Leserbriefe:
Uni Aktuell
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Lehrerbildung in der Diskussion
In der März /April-Ausgabe von Portal ging die Redaktion in ihrer Titelgeschichte auf die Situation der Lehrerbildung an der Universität Potsdam ein. Zu den Beiträgen gehörte auch der Artikel„Gute Lehrer wachsen nicht auf den Bäumen“ von Prof. Dr. Martin Wilkens aus dem Institut für Physik. Dazu erhielt die Redaktion den nachfolgenden Leserbrief, den uns Prof. Dr. Marianne Horstkemper schrieb. Martin Wilkens hat darauf geantwortet. Hier beide Zuschriften:
Das müssen wir anders probieren
„Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt“...nein, das waren nicht etwa gute Lehrer— die wachsen da ja nicht, wie wir seit den lichtvollen Ausführungen des Kollegen Wilkens in der Ausgabe Portal 3-4/2002(S. 18/19) wissen. Erich Kästner besingt in seiner oben zitierten Hymne auf den Fortschritt unsere Vorfahren: behaart und mit böser Visage. Sie mussten erst aus dem Urwald gelockt und aufgeklärt werden- und schon konnten wunderbare Entwicklungen in Gang gebracht werden. So wie vielleicht auch schon bald an unserer Uni, wenn wir auf besagten Kollegen, Quantenphysiker und Lehrerbildner, nur hören wollen. Einen wahrlich revolutionären Vorschlag hat er zur Verbesserung der Lehramtsausbildung parat, und so verblüffend einfach, um nicht zu sagen schlicht: „Weniger Seminare, mehr und früher vor die Klasse!“ Praktische Kompetenz sei wichtig. Wer wollte letzterem Argument widersprechen? Fragt sich natürlich: Welche Seminare gelten da als überflüssig?
Sie werden es schon ahnen: Natürlich nicht die, in denen es um Physik geht, ganz im Gegenteil, davon braucht man mehr. Warum? Liegt doch auf der Hand. Weil das Wissenschaft ist. Das bisschen Pädagogik kann man sich nun
wirklich in der Praxis abgucken—„learning by doing“, schlägt Herr Wilkens vor. Allerweltsqualifikationen erwirbt man halt so. Sie wissen doch: das bisschen Haushalt... Wie meinen Sie, so einfach sei das nun aber nicht, es ginge schließlich um Kinder und Jugendliche? Genau,-das hat der Kollege ja auch erkannt, deshalb findet er„beispielsweise Entwicklungspsychologie“ auch nicht ganz falsch. Soviel Theorie darf denn doch sein. Aber dann wird er strikt:„Wissenschaftlichkeit ist für die Fachausbildung unbedingt von Nöten, nicht jedoch beim pädagogischen Anteil.“ Da reibt man sich verwundert die Augen. Wie kommt ein kluger Mensch auf so was? Und wieso meint er solche„Verbesserungsvorschläge“ auf Ergebnisse der PISA-Studie stützen zu können? Nun ist es ja inzwischen Mode geworden, diese Untersuchung als Beleg für alles und jedes heranzuziehen, ob sie das nun hergibt oder nicht. Aber auf was für ein Wissenschaftsverständnis lässt solch schlampiger Umgang mit empirischen Daten schließen?
Für die Psychohygiene zartbesaiteter Pädagoginnen und Pädagogen läge jetzt eine Retourkutsche nahe: Nachweise unserer langen wissenschaftlichen Tradition können wir nun wirklich reichlich präsentieren: Aristoteles, Comenius
Die Lehrerbildung an der Uni Potsdam soll reformiert werden.
In diesem Zusammenhang gibt es zahlreiche Diskussionen um den besten Weg.
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Fotos: Fritze
und wie sie alle heißen: Von der Erziehungsphilosophie über Didaktik und Methodik bis hin zur Theorie der Schule und zur Bildungsforschung gibt es- eng verbunden mit der unbestreitbar wichtigen Aneignung praktischer Kompetenz— eine Menge an unverzichtbarem Wissen, das in der Ausbildung vermittelt werden muss. Erziehungswissenschaftliches Denken und pädagogisches Handeln lassen sich eben nicht durch eine „alltagspädagogische ersetzen. Mit etwas Mut zur platten Argumentation könnte man vielleicht sogar behaupten, PISA hätte gezeigt, dass dieses pädagogischpsychologisch-soziologische Wissen für Lehrer eigentlich sogar noch viel bedeutsamer sei als solides Fachwissen. Aber das wäre genauso billig wie falsch. Warum hören wir nicht endlich auf mit der absurden Konkurrenz um die Frage, wer oder was hier eigentlich wirklich wichtig ist?
Erich Kästner hat darauf eine Antwort, allerdings keine optimistische, was die Gattung Mensch betrifft, zu der ja sowohl Physiker als auch sonstige Wissenschaftler zählen:
Bedienungsanleitung“
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und
bei Licht betrachtet— sind sie im Grund noch immer die alten Affen.
Also doch zurück auf die Bäume, obwohl die guten Lehrer da bekanntermaßen gar nicht wachsen? Nein Herr Wilkens, das müssen wir anders probieren. Wir wollen weder zurück in die Steinzeit noch in den Urwald. Tarzan ist out — warum sollten wir nur so zur Übung, wie Sie anregen,„mal eine Fachwissenschaft verhauen“? Wir haben ja gar nichts gegen die Quantenoptik. Im Gegenteil. Uns schwebt als Vision vor, dass Fachwissenschaft, Fachdidaktik und die das erziehungswissenschaftliche Studium tragenden Disziplinen in gemeinsamer Anstrengung wirklich innovative Ansätze der Lehrerbildung entwickeln und erproben könnten. Pädagoginnen und Pädagogen glauben eben qua Profession an das Gute im Menschen—- auch wenn's manchmal schwer fällt.
Prof. Dr. Marianne Horstkemper Institut für Pädagogik
Portal 6/02