Medea, Pocahontas und der Englische Patient
Eine internationale Tagung widmete sich dem„Fremden Begehren“
er Film„Der Englische Patient“ nach D Ondaatjes Roman war ein Kassenfüller.
Die Tagung„Fremdes Begehren. Repräsentationsformen transkultureller Beziehungen“, vom Lise-Meitner-Programm der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam initiijert und Anfang Dezember im Potsdamer Alten Rathaus realisiert, rückte die melancholische Wüstengeschichte plötzlich in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses und stellte sie in einen gemeinsamen inhaltlichen Zusammenhang, der sich mit den Begriffen„KulturGeschlecht-Begehren-Körper“ am besten fassen lässt.
Interkultureller Dialog
Als ein weiterer Akzent des Profilbereichs der Universität Potsdam„Kulturen im Vergleich“, präsentierte sich die Tagung mit einem sehr dichten Programm und breit gefächertem Spektrum, das die Veranstalter seiner Komplexität wegen in vier Sektionen unterteilte. Die Schwerpunkte„Bilder des Orients- Arabische Perspektiven“,„Transatlantische Verschiebungen“, „Europa“ beziehungsweise„Juden und Nichtjuden“ erlaubten nicht nur eine thematische Zuordnung der äußerst differenzierten Beiträge aus Kunst- und Religionswissenschaft, Soziologie, Philologie, Medientheorie sowie Verglei— chender Literaturwissenschaft. Sie problematisierten auch das Verhält
nis von„Eigenem“ und
„Fremden“, den Blick der „Neuen Welt“ auf die„Alte Welt“ in wechselnden Perspektiven und eröffneten zugleich einen interkulturellen Dialog. Ob
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ff. Verliebt in den Kolonialisten. Wie Pocahontas zu einer der Gründungsfiguren Amerikas werden konnte, referierte Klaus Theweleit aus Freiburg. s Bekannt durch seine Bücher„Männer
phantasien“ oder„Buch der Könige“ war Theweleit einer der Höhepunkte der Tagung.
tig auch das Begehren fremd macht, auf welche Weise die unstillbare Sehnsucht nach Überschreitung und die Geschichte von Kolonisation damit verbunden, gleichsam von erotischen Beziehungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen durchsetzt ist, waren grundsätzliche Fragestellungen der dreitägigen Tagung. Nicht zuletzt die Herausbildung geschlechtsspezifischer, nationaler und kultureller Identitätskonzepte. Ergänzt durch ein Kurzfilmprogramm, bot sie einen interdisziplinären Austausch über Phänomene, welche seit Jahrtausenden eine enorme sozialgeschichtliche Bedeutung und Sprengkraft haben, und heute- angesichts von Migrationsbewegungen und Globalisierungstendenzen, aber auch von ethnischen Säuberungen, von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus- neue Relevanz erhalten. Dass sich durch Prozesse wechselseitiger kultureller Vereinnahmung und Hegemonie„Kultur“ immer schon als ein heterogenes Gefüge denn als Einheit darstellt, war denn auch die Quintessenz der
Tagung.
Foto: Repro
Forschung www.uni-potsdam.de/portal/dezo1/forschung
Dr. Sabine Hark aus dem Bereich Sozialwissenschaften der Universität Potsdam etwa, erzählte in ihrem Vortrag„Karthografien von Wüste und Körper“ den Film„Der englische Patienten“ fernab der unglücklichen Dreiecksgeschichte um den ungarischen Grafen Almasy, Katherine und deren Mann. Bei allem ästhetischen Reiz zeige der Streifen vor allem die Verstrickung von Kultur und Gewalt sowie den Einfluss der Politik auf das Geschlechterverhältnis. In seinen Tiefenstrukturen fand Hark ein vielschichtiges Gewebe aus Geschichte und Geographie, Privatem und Politischem, Macht und Intimität. Die Wüste sei, so Hark, vor allem ein Projektionsraum, in dem ein von Grenzziehungen und neuen Landkarten besessenes Europa des 19. und 20 Jahrhunderts seine Illusionen, Imaginationen und Phantasien einschrieb. Der Film zeige den Wunsch nach Entgrenzung, den Traum der Kolonisatoren von einer Welt, in der nationale Grenzen und Loyalitäten, sexuelle Identitäten und soziale Unterschiede keine Rolle spielten. Diese Träume seien Produkte des kolonialen Kampfes und zugleich dessen Einsätze. Denn genauso, wie in„unschuldigen Landschaften“ Höhlen, Oasen und Gebirge benannt würden, karthografiere Almasy den Körper Katherines. Er nähme ihn zwar für eine kurze Zeit in Besitz, verliere ihn aber letztlich, da Katherine sich ihm wieder entziehe. Auf ihrem Körper spielt sein Begehren, so wie es einst in der Wüste spielte. Afrika und der weibliche Körper seien„dunkle Kontinente“, Orte, die zur Projektionsfläche weißer europäischer Männer werden, so Hark.
Gesucht und gefunden
Der Rückgriff auf künstlerische Repräsentationsformen transkultureller Beziehungen, die in unterschiedlichen Kontexten entstanden und in unterschiedlichen Medien wie Literatur, Film oder Malerei ausgedrückt sind, war von konzeptioneller Bedeutung. Denn der Beitrag von Dr. Sabine Hark machte exemplarisch deutlich, wie gezielt während der Tagung die Schnittstellen zwischen cultural studies und gender studies nicht nur gesucht, sondern auch gefunden
wurden. tp
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