Heft 
(1.1.2019) 03
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Foto: Fritze

Studiosi

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Flüchten, um wiederzukommen

Die Ehemalige Katja Dietrich trifft den Nerv von Jugendlichen

Das Chaos zu beherrschen, gehört zu Katja Dietrichs Geschäft.

Nicht stillstehen, sich ausprobieren, Neues kennen lernen, die Welt an­schauen, das gehört zum Leben von Katja Dietrich. Die 31-Jährige begann mit 16 Jahren ein Studium am damaligen Institut für Lehrerbildung ihrer Heimatstadt Potsdam. Längere Studien- und Lehraufenthalte führten sie nach Schottland, England und Thailand. Mit drei sehr guten Lehramtsab­schlüssen in der Tasche verließ sie 2000 die Uni Potsdam. Seit 1993 ist sie mit dem Waschhaus, einer bei Jugendlichen beliebten Kultureinrichtung Potsdams, verbunden. Heute arbeitet sie dort als Projektmanagerin für Literatur und Film, PR-Verantwortliche und DJ. Mit derEhemaligen

unterhielt sich Dr. Barbara Eckardt.

Auf den ersten Blick bedienen Sie das Klischee einer Langzeitstudentin. Sie sind ständig auf der Suche, haben in verschiedenen Bereichen gear­beitet. Sind Sie inzwischen angekommen? Dietrich: Die Auslandsaufenthalte und die drei Abschlüsse haben natürlich Zeit gebraucht. Jetzt bin ich vorübergehend angekommen. Ich glau­be aber nicht, dass die jetzige Tätigkeit der letzte Schritt in meinem Leben sein wird. Seit einem Jahr bin ich fest im Waschhaus angestellt. Pro­jektmanagerin für Literatur und Film ist eine tol­le Aufgabe, aber mit 40 oder 50 werde ich dort wohl nicht mehr arbeiten können. Irgendwann werde ich sicherlich das Referendariat absolvie­ren und in der gymnasialen Oberstufe unterrich­ten.

Sie sind während des Studiums relativ häufig und für längere Zeit im Ausland gewesen, aber

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immer wieder nach Potsdam zurückgekehrt. Sie sagen, mit Potsdam verbinde Sie eine Hassliebe. Warum?

Dietrich: Ich glaube, dass es vielen so geht wie mir. Auf der einen Seite finde ich das oftmals provinzielle und engstirnige Denken in Potsdam unerträglich. Deshalb flüchte ich von Zeit zu Zeit aus der Stadt. Andererseits übt Potsdam auf mich eine Anziehungskraft aus, die ich schwer beschreiben kann. Es sind in erster Linie land­schaftliche und städtebauliche Reize. An solche Kleinode wie den Heiligen See kommt nichts heran, auch Berlin nicht.

Ich habe aber auch sehr enge Bindungen an meine Familie, an Freunde und zum Wasch­haus, die mich immer wieder zurückholen. Ich glaube, ich bin auch in zehn Jahren noch hier und werde sagen, dass ich eigentlich weg will.

Wären SieKönigin von Potsdam, was würden Sie ändern, um diese von Ihnen kritisierte Spie­Bigkeit abzubauen?

Dietrich: Um bei meinem Bereich zu bleiben: Natürlich weiß ich, dass reizvolle Kultur nicht ohne Geld funktioniert. An der gegenwärtigen Stadtpolitik finde ich verfehlt, dass sie den Blick für das Kleine verloren hat. Für die Nachnutzung der Bundesgartenschau beispielsweise werden relativ umfangreiche finanzielle Mittel bereitge­stellt. Gleichzeitig stehen bei den freien Trägern weitere Kürzungen auf der Tagesordnung. Wir vom Waschhaus bemühen uns trotz fehlender Finanzen, mit Konsequenz Nischenveranstal­tungen für Kinder und Jugendliche anzubieten. Es ist viel Geduld nötig, um auf lange Sicht etwas aufbauen zu können. Ich wünschte mir, dass die Stadtverordneten nicht so häufig über Dinge ent­scheiden, die sie gar nicht kennen. Bevor sie zum Beispiel bei den freien Trägern streichen, sollten sie sich vor Ort ein Bild davon machen, wie die Kids diese Veranstaltungen wahrneh­men. Auf der einen Seite werden Werteverfall und Verantwortungslosigkeit bei Jugendlichen beklagt, und auf der anderen Seite bietet man ihnen keine Alternativen. Denjenigen, die es ver­suchen, werden oftmals die finanziellen Mittel genommen. Natürlich ist es schwer, die Prioritä­ten richtig zu setzen. Trotzdem finde ich die Poli­tik der Stadt im Augenblick sehr kurzsichtig. Man müsste von Seiten der Verantwortlichen mehr über den eigenen Tellerrand gucken.

Eine Veranstaltung, mit der Sie Angebote jen­seits des Mainstreams unterbreiten, istTelema­nia, Welche Intentionen verfolgen Sie damit? Dietrich: Fernsehen ist ein sehr spannendes Medium mit allerdings schlechtem Ruf.Big Brother und andere Sendungen tragen dazu bei. Wir wollen mit unseren Veranstaltungen zeigen, dass es auch anderes gibt. Wir bieten mit Telemania ein Forum für Filmproduktionen, die entweder zu sehr später Sendezeit gezeigt werden oder aus verschiedenen Gründen gar nicht zur Aufführung gelangen. Die Resonanz auf unsere Angebote belegt, dass es auch dafür durchaus Interesse gibt.

Vielen Dank für das Gespräch. Kontakt: Katja Dietrich, Tel.: 0331/27156-27

E-Mail: waschhaus@potsdam.de

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