Heft 
(1.1.2019) 12
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Vermischtes

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Lust an Kunst

Heute vorgestellt: Julia Schoch

Als knapp Zehnjährige träumte sie davon, Zeichnerin beimMosaik

zu werden, dem einzigen orginären Comic, der in der DDR kursierte.

Später wurde daraus der Wunsch, als Animationszeichnerin bei der

DEFA zu landen. Weil die schon genug davon hatten, schien Szeno­

grafin eine Alternative zu sein. Oder Filmregisseurin. Stattdessen stu­

dierte sie zwischen 1992 und 1998 Germanistik und Romanistik in Potsdam, Bukarest sowie Paris. Sie arbeitete während dieser Zeit als Kassiererin und Filmvorführerin in einem Potsdamer Kino, wollte

sogar Eigentümerin der maroden Lichtspiele werden, um sie vor der drohenden Schließung zu retten. Und um11 Uhr nachts von Godard

zu zeigen, einer ihrer Lieblingsfilme.

#4 eit anderthalb Jahren promoviert Julia . Schoch am Institut für Romanistik über k) Michel Houellebecq und unterrichtet dort Französische Literatur. Sie ist als Übersetzerin tätig und sie war Literaturstipendiatin im Schloss Wiepersdorf. Ihr erstes Buch erschien vor kurzem im Piper-Verlag.Der Körper des Salamanders, Titel, versammelt Geschichten, die ich lange mit mir herum­schleppte und die einen Anspruch darauf hat­

so der

ten, geschrieben zu werden. Anfang Dezember erhielt sie den Förderpreis für Literatur des Lan­des Brandenburg.

Melancholie an

Die Biografie von Julia Schoch, die im Jahre 1974 im Militärkrankenhaus von Bad Saarow geboren wurde und in Ostmecklenburg auf­wuchs, die mit zwölf Jahren nach Potsdam kam und seitdem hier lebt, ist verbunden mit in sich abgeschlossenen Räumen. Das kleinstädtische Eggesin etwa, die zu DDR-Zei­ten berüchtigtste Kasernenstadt unweit der polnischen Grenze, wo der Vater als Offizier sta­tioniert war und wo in Ortsnähe die Mutter als Buchhändlerin arbeitete. Ziviles kam dort nicht vor, dafür um so mehr Melancholie an den Samstagnachmittagen.Eine sonderbare Atmosphäre, politisch korrekt, öde, völlig erstarrt. Geradezu wie geschaffen, um Einzelgänger hervorzu­bringen, selbstironisch. Das wirkliche Leben war anderswo in den bu ten

meint. sie

Comic-Welten der Mosaiks, die sie exzessiv las und mit Buntstiften kopierte oder in den Bücher­regalen der Mutter, wo sie erst Kästner und Wol­kow und später dann amerikanische und fran­zösische Literatur findet. Sie beginnt von Frank­reich zu träumen.

Auch die Kinder- und Jugendsportschule in Potsdam, wo sie zwischen 1987 und 1989 als kleiner, leichter Mensch die Ruderboote steu­erte, war ein solcher Sozialbiotop. Oder dann Bukarest. Die Reise dorthin ist ein Ausstieg zurück in den Osten mitten hinein in die totale

Langsamkeit. Wieder so

ein quasi-asozialer Ort und eine intensive Zeit. Sie weiß, dass da, wo sich immer wieder diesel­ben Rituale wiederholen, Eindrücke herstellen, nicht bloß Erinnerungen.

Es scheint, als könne Julia Schoch überall ihr Zentrum finden:Mehr als ein kleines Zimmer brauche ich eigentlich nicht, am besten ohne alle Dingwelt, nur das Wesentliche. Das schafft Klar­heit und Konzentration. DiesemPrinzip Ord­nung unterliegt auch ihr Schreiben. Sie arbeitet nach genauem Plan, kalkuliert ihre Geschichten. Introspektion ist ihr dabei fremd. Mit dem Schreiben verbinde sich zwar die Hoffnung auf eine homogene Identität, aber es sei keine Suche,

kein Experiment gar in dem Sinne, der Text kön­ne ungeahnte Wendungen nehmen oder plötzli­che Überraschungen zu Tage fördern. Kopfmo­delle nennt sie das und sie weiß, wie zutiefst missverständlich dieses Wort ist.Ich mag Bücher, deren letzte Seite nicht das Ende ist. Sie nennt neben französischen Autoren der 80 er Jahre den unbestimmten Zauber Marguerite Duras, den rauh-nüchternen Sartre, die Künst­lichkeit Handkes, vor allem in dessen früher Pro­sa, auch Heiner Müller als prägend. Geschrieben habe sie eigentlich immer, mal mehr, mal weni­ger, meist Fragmentarisches. Zettelträume eben. Zur geschlossenen Form fand sie erst später. In den Jahren 1998/99 geht plötzlich alles sehr schnell. Als Teilnehmerin der Ersten Branden­burgischen Literaturnacht wird sie von der Lokal­presse hochgelobt, veröffentlicht hier und da in Zeitschriften, bewirbt sich bei diversen Literatur­wettbewerben und wird eingeladen. Der Rest war Sache des Agenten, der ihr einen Vertragsange­bot beim Piper-Verlag unterbreitete. Das nun­mehr vorliegende Buch istdas Beste, was ich zur Zeit leisten konnte und ich glaube, das kann ich auch noch in zehn Jahren lesen. Natürlich kenne sie die Angst vor der Leere des weißen Blattes. Deshalb sei es ihr im Augenblick auch nicht unrecht,nebentäti­ge Autorin zu sein, zumal ihr die Arbeit am Institut Spaß mache und sie gerne mit Men­schen zu tun habe. Schreiben und glücklich sein, nicht schreiben, weil man unglücklich ist, Jautete irgendwann ihre Devise.Ich möchte nicht überprüfen müssen, ob ich ohne Schreiben leben kann. Die berühmte Frage, was sie bei einem Brand retten würde, die Katze oder einen Rembrandt, beantwortet sie zunächst klar:Für einen Menschen wür­de ich sterben, niemals für die Literatur. Aber dann zögert sie doch. tp

Wurde kürzlich mit dem Förder­preis für Literatur des Landes Brandenburg geehrt: Autorin Julia Schoch