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Foto: zg.
Sankt Petersburg in Russland wurde nicht unwesentlich von Deutschen geprägt.
Schreiben als Grenzerfahrung
Forschungsprojekt zum deutschen literarischen Leben in Sankt Petersburg
Der Name der zweiten russischen Hauptstadt, Sankt Petersburg, klingt nicht nur deutsch, er wurde und wird von vielen Russen auch als Symbol für eine besonders deutsche Prägung der Stadt verstanden. Tatsächlich haben Deutsche in der Geschichte der Stadt, die 2003 ihr 300Jjähriges Gründungsjubiläum feiert, eine bedeutende"Rolle gespielt.
eit dem ı. Februar 2002 wird an der Pro
fessur für Ostslavische Literaturen und
Kulturen im Institut für Slavistik der Universität Potsdam von Dr. Ljuba Kirjuchina das Projekt„Schreiben als Grenzerfahrung: Das deutsche literarische Leben in Sankt Petersburg (1703-1917)“ bearbeitet. Dieses Projekt ist der erstmalige Versuch, ein in Vergessenheit geratenes Kapitel der Literatur- und Kulturgeschichte zu rekonstruieren und systematisch darzustellen. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, zunächst die entsprechenden literarischen Werke bibliographisch zu erfassen und für die wei
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tere Forschung zu erschließen. In exemplarischen Untersuchungen soll vor allem nach den Rahmenbedingungen dieser Literatur gefragt werden, konkret nach dem doppelten Kontext, in dem sie entstand, also den literarischen Strömungen der deutschen Länder als auch Russlands.
Da im Untersuchungszeitraum Literatur einen hohen Stellenwert in der Kultur hatte, zeigt der Blick auf das literarische Leben relevante Aspekte der Alltagskultur derjenigen Deutschen, die sich für kürzere oder längere Zeit in Sankt Petersburg niedergelassen hatten. Liest man die literarischen Werke, häufig Erinnerungen, Tagebücher und Briefe, aber auch Texte der traditionellen literarischen Gattungen, auf die darin gestalteten Erfahrungen von Fremdheit und Integration, Dazugehörigkeit und kultureller Andersartigkeit, so tut sich die Innenansicht einer Minderheit auf. Ihr Leben war sehr eng mit dem politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben der damaligen Hauptstadt
Russlands verbunden. Im Zeitraum des forschenden Interesses steht jedoch die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden, der Wechselwirkung von Identität und Alterität unter den besonderen Bedingungen des Lebens in einer fremden Umgebung: die in einen konkreten soziokulturellen und historischen Kontext eingeschriebene Selbstreflexion der zwischen zwei Kulturen lebenden und schreibenden deutschen Autoren.
Das Projekt wird vom Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien im Rahmen der Erforschung und Präsentation deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa gefördert. Dass das grenzüberschreitende Projekt gerade in Potsdam angesiedelt wurde, liegt nicht zuletzt am Profilbereich „Kulturen im Vergleich“, bei dem die russische Germanistin neben den Slavisten Ansprechpartner in der Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft hat.
Prof. Dr. Norbert Franz /Institut für Slavistik
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