Heft 
(1.1.2019) 06
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Wörter, Regeln und Ströme

Das 6. Leibniz-Kolleg befasste sich mit Natur und Struktur der Sprache

Die Gehirnaktivitäten bei der Sprachverarbeitung können mittels

enzophalographischer Methoden gemessen werden.

So überfüllt wie bei Steven Pinkers Leibniz-VortragWörter und Regeln: die Bestandteile der Sprache am 16. Mai war das Auditorium maximum wohl lange nicht mehr. Für viele Besucher Linguisten, Psychologen, Physiker, Informatiker und zahlreiche Studierende kognitionswissen­schaftlich geprägter Fächer gab es nur noch Stehplätze an Fenstern und Wänden. Manche lagerten auf Anoraks im Mittelgang. Alle folgten fasziniert den Ausführungen des führenden Sprachentwicklungsforschers vom bekannten Massachusetts Institute of Technology, Cambridge (USA). Auch die tags zuvor anberaumtenhauseigenen Einführungsvorträge sowie psycholo­gisch-experimentellen Vorführungen fanden großen Anklang, erfreulicherweise auch bei zahl­

reich erschienenen Gymnasialschülern.

das Leibniz-Kolleg mit seinem Veranstal­

tungsangebot Maßstäbe. Das Konzept, den Ruf der hiesigen viertgrößten Forschungsland­schaft Deutschlands zu nutzen, um weltweit füh­rende Wissenschaftler für öffentliche Vorträge nach Potsdam zu holen und im interdisziplinä­ren Dialog mit ihnen die eigenen Kräfte zu stär­ken, geht offenbar auf. Mit dem nunmehr bereits sechsten Veranstaltungskomplex wagte sich das

S eit seiner Gründung vor vier Jahren setzt

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eigentlich naturwissenschaftlich geprägte Leib­niz-Kolleg sogar in ein Grenzgebiet zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vor. Die Orga­nisatoren, unter anderem das Max-Planck-Insti­tut für Neurophysiologische Forschung Leipzig und die Potsdamer Uni-ForschergruppenKon­fligierende Regeln sowieFrühkindliche Sprachentwicklung und spezifische Sprachent­wicklungsstörungen wählten dieNatur der Sprache zum Thema.

Fotos: Fritze

Forschung www.uni-potsdam.de/portal juno2/forschung

Vom Wunder Sprache

Hauptredner Steven Pinker charakterisierte die Sprache als einWunder, einerseits wegen ihrer schier unermesslichen Ausdruckskraft durch eine große Zahl eingeprägter inhaltsbestimmter Wörter sowie deren sekundenschneller Wieder­erkennbarkeit und Verarbeitbarkeit, andererseits durch die unbegrenzte Zahl von Wortkombina­tionsmöglichkeiten mittels grammatischer Regeln, was eine sprachliche Beschreibung von Ideen ermögliche. An Beispielen beschrieb er die menschliche Sprache als ein aus gespeicherten Wörtern und grammatischen Regeln bestehen­des duales kognitives System. Besonders inten­siv befasste er sich mit regelmäßigen und unre­gelmäßigen Verbformen als Beispiel für das Zusammenwirken beider Systembereiche. Er vertrat den Standpunkt, dass unregelmäßige Ver­ben über viele Jahrhunderte in dem für die Wort­speicherung zur Verfügung stehenden Gehirn­bereich verankert wurden und beim Sprachge­brauch dort direkt auch abgerufen werden. Die seltener benötigten regelmäßigen Verben hinge­gen werden möglicherweise in anderen Gehirn­arealen aktuell grammatischbearbeitet. In Pinkers Darlegungen zur Funktionsweise der Sprache widerspiegelte sich letztendlich immer wieder die Überzeugung des Chomsky-Schülers, dass die Fähigkeit des Spracherwerbs angeboren,

Prof. Steven Pinker faszinierte das Publikum.

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