Der Sturm auf die Listen
Nachgefragt: Universität Potsdam auf dem Weg zur Massenuni?
Angekommen in der Realität deutscher Hochschulen: überfüllte Hörsäle auch in Potsdam.
Früh, sehr früh mussten viele Studierende aufstehen. Nur so hatten sie überhaupt eine Chance, sich in eine der begehrten Kurslisten für Seminare einzuschreiben. Einige schlugen ihre Zelte bereits am Abend vor dem Einschreibetermin auf, um zu den Ersten in der Schlange zu gehören. Kein Wunder. Inzwischen studieren in Potsdam 16.000 junge Leute. Müssen wir uns also auch an der Uni Potsdam daran gewöhnen, eine Massenuni mit allen damit verbundenen Begleiterscheinungen zu sein? Sind überfüllte Hörsäle und lange Wartezeiten zum Belegen der Kurse hausgemachte Probleme? Kann diese Situation verändert werden? Dr. Barbara Eckardt fragte bei der Prorektorin für Lehre und Studium, Prof. Dr. Gerda Haßler, nach.
n der Anglistik gibt es in diesem Semester I mehr als 600 neu Immatrikulierte. Es wer
den derzeit drei Einführungskurse angeboten. Auch ohne höhere Mathematik anzuwenden, wird deutlich, unter welch komplizierten Bedingungen hier studiert werden muss. Für Gerda Haßler ist klar, dass es unter diesen Umständen unvermeidlich ist, auch an der Uni Potsdam weitere NC-Studiengänge einzuführen. Allerdings hat sie Vorbehalte.„Wir können die Studierenden nicht auswählen, wir bekommen sie formal zugeordnet und wissen nicht, wer von ihnen das Studium in Potsdam überhaupt abschließen möchte“, wendet sie ein. Es sei gar nicht so selten, dass sich gerade in der Anglistik Studierende einschreiben, die„nur“ Englisch lernen wollen, ein Jahr hier studieren und dann die Uni wieder verlassen. Dennoch sei die Einfüh
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rung des NC nicht zu umgehen. Als Problem erweist sich, dass im Gegensatz zu Berliner Universitäten an der Uni Potsdam keine Eingangstests durchgeführt werden können. Nach Auffassung der Prorektorin sollte es auch in Potsdam solche Eignungstests geben. Das Brandenburgische Hochschulgesetz lässt diese jedoch nicht zu. Das hat zur Folge, dass Studierende aus Berlin, die den Test nicht bestanden haben, an die Uni Potsdam kommen.
Auch in anderen Fächern stellt sich die Situation ähnlich wie in der Anglistik dar.„Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten darauf reagiert“, sagt die Prorektorin. So wurden beispielsweise im Sprachenzentrum kurzfristig zusätzliche Kurse eingerichtet. Allerdings lege der Besuch der Kurse mit nur fünf bis sieben Studierenden den Schluss nahe, dass die jungen Leute nicht sehr flexibel auf derartige Angebote reagieren, kritisiert Gerda Haßler das Verhalten der Studierenden.
Auch in der Grundschulpädagogik sei die Situation im Wintersemester kompliziert.„Auch wenn wir viele weitere Lehrveranstaltungen anbieten würden, ist der Ansturm nicht zu bewältigen“, ist sich Haßler sicher. Denn begleitend zu den Lehrveranstaltungen müssen die zukünftigen Lehrer Praktika in den Schulen absolvieren. Die Zahl der Schulen in Potsdam und Umgebung reicht aber nicht aus, um alle Studierenden versorgen zu können.
Immer wieder wird beklagt, dass Lehrende ihre Veranstaltungen lediglich von montags bis mittwochs, möglichst noch vormittags, anbieten.
Foto: Tribukeit
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„Einige Lehrkräfte sind schwer zu bewegen, ihre Vorlesungen und Seminare über die gesamte Woche verteilt, durchzuführen“, räumt Gerda Haßler ein. Hier gäbe es eindeutige Reserven, wie die Situation für die Studierenden entkrampft werden könnte.
Was die Raumprobleme der Uni betreffe, so könnten diese Rahmenbedingungen derzeit nicht geändert werden. Inzwischen sei es fast zum Regelfall auch in Potsdam geworden, dass sich in Vorlesungsräumen mit 200 Plätzen 260 Studierende und mehr zwängen.„Andere Unis leben schon länger damit, wir müssen es auch“, sagt Gerda Haßler.
Leserbrief Unhaltbare Zustände
Der Tag der Einschreibung in der Anglistik und Amerikanistik am 8. Oktober war eine glatte Zumutung. Selbst wenn man bereits eineinhalb Stunden vor der Eröffnung der Einschreibung erschien, gab es kein Durchkommen durch die Massen zu den Einschreibelisten. Es gab einen Ansturm auf die Listen, wobei die Menschenschlange schon zwei Stockwerke vor der eigentlichen anfing. Hunderte von Studenten drängten sich in den Fluren zu zwei Räumen, in denen die Einschreibelisten auslagen. Gleichsam wie ein Kamel, das durch ein Nadelöhr drängt. Im vergangenen Semester waren die Listen an den Räumen der jeweiligen Dozenten angebracht, hierbei war eine Verteilung der Studenten auf den Fluren möglich. Dieses Semester aber drängten sich die Studenten so eng zusammen, dass man schnell an Sauerstoffmangel leiden konnte. Wartende Studenten berichteten mir, dass einige schon den Abend zuvor gegen 21.00 Uhr vor dem Haus 14 in Golm, mit Schlafsäcken und Iso-Matten ausgerüstet, auf die Einschreibung warteten. Dies können und dürfen keine Zustände sein, wenn man mit seiner Gesundheit spielt, Sauerstoffmangel, Erkältungen, nur um studieren zu können. Auch ist es unter diesen Umständen nicht möglich, in der Regelstudienzeit mit dem Studium fertig zu werden, wenn es keine Möglichkeiten gibt, auf Grund der Teilnehmerbegrenzung, an den entsprechenden Kursen teilzunehmen. Da die Raumgröße für die Anzahl der Studenten nicht ausreicht, bräuchten die gleichen Kurse nur parallel oder öfter angeboten zu werden. Eine Bildungsstätte funktioniert genauso wie ein produzierendes Unternehmen— ohne Geld und Organisation läuft nichts! Marian Grabowski, 3. Semester Lehramt Geschichte und Englisch
Portal 11-12/02