RUNDUM SEILSCHAFTEN, INTRIGEN UND MORDE
Als komödiantische Polit-Romanze kündigt der Eichborn-Verlag das neueste Werk von Dietrich Schwanitz„Der Zirkel“ an. Diejeni
gen, die den 1995 erschienenen und inzwi
schen auch verfilmten Roman„Der Campus“ des Autors kennen, erwarten nun nicht ganz zu Unrecht Weiteres aus dem verruchten.Innenleben deutscher Hochschulen. Sie werden nicht enttäuscht. Laut Verlags
werbung hält Schwanitz sogar der gesamten.
deutschen Gesellschaft nach der Wiedervereinigung den Spiegel vor. Wer also Nachhilfeunterricht im Ausboten von Kollegen und Freunden, im Spinnen von Intrigen, im Denunzieren, im Ebnen der Wege nach„Oben“ benötigt, wird nach dem Lesen des Buches um viele„Ideen“ reicher sein. Dabei wird so manches Klischee bedient, aber Schwanitz weiß auch, wovon er schreibt. Der 1940 im
Ruhrgebiet Geborene studierte Anglistik, Geschichte und Philosophie. Er promovier
te in Freiburg auf dem Gebiet der Anglistik und habilitierte sich über das Drama und die soziologische Rollentheorie. Bis 1997 lehrte Schwanitz an der Universität Hamburg Englische Literatur. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen und leitete einen Workshop für Theater und Creative Writing an der Hochschule. Nach 1989 schaute er an der Uni Potsdam vorbei.
Um die Erwartungen seiner Leser nicht zu enttäuschen, läßt Schwanitz Liebe, Intrigen, Spionage und Morde das Geschehen bestimmen. Gegenwärtige Hochschulpolitik und Fehlentwicklungen im Bildungssystem stellt er an den Pranger. Bissiger und satirischer kann man es sich, literarisch umgesetzt, kaum vorstellen.
Dr. Daniel Dentzer ist Persönlicher Referent des Hamburger Wissenschaftssenators Weiss. Überdies erweist er sich in Liebesdingen theoretisch und praktisch als nicht gerade unerfahren. Seine Dissertation befaßte sich mit dem Thema„Liebe und Konflikt“. Gerade hat er eine Schwäche für die AStA-Vorsitzende Hannah Krakauer. Ausgerechnet sie ist es, die während einer Protestveranstaltung gegen den angeblich faschistischen Prof. Schneider von Rechtsradikalen tödlich verletzt wird. Dentzer begibt sich im Auftrag seines Chefs auf die Suche nach den Tathintergründen. Bei seinen ReCherchen verschlägt es ihn gemeinsam mit der Journalistin Vanessa Steinbrück an die Potsdamer Universität. Dort(!) stößt er auf den Ursprung des Verbrechens. Denn der „Zirkel“ sind offizielle Mitarbeiter, die die Stasi im westdeutschen Hochschulsystem unterbrachte. Natürlich sind sie auch weiterhin aktiv. Das verhängnisvolle Geschehen nimmt seinen Lauf. In Potsdam muß Dentzer dann im wahrscheinlich verwanzten Gästehaus der Stasi übernachten, überall Spuren von Panzerketten, den Geruch von Lager
und Stacheldrahtzäunen und von volkseigenen. Desinfektionsmitteln ertragen. Das Historische Seminar hat nach seiner Wahrneh
mung den„Charme eines Altersheimes“. Im
Pförtnerhäuschen sieht er das verblichene Plakat mit dem Gelöbnis der Potsdamer Lehramtsstudenten. Das Potsdamer Modell
der Lehrerbildung dient nach seinen Er
kenntnissen der beruflichen Rettung einer Herde von wissenschaftlichen Mitarbeitern mit bescheidener Qualifikation.„Ein trübes Milieu, ein Biotop der Mittelmäßigkeit. Also genau derselbe Salat wie in Hamburg.“ So das deprimierende, aber immerhin nicht auf Potsdam beschränkte Fazit des Reisenden. Nahezu. alle. bekommen ihr Fett ab: die Frauenbeauftragte, die Gremienmitglieder, der Pförtner, der Präsident, die Politiker, die Studierenden, die Professoren...„Oh, mein
_ Gott“, ist dann auch beziehungsreich der erste und der letzte Satz(dort mit Ausrufe
zeichen versehen) des Romans,
Übrigens, um allen Mutmaßungen vorzubeugen, läßt Schwanitz seine Leser wissen,
daß alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen zufällig und unbeabsichtigt sind oder nur dann auftreten,„wenn diese nachträglich den Roman imitieren“. Wen das irritiert, der sollte es sich entgegen eventuellen sonstigen Gepflogenheiten diesmal nicht nehmen lassen, die Danksagungen am Ende des.Buches zu studieren. Für Eingeweihte ist-Erhellendes garantiert. B.E:
Dietrich Schwanitz: Der Zirkel, Eichborn, Frankfurt am Main, 1998, 448 S., 44,00 DM.
