Heft 
(2024) 31
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Meyburg: Jungvogelmanagement beim Schreiadler

Erstgeschlüpfte. Sie ziehen normal, sofern sie An­schluss an erfahrene Artgenossen finden, über­wintern in Afrika und kehren im Frühjahr ins Brutgebiet zurück. Allerdings kehrt nur ein klei­ner Teil der Einjährigen in das Gebiet zurück, in dem sie geboren wurden. Der überwiegende Teil übersommert weiter östlich. Die Zweijährigen erscheinen zum größten Teil bereits im Sommer im Gebiet des Geburtsortes, oft aber erst sehr spät ( Ende August, Anfang September). In den folgen­den Jahren besetzen sie entweder einen Brutplatz und verpaaren sich oder pendeln zwischen ver­schiedenen Brutplätzen hin und her. Die meisten Männchen sind offenbar erst mit fünf Jahren ge­schlechtsreif, auch wenn sie sich früher verpaaren, die Weibchen mit vier Jahren.

Aus Lettland und Ostpolen umgesiedelte Nest­linge, die in Brandenburg ausgewildert werden, können sich hier schon wenige Kilometer vom Aus­wilderungsort entfernt ansiedeln. Die Ansiedlung kann aber auch mehrere hundert Kilometer ent­fernt erfolgen, was ebenso auch für Wildvögel gilt.

Die gefährlichste Lebensphase sind die ersten Monate nach dem Verlassen des Brut- bzw. Aus­wilderungsortes. Die Jungadler müssen plötzlich selbst Beute machen, ohne bisher Jagderfahrung gemacht zu haben. Außerdem müssen sie schnell Anschluss an erfahrene ältere Artgenossen finden, um auf der Hauptzugroute über den Bosporus , Kleinasien und entlang der östlichen Mittelmeer­küste bis nach Afrika bei Suez zu gelangen. Jung­vögel, die keinen Anschluss finden, versuchen oft vergeblich, auf anderen Routen das Mittelmeer zu überqueren, was in der Regel tödlich endet. Dies gilt auch für Jungadler aus Wildhorsten und ande­ren Ländern( MEYBURG& MEYBURG 2017, MEY­BURG et al. 2017). Da Brandenburg am westlichen Rand des Verbreitungsgebietes liegt, ist das Risiko, keinen Anschluss an erfahrene ältere Artgenossen zu finden, hier vermutlich besonders hoch.

Da die Sterblichkeit der Projektadler in den ersten Lebensjahren, aber auch von Vögeln aus Wildhorsten, extrem hoch liegt, ist ein deutlicher Effekt des Jungvogelmanagements erst ab einer jährlich größeren Zahl zusätzlich flügger Jungad­ler zu erwarten.

Leider ist es sehr schwierig, den Verbleib der Adler im Brutgebiet festzustellen, außer bei te­lemetrierten Individuen. Die Kennringe sind zu

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unauffällig und schwer abzulesen. Am besten ge­lingt dies, wenn in offenem Gelände mit guten Te­leobjektiven und Autofokus Serienaufnahmen von vorbeifliegenden Brutvögeln gelingen, auf denen dann die Kennringnummern teilweise abgelesen werden können. In Brandenburg wird dies aber erst seit zwei Jahren von neuen Projektteilneh­mern durchgeführt. Bei Nichtbrütern ist die Ab­lesung äußerst schwierig und zufällig. So werden Projektadler in Deutschland mitunter zehn Jahre alt, ohne erkannt zu werden.

Für die Zukunft wäre es daher wichtig, das Projekt langfristig durchzuführen und möglichst viele junge Schreiadler mittels Satellitentelemetrie zu verfolgen.

3.1 Ablauf des Projektes 2024

Am 22., 23. und 24. Mai wurden in Ostpolen Zwei­teier aus den Horsten entnommen und sofort mit dem Auto nach Potsdam gebracht. Am 30. und 31. Mai wurden 13 der bis dahin bekannten 28 Brut­plätze in Brandenburg kontrolliert. Dabei wurden sechs Horste mit Zwei- Ei- Gelegen gefunden. In al­len Fällen wurde das zweite, vitale Ei entnommen. In einem dieser Nester war das erste Junge bereits geschlüpft und das zweite Ei war angepickt. Bei einem angenommenen Schlupfabstand von drei Tagen wäre das erste Küken bereits am 28. Mai geschlüpft, dem frühesten bisher festgestellten Schlupfzeitpunkt.

In vier Horsten bestand das Gelege nur aus ei­nem Ei. Ein weiterer Horst war begrünt, aber ohne Nistmulde. Ein anderer Horst war bereits von ei­nem Prädator, vermutlich einem Waschbären Pro­ cyon lotor , besucht worden. Gelegereste wurden nicht gefunden. Ein Brutvorkommen wies zwei unbesetzte Horste auf. Es handelte sich also ent­weder um ein Revierpaar ohne Brutversuch oder mit Brut in einem dritten, unbekannten Horst.

Weitere Horste wurden nicht kontrolliert, da man glaubte, mit 19 vitalen Eiern aus Polen die Zahl von maximal 25 Jungvögeln erreicht zu ha­ben. Es wäre besser gewesen, zwei oder drei weite­re Eier zu sammeln, da schließlich ein Küken nicht schlüpfte und ein weiteres nach wenigen Tagen starb. Wären es am Ende mehr als 25 Jungadler gewesen, hätte man die überzähligen Jungadler nach der alten Forstering- Methode auswildern