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(1.1.2019) 07
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Heute vorgestellt: Aaron Eckstaedt

Ich hobe nischt kein ru., heißt es in einem jiddi­schen Lied von Itzak Manger. Dr. Aaron Eckstaedt lässt die jiddische Musik keine Ruhe. Er spielt sie auf dem Akkordeon und der Klarinette, singt den Klesmer auf Konzerten und zeigt auf Workshops, wie man ihn tanzt. Er hat Radiosen­dungen darüber gemacht und ihn auf CD gepresst. Er lernte Jiddisch in Oxford und Brüssel sowie Hebräisch in Jerusalem; er gibt selbst Sprachkurse und forscht nach den kulturellen Wurzeln jiddischer Musik, sammelt und archi­viert sie. Und er schreibt darüber. Seine Disserta­tion, im vergangenen Jahr zu Ende gebracht, befasste sich mitJiddische(r) Musik in Deutsch­land seit 1945.

usik öffnet das Gedächtnis. Nachdem M Deutsche die ostjüdische, jiddische

Kultur nahezu völlig vernichtet hatten, interessierte Aaron Eckstaedt vor allem das Selbstverständnis derer, die heute jiddische Musik machen. Selbst auch von der musikali­schen Tradition desZupfgeigenhansel stark geprägt, waren seine Fahrten quer durch Deutschland eine Geschichtsreise durch die Folkszene in Ost und West, waren Erfahrungs­und Motivsuche, ein Sich-selbst-in-Beziehung­Setzen. Was er sah und hörte, waren Formen nicht ritualisierter Erinnerungsarbeit. Musikali­sche Tätigkeit jenseits reglementierter Musikpra­xis, Folkloresehnsucht, gesellschafts-politisches Engagement und nicht zuletzt die Begeisterung für die jiddische Musik selbst sind wesentliche Faktoren, diese Musik zu machen. Auch für Eck­staedt, der seit dem Wintersemester am Institut für Religionswissenschaften eine einzigartige Sammlung jiddischer Feldaufnahmen aus russi­schen Archiven wissenschaftlich aufarbeitet sowie David Kohans Tonbandarchiv jiddischer Musik katalogisiert und digitalisiert(siehe Aus­gabe Portal 3/4), ist das so. Sein Großvater fuhr einst mit dem Schiff von Tangermünde aus gen Westen und ließ sich im damals boomenden Ruhrgebiet nieder. Eckstaedt, 1968 geboren, wuchs am Niederrhein auf. Seit er in Potsdam arbeitet und in Berlin lebt, schließt sich für ihn ein familiengeschichtlicher Kreis. Seinem Elternhaus verdankt er die ersten musikalischen Impulse. Mit elf Jahren beginnt er Akkordeon zu spielen. Dass jiddische Musik für ihn eine Musik ist, zu der man nicht marschieren kann, geht

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ust an Kunst

vielleicht auf seine entschieden antimilitärische Erziehung zurück. Durch die jüdische Urgroß­mutter gibt es biographische Berührungspunkte zu jüdischer Religion und Kultur. Im Jahre 1991 spielte er sein erstes Programm mit jiddischen Liedern. Seitdem war er immer wieder als Musi­ker, Schauspieler und Komponist engagiert, machte Straßenmusik, spielte in Jazz-Bands und sang mit einer Freundin jiddische Arbeiterlieder. DasEinheitsfrontlied gibt es auch auf Jid­disch, sagt Eckstaedt schmunzelnd.Man staunt auch darüber, wie viele Lieder der Wan­dervogelbewegung jiddischen Ursprungs waren. Er weiß, welcher Anstrengungen es bedarf, sich als freiberuflicher Musiker durchzu­schlagen. Er spielt auch Klassische Musik, Musette sowie Volksmusik jedweder Couleur auf dem Akkordeon. Und natürlich Tango.Das Akkordeon wurde nie als Instrument des bürger­lichen Konzertbetriebs akzeptiert. Aber es hat in einer Vielzahl von Volksmusiken eine Heimat gefunden. Man staunt zum Beispiel, wie viele Tangos von nach Argentinien emigrierten osteu­ropäischen Juden geschrieben wurden. In Dort­mund erlangte Ecksteadt zwischen 1991 und 1995 die Künstlerische Reife für das Instrument und legte dort gleichzeitig das 1. Staatsexamen für das Höhere Lehramt an Gymnasien in Musik und Deutsch ab. Seine Staatsexamensarbeit war musikpädagogischen Aspekten gewidmet. Wurde ihm Dortmund auch irgendwann zu provinziell, so geht auf diese Zeit nicht nur sein Interesse für die jüdische Reformpädagogik und die jüdische Kul­tur der Berliner Szene vor dem Krieg, sondern auch sein obiges Dissertations­projekt zu einem spezifischen Teil der neu­eren deutschen Musikgeschichte zurück. So wie sein Doktorvater, der berühmte Bach-Biograph Martin Geck, dabei ein wichtiger Mentor in wissen­schaftlicher Hinsicht war, so hat in seinem Bühnenleben der Musiker­Kabarettist Hans-Dieter Hüsch für ihn eine enorme Bedeutung.Wie Hüsch erzähle ich auf der Bühne Geschich­ten, nur eben auf Jiddisch. Eck­staedt nennt in diesem Zu­sammenhang die Grasssche Erfindung des Blech­trommlers Oskar Mat­

Vermischtes

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zerath, der den Leuten in einem grotesken Zerr­spiegel zeige, wie sie wirklich sind. Eckstaedts musikalische Ausbildung muss nicht die schlechteste gewesen sein. Er gewann nicht nur zahlreiche Preise des Jugend musiziert. Der israelische Klarinettist

Bundeswettbewerbs

Giora Feidmann, internationaler Guru für jiddi­sche Musik, konnte kaum glauben, dass Eck­staedt in Deutschland geboren wurde, weil er den Klesmer so spielte, als wäre er im Warschau der 20-er Jahre aufgewachsen. Auf zwei Platten des Meisters ist er mit seinem Akkordeon zu hören. Eckstaedt hat durch seinen häufigen Umgang mit internationalen Musikern erfahren, dass das Verständnis deutscher Musikschulen nicht darin besteht, eine bestimmte Musik spie­len zu lernen, sondern ein bestimmtes Instru­ment. Die Verlängerung dieser Erfahrung ist die Erkenntnis, ein Stück weit selbst mit jüdischer Kultur und Religion zu leben, um der Essenz jid­discher Musik möglichst nahe zu kommen.Da im jüdischen Sinne jedes Gebet immer auch Gesang ist, ist jiddische Musik ohne Kenntnis der jüdischen Tradition nicht verständlich. Und jiddische Musik ist umgekehrt immer auch Gebet. Sie vermag Dinge zu sagen, die der Spra­che nicht möglich sind. tp

Koffer der Erinnerungen. Aaron Eckstaedt singt und erzählt Geschichten auf Jiddisch.

hs

Irtal 7-9/02