Titel
www.uni-potsdam.de/portal /juno3 /titel
Psychologin sein. Da ich gleiche Probleme zu bewältigen habe, kann ich aufgrund meiner Erfahrungen den Ratsuchenden besser als ein Sehender helfen.
Ist ihre juristische Ausbildung von Vorteil für Ihre Arbeit?
Seidel: Ich habe ein Studium mit dem Schwerpunkt Verwaltungsrecht abgeschlossen. Das ist bei meiner jetzigen Tätigkeit sehr hilfreich. Denn wir beraten Klienten nicht zuletzt bei Antragstellungen und helfen, auftretende Rechtsprobleme zu lösen. Wir beraten in allen Bereichen, die mit dem Blinden-, Behinderten- oder Sozialrecht in Verbindung stehen.
Man spürt, dass Ihnen Ihre Arbeit Spaß macht und Sie mit Engagement bei der Sache sind. War es schwer, nach dem Studium eine Anstellung zu finden?
Seidel:„Kalten Wind“ habe ich erstmals bei der Suche nach einer Stelle gespürt. Bei der Stellensuche habe ich meine Behinderung häufig als Bremse erlebt. Im Studium und im Referendariat gab es immer Lösungen für auftretende Probleme. Während meiner Arbeitssuche dagegen scheiterte vieles an der abverlangten Flexibilität. Ich brauche beispielsweise einen separaten Raum, in dem ich mit meiner Assistenzkraft
arbeiten kann. Anwälte beispielsweise stehen häufig unter Finanz- und Zeitdruck. Dadurch
Portal 5-7/03
Potsdam-Center: Für Sehbehinderte voller Gefahren.
wird meine Einstellung unmöglich. Bei der Suche nach einem angemessenen Arbeitsplatz war ich zum ersten Mal sehr stark mit meiner Person konfrontiert, weil mir bewusst wurde, wie eingeschränkt ich bei der Berufswahl bin.
In Potsdam gibt es noch einiges zu tun bei der barrierefreien Gestaltung der Stadt. Wie können Sie hier Einfluss nehmen?
Seidel: Durch die gute Zusammenarbeit des Tiefbauamtes mit unserer Beratungsstelle sind wichtige, aus Kostengründen nicht alle, Straßenübergänge mit akustischen Ampeln versehen worden. Das Tiefbauamt setzt sich dafür ein, dass dies auch an wichtigen Straßenübergängen außerhalb des Zentrums geschieht. Es gibt noch Orte in der Stadt, wo das Leitsystem für Blinde unzureichend ist. Im Bahnhofsgebäude beispielsweise mangelt es an Blindenleitstreifen. Diese wären nötig, weil die Läden dort verschieden weit in den Bahnhofskorridor ragen und Blinde daher kaum die Treppen- und Rollstufengänge finden. Sie verirren sich häufig in Läden. Gefährlich sind für uns Blinde Aufsteller, Warenträger oder Fassungen von Sonnenschirmen vor Läden und Gaststätten. Ein Leitsystem auf der Erde würde zur Orientierung sehr hilfreich sein. Es gibt diesbezüglich Verhandlungen mit dem Ordnungsamt der Stadt. Wir stehen auch in ständigem und gutem Kontakt mit dem Behindertenbeauftragten der Stadt. Es gibt positive Ansätze. Ein langer Atem ist jedoch nötig.
Was möchten Sie in Zukunft in Ihrer Arbeit erreichen, welche Wünsche haben Sie?
Seidel: Ich suche verstärkt den Kontakt zu jungen Leuten. Ich möchte mich auch an die Studierenden wenden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die behinderten Studierenden der Uni Potsdam sehr gut integriert sind, nicht zuletzt durch die engagierte Arbeit von Dr. Irma Bürger. An der Uni Potsdam hatte ich immer das Gefühl, nicht im Stich gelassen zu werden. Das möchte ich weitergeben. Ein wichtiges Anliegen ist es, Bescheide und Formulare barrierefrei zu gestalten, also auf Diskette oder auf Kassette. Das ist auch deshalb wichtig, weil viele Ältere die Blindenschrift nicht beherrschen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Kontakt: Stephanie Seidel, Geschäfts-, Beratungs- und Informationsstelle für Blinde und Sehbehinderte des Sozialwerkes Potsdam e.V., Am Alten Markt 10/107, 14467 Potsdam,
Tel.: 0331/295184
27