Heft 
(2024) 31
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können. Die Kapazitäten des Falkenhofs und in der Schorfheide sollten nach Möglichkeit noch er­höht werden.

Im Rahmen des Projektes wurde die Aufzucht ständig optimiert, da diese Phase sehr entschei­dend für das Projekt ist, gleichzeitig aber auch einen sehr hohen Aufwand bedeutet. Hier die wichtigsten Regeln:

Aufzucht einzeln, aber mit Sichtkontakt zu den anderen Schreiadlerjungen( Geschwisterprä­gung!).

Möglichst wenig menschlicher Kontakt, anony­me Fütterung durch ein Loch in einem Vorhang. Die ersten Wochen in geschlossenen Räumen, in kleinen Kunsthorsten mit naturnaher Auspols­terung.

Anfängliches Erwärmen mit Rotlicht.

Nach Erreichen der Thermostabilität und je nach Witterung Umsetzen in eine geräumigere Außenvoliere mit größeren Kunsthorsten, zu­nächst nur stundenweise je nach Witterung.

Täglicher Wechsel der Zweige entsprechend dem ,, Horstschmuck" im Naturhorst. Fütterung zunächst nur mit Mäusen, anfangs kleingeschnitten, später ganze Mäuse, Eintagskü­ken, auch zerteilte Ratten und Meerschweinchen. Ein Jungvogel aus Polen schlüpfte 2024 nicht. Der Embryo starb nach langer Inkubationszeit. Ein zweites Junges verendete wenige Tage nach dem Schlupf trotz intensiver Behandlung an einer Klo­akeninfektion. Alle übrigen 23 Jungadler wurden mit dem üblichen intensiven Aufwand aufgezogen und am 23. und 25. Juli im Alter von rund 50 Ta­gen in die zuvor baulich etwas erweiterte Auswil­derungsstation in der Schorfheide gebracht.

Zwischen dem 2. und 9. August waren die Jungvögel flügge und die Kunstboxen wurden nach und nach geöffnet. Wie in den Vorjahren wurden die Jungadler intensiv mit ferngesteuerten Videokameras beobachtet und weiterhin auf den Fütterungsplattformen gefüttert. Zuletzt wurden sie am Ende der Bettelflugphase Mitte September, in einem Fall am 16. September, im Bereich der Auswilderungsstation beobachtet. Dies entspricht dem Beginn des Herbstzuges der Jungvögel der Wildpopulation. In dieser Bettelflugphase erfolgt die Fütterung bis zum letzten Tag der Anwesenheit am Brutplatz durch die Männchen, vereinzelt auch zusätzlich durch die Weibchen.

Otis 31( 2024)

Alle Adler werden sowohl mit Ringen der Berin­gungsstation Hiddensee als auch mit Metallkenn­ringen markiert. Auf Kunststoff- Kennringe wurde nach einigen Jahren verzichtet, da sich bei zwei be­senderten Altadlern herausstellte, dass diese nach längerer Zeit nicht mehr vorhanden waren. Bei einem Jungadler ging ein Kennring aus Lettland bereits während der Bettelflugphase verloren. C. Rhode( mdl.) berichtete sogar von zwei Stahlrin­gen der Beringungsstation, die später nicht mehr am Vogel waren. Es sollten daher besser Ringe mit Lasche verwendet werden. Nach Möglichkeit wer­den die Projektvögel auch mit Satellitensendern ausgestattet, was aber wegen der hohen Kosten nur in relativ wenigen Fällen möglich ist.

Die Auswilderungsstation wird kontinuierlich mit vier Videokameras überwacht. Im Jahr 2010 wurden zusätzlich zwei automatische Kameras an den Fütterungsplattformen installiert, mit denen alle Vögel anhand ihrer Kennringe identifiziert werden können. Jeden Tag ist ein Teammitglied vor Ort, um mit Hilfe der automatischen Kameras zu überprüfen, ob alle Vögel zur Fütterung kom­men, ob es ungewöhnliche Vorkommnisse gibt und um zu notieren, wann die einzelnen Adler zum Herbstzug aufbrechen.

Entgegen allen Befürchtungen gab es bisher praktisch keine Störungen durch Nebelkrähen Corvus cornix, Kolkraben Corvus corax , Ha­bichte Accipiter gentilis , Seeadler oder andere Wildtiere an der Futterstelle, obwohl immer Futter vorhanden war. Die frei fliegenden Adler verhiel­ten sich sehr gesellig. Bei gutem Wetter kreisten bis zu zwölf Tiere zusammen. Ein Trupp einheimi­scher immaturer Kolkraben verließ stets das Ge­biet, als die Adler freigelassen wurden und kehrte erst im Herbst zurück.

Mit dem Verlassen des Brutplatzes ergeben sich für die Jungadler zwei Probleme: Zum einen müssen sie lernen, selbständig Beute zu finden und zu schlagen. Zum anderen haben sie kaum eine Chance, die ersten Wochen des Herbstzuges zu überleben, wenn sie nicht Anschluss an zie­hende ältere Artgenossen finden, die bereits min­destens einmal ins Überwinterungsgebiet gezogen und zurückgekehrt sind. Da sie erst nach vier bis fünf Jahren fortpflanzungsfähig werden, ist es nicht verwunderlich, dass nur wenige dieses Sta­dium erreichen.