Heft 
(1.1.2019) 07
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Forschung

Erbe oder Neuentwicklung?

Netzwerke in ehemals sozialistischen Ländern untersucht

Fragen zu Netzwerkentwicklungen in ehemals sozialistischen Ländern beschäftigen auch die Geographen der Universität Potsdam. Als kürz­lich aus Anlass des 60. Geburtstags von Wilfried Heller, Professor für Sozial- und Kulturgeographie am Institut für Geographie, ein Festsymposium stattfand, waren sie ein wichtiges Thema neben anderen. PD Dr. Wolfgang Aschauer brachte es dem Publikum näher.

ine der großen innenpolitischen Debatten in Ungarn dreht sich demnach beispiels­weise um die Frage, ob diejenigen Perso­nengruppen, die zu den Gewinnern des Trans­formationsprozesses gehören, dies durchehrli­che Arbeit geworden sind oder aber von der Ein­bettung inalte oderneue informelle Netz­werke profitieren. Für die sozialistische Gesell­schaft und ihre informellen Netzwerke-nicht nur in Ungarn- könne man zwei Grundformen unterscheiden: Privatnutzen und Organisations­nutzen optimierende Netzwerke. Der erste Typ umfasst unterschiedliche Ausprägungen von Beziehungsnetzen. Wesentliche Prinzipien sind hier Gegenseitigkeit, Dauerhaftigkeit, Übertrag­barkeit und moralische Legitimierung. Ein zwei­ter Typus informeller Netzwerke hat nicht in erster Linie den privaten Nutzen der Beteiligten zum Ziel, sondern ist als integraler Bestandteil der Planwirtschaft selbst zu interpretieren. Die sozialistischen Gesellschaften erfahren mit der Einführung von Marktwirtschaft und

parlamentarischer Demokratie nun auch einen Funktionswandel der skizzierten Netzwerke, betonte Aschauer. Auf der Ebene der Haushalte haben Netzwerke stark an Bedeutung verloren, was vor allem an der verbesserten Marktzugäng­lichkeit und der größeren Verfügbarkeit von Gütern liegt. Auf der Ebene von Unternehmen und staatlicher Lenkung hingegen lassen zumin­dest zwei Gruppen von Indizien auf die Existenz umfangreicher informeller Netzwerke schlie­ßen. Zum einen handelt es sich um Korruption. Zum anderen geht es um die Kontinuität von Eli­tenpositionen seit dem Ende des Sozialismus. Tatsächlich zeigt sich zum Beispiel in Ungarn, dass nach der Wende zwar die alten politischen Exponenten verdrängt und durch Vertreter eines Teils der ehemaligen Systemopposition ersetzt wurden. Gleichzeitig jedoch gelang es zahlrei­chen Parteimitgliedern aus der zweiten Reihe, die Privatisierung zu einem Übertritt in die Wirt­schaft zu nutzen und sich durch die Kontakte zu anderen Vertretern der alten Nomenklatura einen ökonomisch höchst wertvollen Startvorteil zu verschaffen. In jüngerer Zeit werden diese alten Netzwerkmitglieder jedoch zunehmend von neuen Eliten abgelöst, die zumeist aus geschlossenen Kommunikationskreisen inner­halb der Budapester Gesellschaft stammen oder zur Gruppe der vorsozialistischen Eliten gehö­ren.

Für die Erklärung der Existenz von informel­len Eliten in den Transformationsländern gibt es

unterschiedliche Ansätze. Die erste Variante sieht Netzwerke als ein Erbe des Sozialismus, dessen Existenz ein institutionelles Vakuum ver­hindert hat und so von großer Bedeutung für den Transformationsprozess war. Ein zweiter Ansatz leugnet nach Ansicht Aschauers zwar nicht ununterbrochene Fortführungen des Sozia­lismus, erklärt die Existenz von Netzwerken aber aus den Notwendigkeiten der Transformation selbst. Denn in der Transformation fehle es an einem formalen Institutionenrahmen, der das für rationales Handeln notwendige Systemver­trauen erzeuge. Einen Ersatz würden die infor­mellen Netzwerke bieten. Perspektivisch würden sie jedoch mit der zunehmenden Herausbildung und Konsolidierung formeller und universalisti­scher Institutionen an Bedeutung verlieren.

In den Regionalwissenschaften betont man, so Aschauer in seinem Beitrag, die Notwendig­keit der Herausbildung von Netzwerken als Antwort auf die Herausforderungen der globali­sierten Welt. Konzepte, die auf die Bedeutung von Netzwerken für eine eigenständige Regio­nalentwicklung verweisen, formulieren die Auf­gabe, informelle Netzwerke als Instrument zur Förderung einer gesamten Region zu entwi­ckeln.