Nägel mit Köpfen
„Es passt ja eigentlich nie, also passt es immer.“
Dr. Annette Witt, dreiunddreißig, arbeitet als Mathematikerin in einer Max-Planck-Arbeitsgruppe am Institut für Physik im Bereich „Nichtlineare Dynamik“. Als die verheiratete Mutter von vier Mädchen im Jahre 1995 ihr erstes Kind zur Welt brachte, befand sie sich gerade mitten in der Promotion. Bis heute ist ihre wissenschaftliche Laufbahn begleitet von ähnlichen familiären Einschnitten: Vor zwei Jahren wurde ihre zweite Tochter, im August letzten Jahres Zwillinge geboren. Thomas Pösl sprach mit ihr über veränderte Arbeitsprämissen, Organisationsperfektionismus, Zeittunnel und ungünstig gelegte
Kolloquia.
Inwieweit sind denn mit vier Kindern Wissenschaft und Forschung überhaupt noch möglich?
Witt: Wissenschaftskarrieren sind ja größtenteils noch immer Männerkarrieren. Längere Auslandsaufenthalte, viele Reisen, der ganze internationale Maßstab, der da erwartet wird. Dieses Problem der Einteilung ist natürlich für mich schwieriger. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass die Qualität meiner Arbeit gelitten hat, ich schaffe nur einfach weniger. Was mir wirklich fehlt, sind Phasen, die ich am Stück arbeiten kann. Zur Zeit schreibe ich höchstens mal ein paar Gutachten. Wenn ich im Mai wieder beginne zu arbeiten, dann zunächst für sechs Stunden, drei Tage an der Universität, zwei zu Hause.
Wie wirkt sich die besondere familiäre Situation auf die Wissenschaftsarbeit aus?
Witt: Jedes Kind bedeutete eine neue Umstellung, allen voran die Zwillinge. Da geriet so ziemlich alles durcheinander. Aber es verändert sich auch die mentale Verfassung. Der Erziehungsurlaub bringt ja Distanz. Klar ist, dass die Situation, in der ich stecke, den Druck erhöht. Aber sie bündelt auch Kräfte, erzwingt klare Entscheidungen. Die Leerläufe fallen weg. Ich muss Nägel mit Köpfen machen. Ich bin örtlich gebunden, festgelegt auf die wissenschaftlichen Einrichtung, an der ich arbeite. Ich muss die Qualität meiner Arbeit so forcieren, dass sie ein Maximum an Relevanz erreicht. Aus der Hangelei von Forschungsprojekt zu Forschungsprojekt muss allmählich ein sicherer Stand werden. Früher habe ich extensiv gearbeitet, heute eben intensiv. Dazu gehört auch, dass ich lerne, mich mit jedem Tag perfekter zu organisieren. Und die Auseinandersetzung mit diversen Ämtern, Kindergärtnerinnen, anderen Eltern, also der Bereich der sozialen Kompetenz, den empfinde ich für meine berufliche Entwicklung als sehr positiv.
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„Auch ich fände es wunderbar, wenn
die Ferienzeiten
von Schule und Universität besser abgestimmt würden. Das käme allen anderen Studierenden mit Kind zu Gute, zumal de Kita-Kindern, da die Kitas in den Schulferien ihre Schließzeiten haben.“
en mit
Titel
www.uni-potsdam.de /portal /maio2z/titel
Können Sie die Bedenken junger Wissenschaftle
rinnen verstehen, Kinder seien hinderlich bei der Planung der Karriere?
Witt: Auch ich hatte natürlich Ängste, berufliche und gesundheitliche. Meine Devise aber lautet trotzdem: Es passt ja eigentlich nie, also passt es immer. Ich kann dieses Denken, erst die wissenschaftliche Karriere, wenn möglich bis zur Professur oder zur Festanstellung, dann Familie und Kind, nur schwer nachvollziehen. Man kann beides miteinander verbinden, wenn das Umfeld einigermaßen stimmt. In Potsdam beispielsweise sind ja die Möglichkeiten der Kinderbetreuung noch halbwegs gegeben. Wo das nicht der Fall ist, wird es natürlich kompliziert. Da müssen sich dann die forschenden Mütter zusammentun und die Kinder versorgen, damit die Lehrveranstaltungen gehalten werden können. Aber als Wissenschaftlerin kann ich noch am ehesten die Flexibilität herstellen, um Familie und Arbeit in den Griff zu bekommen.
Also keinerlei Probleme?
Witt: Bezogen auf die akademischen Abläufe fehlt generell der Blick für die Minderheit„Frauen mit Kind“, Da gibt es zu wenig Gestaltungsalternativen, die Zeittunnel sind zu eng. Die Kolloquia-Zeiten beispielsweise liegen am späten Nachmittag, wenn die meisten Kindergärten schließen. Spätestens kurz nach 16.00 Uhr ist für mich also der Tag an der Universität zu Ende. Oder ein anderes Beispiel: Als ich im Mai letzten Jahres das „Emily Noether Stipendium“ der Deutschen Forschungsgesellschaft bekommen sollte, tat die sich einigermaßen schwer mit der Tatsache, dass ich mit den Zwillingen schwanger war. Das über vier Jahre bemessene Stipendium sieht nämlich in den ersten zwei Jahren einen Auslandsaufenthalt vor. Ich habe das Stipendium zwar trotzdem bekommen, aber ich spürte schon, wie wenig Platz eigentlich für solche„Fälle“ wie mich da ist.
Vielen Dank für das Gespräch.
Portal 5/02
Schreibt zur Zeit nur Gutachten: Die Mathematikerin Annette Witt.
Foto: Fritze