Heft 
(1.1.2019) 05
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Fahnenflucht

im alten Preußen

Ein Forschungsprojekt rückt den Deserteur in den Mittelpunkt

Gerade wenn in Kriegszeiten die Helden gefeiert werden, lohnt es sich, an die Deserteure zu erin­nern. Jörg Muth, Doktorand im Bereich Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Univer­sität Potsdam, beschäftigt sich seit sechs Jahren intensiv mit denen, die die Seite wechseln. Sein wissenschaftliches Interesse allerdings reicht ins 18. Jahrhundert zurück; er untersucht die Ursachen und individuellen Ausprägungen der Desertion in der Armee Friedrich des Großen und richtet seinen Blick dabei besonders auf die Potsdamer Garnison.

as ursprünglich als gemeinsa­\ X/ mes Forschungsprojekt von acht Studieren­

den begann, erwies sich immer mehr als For­schungsdesiderat, ähnlich etwa der Kriegsgefange­nenproblematik. Inzwischen verfolgt Muth die mühsamen Untersuchungen der Lebens- und Rechtsverhältnisse preußischer Soldaten allein weiter. Obwohl er bereits in einem Buch unter dem TitelFlucht aus dem militärischen Alltag erste Forschungsergebnisse vorgelegt hat, sieht er in seiner Arbeit lediglich einen ersten Schritt, die Desertion wissenschaftlich stärker zu individualisieren. Anhand von unbearbeitetem Archivmaterial, Selbstzeugnissen will Muth sie so kritisch wie

Zeitzeugenberichten und

_nötig und so zeit- und situationsbezogen wie möglich bewerten. Muth weiß dabei um den fragmentarischen Charakter seiner Nachfor­schungen, er will Tendenzen aufzeigen. Denn die Aktenlage gerade mit Blick auf die Potsdamer Regimenter erweist sich als schwierig, da die Unterlagen zum Großteil im preußischen Kriegsarchiv lagerten, das im April 1945 zerstört wurde.

Neubewertung der altpreußischen Armee

Schon deshalb soll keine neue Desertionsrate für die friderizianische Armee errechnet werden, sondern mittels vergleichender Perspektive und moderner militärgeschichtlicher Methodik

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sowohl eine Neubewertung des PhänomensDesertion als auch eine Neube­wertung der preußischen Armee insgesamt vor­genommen werden. Nicht zuletzt deshalb, um

der immer wieder gern beschworenen Kontinu­ität desArmeegeistes gegen zu steuern und das damit verbundene verzerrte Bild der altpreu­ßischen Armee im Bewusstsein der Öffentlich­keit gerade zu rücken. Es ginge um keine pau­schalisierende Gesamtdarstellung der preußi­schen Armee, sondern um einzelne Regiments­geschichten, die sich jenseits kriegsgeschicht­licher Aspekte mit der Sozialstruktur, dem Ver­sorgungswesen, den Soldatenfrauen, der Justiz, dem Charakter der Offiziere eines Regiments und deren Ausprägung auf den Alltag der Mann­schaften beschäftigen. Die Geschichte der preu­ßischen Deserteure müsse auch als Sozialge­schichte erzählt werden, und die verbreitete Denkweise, eine Armee als einen von der Gesell­schaft separat agierenden Korpus zu sehen, sei falsch. Gerade in Preußen gab es enge Beziehun­gen zwischen Armee und Zivilbevölkerung. Die Einquartierung in Kasernen fand in Preußen erst

Aus: Flucht aus dem militärischen Alltag

Forschung

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lange nach Friedrichs Tod statt. Vor diesem Hintergrund interessieren Muth Fragen, wes­halb Soldaten desertieren, wer diese Männer waren, warum die Mehrzahl trotz heftigster Stra­pazen-vor allem zu Kriegszeiten- bei ihrem Regiment blieb, welche Strafen vorgesehen waren, wie ihre Durchsetzung erfolgte, welche Gründe es für Selbstmorde gab, wie die Rekru­tierung erfolgte oder welche Aufstiegschancen der Soldat hatte. Warum zum Beispiel hat sich gerade jenes Bild eingeprägt, welches das 18. Jahrhundert alsdie Zeit der Deserteure kolpor­tiert? Eine Ursache sei in der mangelhaften oder nicht existenten Erforschung des Phänomens anderer Epochen zu suchen. Andererseits ver­änderten die im Europa des 18. Jahrhundert vo­ranschreitenden Heeresreformen den Militär­dienst grundlegend und verlangten erhöhte Disziplin, an die sich die meisten Soldaten erst gewöhnen mussten. So entstanden zu dieser Zeit erstmals schriftliche Regelwerke für Sol­daten in der Art von Dienstvorschriften.

Stockschläge auch im Zivilleben

Dass die Desertion sich keineswegs

als exklusives Problem der friderizi­anischen Armee darstellt, sondern

von Zeitgenossen auch auf zivile

, Verweigerungen und Entweichungen angewandt wurde, etwa bei Gesellen, hörigen Bauern, Knechten oder Soldatenfrau­en, lässt sie in neuem Licht erscheinen. Aller­dings fehlten bisher Untersuchungen für das Zivilleben. Auch müsse unterschieden werden zwischen den Stockschlägen, die zur damaligen Zeit zur Normalität ziviler und militärischer Hierarchien gehörten und sadistischen Exzes­sen einzelner Vorgesetzter, die sich bis heute in allen Armeen finden lassen. War der Beruf des Soldaten in der Frühen Neuzeit generell hart, im Vergleich zu anderen absolutistischen Armeen war das Leben des preußischen Soldaten, so Muths These, eher erträglich, rechtssicher und mit einem höheren Sozialstatus verbunden. Zwar lag bei den Regimentern Friedrichs des Großen auch einiges im Argen, beispielsweise die Invalidenversorgung, aber das Negativbild des soldatischen Alltags müsse anhand der Fak­tenlage graduell verschoben werden. tp

Mehr zu erfahren über die Desertion in der Armee Friedrichs des Großen ist in dem gerade erschienenen Buch von Jörg MuthFlucht aus dem militärischen Alltag(Einzelschriften zur Militärgeschichte). Rombach Verlag, ISBN

7930-9338-7.

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