Fahnenflucht
im alten Preußen
Ein Forschungsprojekt rückt den Deserteur in den Mittelpunkt
Gerade wenn in Kriegszeiten die Helden gefeiert werden, lohnt es sich, an die Deserteure zu erinnern. Jörg Muth, Doktorand im Bereich Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Universität Potsdam, beschäftigt sich seit sechs Jahren intensiv mit denen, die die Seite wechseln. Sein wissenschaftliches Interesse allerdings reicht ins 18. Jahrhundert zurück; er untersucht die Ursachen und individuellen Ausprägungen der Desertion in der Armee Friedrich des Großen und richtet seinen Blick dabei besonders auf die Potsdamer Garnison.
as ursprünglich als gemeinsa\ X/ mes Forschungsprojekt von acht Studieren
den begann, erwies sich immer mehr als Forschungsdesiderat, ähnlich etwa der Kriegsgefangenenproblematik. Inzwischen verfolgt Muth die mühsamen Untersuchungen der Lebens- und Rechtsverhältnisse preußischer Soldaten allein weiter. Obwohl er bereits in einem Buch unter dem Titel„Flucht aus dem militärischen Alltag“ erste Forschungsergebnisse vorgelegt hat, sieht er in seiner Arbeit lediglich einen ersten Schritt, die Desertion wissenschaftlich stärker zu individualisieren. Anhand von unbearbeitetem Archivmaterial, Selbstzeugnissen will Muth sie so kritisch wie
Zeitzeugenberichten und
_nötig und so zeit- und situationsbezogen wie möglich bewerten. Muth weiß dabei um den fragmentarischen Charakter seiner Nachforschungen, er will Tendenzen aufzeigen. Denn die Aktenlage gerade mit Blick auf die Potsdamer Regimenter erweist sich als schwierig, da die Unterlagen zum Großteil im preußischen Kriegsarchiv lagerten, das im April 1945 zerstört wurde.
Neubewertung der altpreußischen Armee
Schon deshalb soll keine neue Desertionsrate für die friderizianische Armee errechnet werden, sondern mittels vergleichender Perspektive und moderner militärgeschichtlicher Methodik
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sowohl eine Neubewertung des Phänomens„Desertion“ als auch eine Neubewertung der preußischen Armee insgesamt vorgenommen werden. Nicht zuletzt deshalb, um
der immer wieder gern beschworenen Kontinuität des„Armeegeistes“ gegen zu steuern und das damit verbundene verzerrte Bild der altpreußischen Armee im Bewusstsein der Öffentlichkeit gerade zu rücken. Es ginge um keine pauschalisierende Gesamtdarstellung der preußischen Armee, sondern um einzelne Regimentsgeschichten, die sich jenseits kriegsgeschichtlicher Aspekte mit der Sozialstruktur, dem Versorgungswesen, den Soldatenfrauen, der Justiz, dem Charakter der Offiziere eines Regiments und deren Ausprägung auf den Alltag der Mannschaften beschäftigen. Die Geschichte der preußischen Deserteure müsse auch als Sozialgeschichte erzählt werden, und die verbreitete Denkweise, eine Armee als einen von der Gesellschaft separat agierenden Korpus zu sehen, sei falsch. Gerade in Preußen gab es enge Beziehungen zwischen Armee und Zivilbevölkerung. Die Einquartierung in Kasernen fand in Preußen erst
Aus: Flucht aus dem militärischen Alltag
Forschung
www.uni-potsdam.de/portal /juno3 /forschung
lange nach Friedrichs Tod statt. Vor diesem Hintergrund interessieren Muth Fragen, weshalb Soldaten desertieren, wer diese Männer waren, warum die Mehrzahl trotz heftigster Strapazen-vor allem zu Kriegszeiten- bei ihrem Regiment blieb, welche Strafen vorgesehen waren, wie ihre Durchsetzung erfolgte, welche Gründe es für Selbstmorde gab, wie die Rekrutierung erfolgte oder welche Aufstiegschancen der Soldat hatte. Warum zum Beispiel hat sich gerade jenes Bild eingeprägt, welches das 18. Jahrhundert als„die Zeit der Deserteure“ kolportiert? Eine Ursache sei in der mangelhaften oder nicht existenten Erforschung des Phänomens anderer Epochen zu suchen. Andererseits veränderten die im Europa des 18. Jahrhundert voranschreitenden Heeresreformen den Militärdienst grundlegend und verlangten erhöhte Disziplin, an die sich die meisten Soldaten erst gewöhnen mussten. So entstanden zu dieser Zeit erstmals schriftliche Regelwerke für Soldaten in der Art von Dienstvorschriften.
Stockschläge auch im Zivilleben
Dass die Desertion sich keineswegs
als exklusives Problem der friderizianischen Armee darstellt, sondern
von Zeitgenossen auch auf zivile
, Verweigerungen und Entweichungen angewandt wurde, etwa bei Gesellen, hörigen Bauern, Knechten oder Soldatenfrauen, lässt sie in neuem Licht erscheinen. Allerdings fehlten bisher Untersuchungen für das Zivilleben. Auch müsse unterschieden werden zwischen den Stockschlägen, die zur damaligen Zeit zur Normalität ziviler und militärischer Hierarchien gehörten und sadistischen Exzessen einzelner Vorgesetzter, die sich bis heute in allen Armeen finden lassen. War der Beruf des Soldaten in der Frühen Neuzeit generell hart, im Vergleich zu anderen absolutistischen Armeen war das Leben des preußischen Soldaten, so Muths These, eher erträglich, rechtssicher und mit einem höheren Sozialstatus verbunden. Zwar lag bei den Regimentern Friedrichs des Großen auch einiges im Argen, beispielsweise die Invalidenversorgung, aber das Negativbild des soldatischen Alltags müsse anhand der Faktenlage graduell verschoben werden. tp
Mehr zu erfahren über die Desertion in der Armee Friedrichs des Großen ist in dem gerade erschienenen Buch von Jörg Muth„Flucht aus dem militärischen Alltag“(Einzelschriften zur Militärgeschichte). Rombach Verlag, ISBN 3
7930-9338-7.
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