BIOTECHNOLOGIE FÜR UNTERNEHMEN
Der Biotechnologiepark Luckenwalde in Brandenburg hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Kompetenzzentrum in Deutschland entwickelt. Mittlerweile arbeiten dort 30 Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Bereich Biotechnologie. Das vorliegende Buch stellt nun die Ergebnisse zweier jetzt abgeschlossener Studien vor. Die erste Untersuchung ermittelt die Bedeutung von Anwendungsfeldern für den Biotechnologiepark, während die zweite Studie auf die internationalen Trends eingeht, die für kleine und mittlere Unternehmen wichtig werden könnten. Diskutiert werden unter anderem rekombinante Wirkstoffe für die Pharmaindustrie, neue Verfahren für die medizinische Diagnostik, Gentherapie, Tissue engineering, Biosensoren und die Beherrschung biologischer Prozesse. ar
Ulla Große, Frank Hartmann, Rainer Voß: Internationale Trends in der Biotechnologie, Verlag Dr. Köster, Berlin, 1998, 114 5., 39,80 DM.
ZWIESPÄLTIGE UMWELT
Wir leben in einer Epoche, in der der Zugriff auf möglichst viele Informationen eine große Rolle spielt und zumindest technisch wenig Probleme bereitet. Nicht so einfach ist es, aus der Flut von Informationen die richtigen herauszufinden und aus einer Summe von Einzelteilen ein Bild zusammenzusetzen, das der Wahrheit nahe kommt. Manche Quellen liefern bereits falsche oder unvollständige Informationen, weil Journalisten oberflächlich recherchieren oder Fachleute noch im Dunkeln tappen.
Im Bereich der Umweltthemen kann sich dann das herausbilden, was Dirk Maxeiner und Michael Miersch als„Ökoirrtum“ bezeichnen. Sie haben die gängigen Meinungen zu Umweltfragen aus 15 Bereichen—- von der Energieversorgung über die Gentechnik und Klimaentwicklung bis hin zur Verantwortlichkeit der Wirtschaft gegenüber der Umwelt— unter die Lupe genommen, um „etwas Ordnung in die Dinge zu bringen und wenigstens den größten Unsinn ein wenig anzukratzen“. Mißt man das 415 Seiten dikke Buch an diesem Anspruch, dann tauchen doch Zweifel auf, ob das Ziel erreicht wurde. Sicher finden sich eine Fülle von Fakten aus Fachbüchern, Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Aber bei offenen Fragen zeigt sich, daß die Autoren nicht ganz objektiv an das Thema herangehen. So wird die„Süddeutsche Zeitung“ mit dem Satz zitiert, die Wissenschaftler arbeiteten„an Formeln, mit denen sich der Zustand des Planeten in 100 Jahren errechnen läßt“. Der Kontext, in dem das Zitat auftaucht, suggeriert dem Leser, daß die Wissenschaftler der Meinung wären, dies ließe sich erreichen. Maxeiner und Miersch zeigen dann die technischen und prinziplellen Probleme der Klimamodellierung auf, die eine exakte Vorausberechnung des Klimas unmöglich machen und stempeln so diesen Wissenschaftszweig als nicht ganz ernst zu nehmen ab. Tatsächlich behauptet kaum ein Klimaforscher, daß mit Hilfe von Klimamodellen in die Zukunft geschaut werden könne, sondern nutzt diese, um mögliche Entwicklungen abzuschätzen. Bei anderen Themen werden vermeintlich gängige Irrtümer präsentiert. So widerlegen sie etwa die Behauptung, Seen und Flüsse verdreckten immer mehr. Dabei hat es sich längst herumgesprochen, daß die Wasserqualität der Seen und Flüsse in Deutschland in den letzten Jahren ständig besser wurde. Alles in allem bleibt der Eindruck, daß die Autoren nicht immer fair berichten. Eines bringt die Lektüre dennoch: Einen kritischeren Umgang mit den täglichen Katastrophennachrichten. ade
Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Lexikon der Okoirrtümer, Eichborn, 1998, 415 Seiten, 44,- DM.
PUTZ 1-2/99
Seite 23