Heft 
(1.1.2019) 05
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Nägel mit Köpfen

Es passt ja eigentlich nie, also passt es immer.

Dr. Annette Witt, dreiunddreißig, arbeitet als Mathematikerin in einer Max-Planck-Arbeitsgruppe am Institut für Physik im Bereich Nichtlineare Dynamik. Als die verheiratete Mutter von vier Mäd­chen im Jahre 1995 ihr erstes Kind zur Welt brachte, befand sie sich gerade mitten in der Promotion. Bis heute ist ihre wissenschaftliche Laufbahn begleitet von ähnlichen familiären Einschnitten: Vor zwei Jahren wurde ihre zweite Tochter, im August letzten Jahres Zwillinge geboren. Thomas Pösl sprach mit ihr über veränderte Arbeitsprämis­sen, Organisationsperfektionismus, Zeittunnel und ungünstig gelegte

Kolloquia.

Inwieweit sind denn mit vier Kindern Wissen­schaft und Forschung überhaupt noch möglich?

Witt: Wissenschaftskarrieren sind ja größten­teils noch immer Männerkarrieren. Längere Aus­landsaufenthalte, viele Reisen, der ganze interna­tionale Maßstab, der da erwartet wird. Dieses Pro­blem der Einteilung ist natürlich für mich schwie­riger. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass die Qualität meiner Arbeit gelitten hat, ich schaf­fe nur einfach weniger. Was mir wirklich fehlt, sind Phasen, die ich am Stück arbeiten kann. Zur Zeit schreibe ich höchstens mal ein paar Gutach­ten. Wenn ich im Mai wieder beginne zu arbei­ten, dann zunächst für sechs Stunden, drei Tage an der Universität, zwei zu Hause.

Wie wirkt sich die besondere familiäre Situation auf die Wissenschaftsarbeit aus?

Witt: Jedes Kind bedeutete eine neue Umstel­lung, allen voran die Zwillinge. Da geriet so ziem­lich alles durcheinander. Aber es verändert sich auch die mentale Verfassung. Der Erziehungsur­laub bringt ja Distanz. Klar ist, dass die Situation, in der ich stecke, den Druck erhöht. Aber sie bün­delt auch Kräfte, erzwingt klare Entscheidungen. Die Leerläufe fallen weg. Ich muss Nägel mit Köp­fen machen. Ich bin örtlich gebunden, festgelegt auf die wissenschaftlichen Einrichtung, an der ich arbeite. Ich muss die Qualität meiner Arbeit so forcieren, dass sie ein Maximum an Relevanz erreicht. Aus der Hangelei von Forschungsprojekt zu Forschungsprojekt muss allmählich ein siche­rer Stand werden. Früher habe ich extensiv gear­beitet, heute eben intensiv. Dazu gehört auch, dass ich lerne, mich mit jedem Tag perfekter zu orga­nisieren. Und die Auseinandersetzung mit diver­sen Ämtern, Kindergärtnerinnen, anderen Eltern, also der Bereich der sozialen Kompetenz, den empfinde ich für meine berufliche Entwicklung als sehr positiv.

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Auch ich fände es wunderbar, wenn

die Ferienzeiten

von Schule und Universität besser abgestimmt wür­den. Das käme allen anderen Stu­dierenden mit Kind zu Gute, zumal de Kita-Kindern, da die Kitas in den Schulferien ihre Schließzeiten haben.

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Können Sie die Bedenken junger Wissenschaftle­

rinnen verstehen, Kinder seien hinderlich bei der Planung der Karriere?

Witt: Auch ich hatte natürlich Ängste, berufli­che und gesundheitliche. Meine Devise aber lau­tet trotzdem: Es passt ja eigentlich nie, also passt es immer. Ich kann dieses Denken, erst die wis­senschaftliche Karriere, wenn möglich bis zur Pro­fessur oder zur Festanstellung, dann Familie und Kind, nur schwer nachvollziehen. Man kann bei­des miteinander verbinden, wenn das Umfeld einigermaßen stimmt. In Potsdam beispielsweise sind ja die Möglichkeiten der Kinderbetreuung noch halbwegs gegeben. Wo das nicht der Fall ist, wird es natürlich kompliziert. Da müssen sich dann die forschenden Mütter zusammentun und die Kinder versorgen, damit die Lehrveranstaltun­gen gehalten werden können. Aber als Wissen­schaftlerin kann ich noch am ehesten die Flexibi­lität herstellen, um Familie und Arbeit in den Griff zu bekommen.

Also keinerlei Probleme?

Witt: Bezogen auf die akademischen Abläufe fehlt generell der Blick für die MinderheitFrau­en mit Kind, Da gibt es zu wenig Gestaltungsal­ternativen, die Zeittunnel sind zu eng. Die Kollo­quia-Zeiten beispielsweise liegen am späten Nach­mittag, wenn die meisten Kindergärten schließen. Spätestens kurz nach 16.00 Uhr ist für mich also der Tag an der Universität zu Ende. Oder ein ande­res Beispiel: Als ich im Mai letzten Jahres das Emily Noether Stipendium der Deutschen For­schungsgesellschaft bekommen sollte, tat die sich einigermaßen schwer mit der Tatsache, dass ich mit den Zwillingen schwanger war. Das über vier Jahre bemessene Stipendium sieht nämlich in den ersten zwei Jahren einen Auslandsaufenthalt vor. Ich habe das Stipendium zwar trotzdem bekommen, aber ich spürte schon, wie wenig Platz eigentlich für solcheFälle wie mich da ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Portal 5/02

Schreibt zur Zeit nur Gutachten: Die Mathe­matikerin Annette Witt.

Foto: Fritze