprache, Kultur und Geschichtlichkeit zu übertragen. Nicht mehr Adam aus dem Garten Eden war von Gott mit der Benennung der Tiere
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Forschung
www.uni-potsdam.de/portal /novo1/forschung.htm
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Cordula Neis faszinieren alte Handschriften. Genau 25 untersuchte sie, um dem sprachwissenschaftlichen Denken über den Ursprung von Sprache im 18. Jahrhundert auf die Spur zu kommen.
beauftragt, sondern der sich selbst frei bestimmende Mensch erfand sich Sprache.
Spekulation und Empirie
„Die meisten der eingesandten Schriften“, so Neis,„stützen sich auf Auffassungen von Condillac und Rousseau, die beide davon ausgingen, dass tierische Laute quasi als Modell des Sprachursprungs dienten“. Beide Autoren vertraten im Gefolge der epikureischen Philosophie die Auffassung, dass es die menschlichen Grundbedürfnisse gewesen seien, die den Menschen zu ersten Lautäußerungen veranlasst hätten.
Bemerkenswert an den Einsendungen auf die Preisfrage ist die grundsätzliche Tendenz, eine spekulative Fragestellung mithilfe von Gedankenexperimenten zu beantworten, die aber einen möglichst hohen Grad von Wahrscheinlichkeit aufweisen sollten. Um den historisch uneinholbaren Punkt des Sprachursprungs irgendwie rekonstruieren zu können, bediente man sich hypothetischer„Probandengruppen“. Diese Gruppen erschienen allesamt im Vergleich zum sprachlich„normal“ ausgerüsteten Menschen
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Die a. mit dem"——.„Fossunt quia posse videntur“ führt ein pessimistisches Menschenbild im Sinne des Thomas Hobbes vor und versucht, vor diesem Hintergrund die Sprachentstehung zu plausibilisieren.
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