Heft 
(1.1.2019) 12
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Gesprochene Sprache Teil der Alltagskultur

Auf den Spuren Brandenburg-Berlinischer Sprache

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Ende 2001 schließt die Redaktion des Bran­denburg-Berlinischen Wörterbuchs ihre vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur(MWFK) finanzierte Arbeit mit der Publikation der letzten Lieferungen ab. Das nun vorliegende vierbändige Wörterbuch bietet

ein genaues Bild der regionalen und örtlichen Verteilung von Varianten der gesprochenen Spra­che in Brandenburg und Berlin.

uf Vorschlag des langjährigen Leiters A« Wörterbuchredaktion, Dr. Joa­him Wiese, überlässt die federfüh­rende Sächsische Akademie der Wissen­schaften der Universität Potsdam und der Professur für Geschichte der deutschen Sprache den Materialbestand des Wör­terbuchs zur wissenschaftlichen Nut­zung. Die während über mehrere Jahrzehnte andauernder lexikogra­phischer Arbeit gesammelten rund eine Million Belege von Wörtern, Wortformen und-bedeutungen der gesprochenen Sprache in Brandenburg und Berlin, eine Bibliothek mit dialektgeographi­schem Schwerpunkt sowie Kar­ten und Tondokumente aus den frühen G6o-er Jahren mit Sprach­proben aus dem gesamten Land Brandenburg sollen den Grund­stock für die geplanteFor­schungsstelle Brandenburg-Ber­linische Sprachgeschichte bil­den, die ab 2002 für die landes­geschichtliche Forschung und interessierte Öffentlichkeit offen steht.

Genauer Aufschluss

Für die regionale Sprachge­schichtsforschung ist dieses __ Material von hohem Wert, weil es nicht allein Aufschluss über die räumliche Verteilung unterschied­licher Sprachformen gibt, sondern

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und in Berlin.

weil die historische Tiefe der Belege von circa 200 Jahren zugleich Veränderungen in der gesprochenen Sprache Brandenburgs und Ber­lins dokumentiert. So zeigt zum Beispiel eine Momentaufnahme der geographischen Vertei­lung der Varianten vonFlasche aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, dass die sporadi­schen Belege vonBouteille/Butelje ziemlich genau dort anzutreffen sind, wo im 17./18. Jahr­hundert größere hugenottische Kolonien ange­siedelt waren, also vor allem in der Uckermark und in Berlin.

Wenn es gelingt, die zeitliche Dimension sol­cher Spuren zu rekonstruieren, können Aussa­gen darüber gemacht werden, wann sich das Sprachverhalten verschiedener Bevölkerungs­gruppen und-schichten in unterschiedlichen Landesteilen verändert hat und vor allem, was sich an der Sprache verändert hat.

Vernetzung möglich

Das Verhältnis desplatten Lands zur Metropo­le Berlin, vor allem der Sprachwechsel vom Niederdeutschen zum Berlinischen im 19. und 20. Jahrhundert, ist einer der Forschungsschwer­punkte an der ProfessurGeschichte der deut­schen Sprache. Diese Region, die sich eher durch Brüche denn Kontinuitäten auszeichnet, ist auch Gegenstand von Sozial-, Wirtschafts­und Verwaltungsgeschichte und damit fraglos eine disziplinenübergreifende Aufgabe. Die For­schungsstelle wird ihr Material und ihre Experti­se der stadt- und landesgeschichtlichen For­schung im gleichen Maße verfügbar machen, wie sie selbst auf diese angewiesen ist. So könn­te ein Verbund entstehen, der es ermöglicht, die

: Grenze des Aufnahmegebietes

mit der Industrialisierung und Metropolenbil­dung verbundenen Transformationsprozesse einer im wesentlichen agrarisch geprägten Region zu untersuchen und so die vergleichen­de kulturhistorische Forschung über den For­schungsschwerpunkt der Philosophischen Fa­kultät hinaus mit sozial- und wirtschaftsge­schichtlichen Fragestellungen zu vernetzen.

Museum lebendiger Sprache

Mit der Erforschung der gesprochenen Sprache wird jener Teil der Alltagskultur untersucht, der für die Sozialisation, Wissensaneignung und Verständigung grundlegend und mit Prozessen der sozialen wie regionalen Differenzierung und der Identitätsbildung verknüpft ist. Alltagsspra­che hat möglicherweise mehr zur Ausbildung desEigenen beigetragen als die eindrücklichen Monumente der Hochkultur und staatlich-politi­scher Repräsentation. Auch wenn das im Gegen­satz zur materiellen Kultur gemeinhin alsflüch­tig angesehene Mediumgesprochene Sprache durch die Arbeit an den Dialektwörterbüchern in großem Umfang erhalten werden konnte, so liegt doch die Gefahr der Zerstörung von an Sprache gebundener Identität im Vergessen ihrer historischen Formen. Für die Forschungs­stelle könnte daraus die Aufgabe erwachsen, aus dem reichhaltigen Fundus des Brandenburg­Berlinischen Wörterbuchs einMuseum leben­diger Sprache zu schaffen, das die Historizität der eigenen Sprache erlebbar macht und sie in Bezug zu den anderen kulturgeschichtlichen Formen in der Region setzt. Prof. Dr. Joachim Gessinger Institut für Germanistik

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