Wörter, Regeln und Ströme
Das 6. Leibniz-Kolleg befasste sich mit Natur und Struktur der Sprache
Die Gehirnaktivitäten bei der Sprachverarbeitung können mittels
enzophalographischer Methoden gemessen werden.
So überfüllt wie bei Steven Pinkers Leibniz-Vortrag„Wörter und Regeln: die Bestandteile der Sprache“ am 16. Mai war das Auditorium maximum wohl lange nicht mehr. Für viele Besucher — Linguisten, Psychologen, Physiker, Informatiker und zahlreiche Studierende kognitionswissenschaftlich geprägter Fächer— gab es nur noch Stehplätze an Fenstern und Wänden. Manche lagerten auf Anoraks im Mittelgang. Alle folgten fasziniert den Ausführungen des führenden Sprachentwicklungsforschers vom bekannten Massachusetts Institute of Technology, Cambridge (USA). Auch die tags zuvor anberaumten„hauseigenen“ Einführungsvorträge sowie psychologisch-experimentellen Vorführungen fanden großen Anklang, erfreulicherweise auch bei zahl
reich erschienenen Gymnasialschülern.
das Leibniz-Kolleg mit seinem Veranstal
tungsangebot Maßstäbe. Das Konzept, den Ruf der hiesigen viertgrößten Forschungslandschaft Deutschlands zu nutzen, um weltweit führende Wissenschaftler für öffentliche Vorträge nach Potsdam zu holen und im interdisziplinären Dialog mit ihnen die eigenen Kräfte zu stärken, geht offenbar auf. Mit dem nunmehr bereits sechsten Veranstaltungskomplex wagte sich das
S eit seiner Gründung vor vier Jahren setzt
28
eigentlich naturwissenschaftlich geprägte Leibniz-Kolleg sogar in ein Grenzgebiet zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vor. Die Organisatoren, unter anderem das Max-Planck-Institut für Neurophysiologische Forschung Leipzig und die Potsdamer Uni-Forschergruppen„Konfligierende Regeln“ sowie„Frühkindliche Sprachentwicklung und spezifische Sprachentwicklungsstörungen“ wählten die„Natur der Sprache“ zum Thema.
Fotos: Fritze
Forschung www.uni-potsdam.de/portal juno2/forschung
Vom Wunder Sprache
Hauptredner Steven Pinker charakterisierte die Sprache als ein„Wunder“, einerseits wegen ihrer schier unermesslichen Ausdruckskraft durch eine große Zahl eingeprägter inhaltsbestimmter Wörter sowie deren sekundenschneller Wiedererkennbarkeit und Verarbeitbarkeit, andererseits durch die unbegrenzte Zahl von Wortkombinationsmöglichkeiten mittels grammatischer Regeln, was eine sprachliche Beschreibung von Ideen ermögliche. An Beispielen beschrieb er die menschliche Sprache als ein aus gespeicherten Wörtern und grammatischen Regeln bestehendes duales kognitives System. Besonders intensiv befasste er sich mit regelmäßigen und unregelmäßigen Verbformen als Beispiel für das Zusammenwirken beider Systembereiche. Er vertrat den Standpunkt, dass unregelmäßige Verben über viele Jahrhunderte in dem für die Wortspeicherung zur Verfügung stehenden Gehirnbereich verankert wurden und beim Sprachgebrauch dort direkt auch abgerufen werden. Die seltener benötigten regelmäßigen Verben hingegen werden möglicherweise in anderen Gehirnarealen aktuell grammatisch„bearbeitet“. In Pinkers Darlegungen zur Funktionsweise der Sprache widerspiegelte sich letztendlich immer wieder die Überzeugung des Chomsky-Schülers, dass die Fähigkeit des Spracherwerbs angeboren,
Prof. Steven Pinker faszinierte das Publikum.
Portal 6/02