Thomas Steinke: Die Einführung verhaltenstheoretisch orientierter Behandlungsmaßnahmen in die Heimerziehung— am Beispiel des
Aggressionstrainings
täglichen Auseinandersetzungen der Therapiekinder, forderte sie auf ‚Problemgeschichten’ aus dem Heimalltag zu berichten und kommt dabei zu der Schlußfolgerung:
„Traningsmaterial(Videofilme, Bildvorlagen, Streitgeschichten), das einen möglichst großen Bezug zum realen Alltagsleben der Trainingskinder, zu ihren aktuellen Problemen und Konflikten hat, erscheint mir für eine effektive Trainingsdurchführung am geeignetsten”(Fricke 1980, 225).
Für den ‚Alltagsbereich’ sind Selbstkontrollstrategien in der Therapie einzuüben, die es dem Kind ermöglichen seine Konflikte angemessen zu bewältigen, Ohne daß Pädagogen oder Therapeuten anwesend sind und helfen. Die von uns betreuten Kinder und Jugendlichen führten selbständig Aufzeichnungen über ihre Konfliktlösungsversuche durch und konnten dann in der nächsten Therapiestunde überlegen, ob ihnen das in der Therapie erlernte im Alltag hilfreich war. Dies gehörte zu den ‚Hausaufgaben’ eines jeden Therapieteilnehmers. Bei der Erledigung dieser ‚Hausaufgaben’ können im Heim die Gruppentherapiemitglieder identisch mit den Alltagspartnern sein, d. h. auch, daß Gegensätze von Kontrahenten im Alltag ohne Hilfen und Moderationsversuche von Therapeut oder Erziehern aufeinanderprallen. Dies kann bei genügend stabilisierten Kindern sogar von Vorteil sein. Letztlich ist es das Therapieziel, daß die Kinder auch ohne Hilfen die meisten ihrer alltäglichen Konflikte bewältigen lernen. Grawe wendet diese ‚interaktionellen Problemlösungsgruppen’ sogar explizit als therapeutisches Medium an. Die Analyse des Problems einzelner Patienten basiere
„-.. Nicht nur auf Angaben des Patienten über seine Lebenssituation und sein Verhalten auBßerhalb der Gruppensituation, sondern— mit zunehmender Dauer immer stärker— auf der von allen Gruppenmitgliedern geteilten Wahrnehmung seines Verhaltens in der Gruppensituation und bei Kontakten der Gruppenmitglieder außerhalb der eigentlichen Gruppensitzungen, die zu diesem Zwecke ausdrücklich gefördert werden” (Grawe 1978, 2714).
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Die Kontakte, die bei ambulanten Therapien erst gefördert werden müssen, entstehen im Heim in relativ überschaubaren Bedingungen ohne sonderlichen Aufwand fast ‚wie von selbst’. Von besonderer Bedeutung für einen ‚positiven Gruppentransfer’ ist das Gruppenklima während der Therapiesitzungen. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß auch schwerst verbal und körperlich aggressive Jugendliche ein ‚Wir-Gefühl’ als Therapie-Gruppe entwickelten, weil sie sich noch nie vorher so offen und ehrlich die Meinung über eigene Konflikte und Schwächen und ihre Einschätzung der anderen Teilnehmer mitgeteilt hatten. Außerdem lernten sie in den Gruppentherapien sich bei der Bewältigung ihrer Probleme gegenseitig hilfreich zu sein. Dazu wurden Gruppenregeln erarbeitet, die einer klaren und fairen Auseinandersetzung um die Probleme dienlich waren und verbale und körperliche Angriffe unterbanden. In außertherapeutischen Begegnungen schonten sie sich und häufig halfen sie sich durch kurze Hinweise, die auf bestimmte in der Therapie erlernte Konfliktlösungsmöglichkeiten verweisen(z.B.„Abtropfen lassen!”, wenn sie von Anderen verbal aggressiv angegriffen wurden).
Allerdings muß trotzdem damit gerechnet werden, daß sich die Mitglieder der therapeutischen Trainingsgruppe außerhalb des therapeutischen Setting auch negativ beeinflussen können, z.B. indem sie die Offenheit eines Mitgliedes dazu ausnutzen, um es bloßzustellen. Deshalb ist es ratsam bei der Gruppenzusammenstellung zu berücksichtigen, inwieweit die einzelnen Mitglieder sich im Alltag und auch während der Therapie gegenseitig behindern können(vgl. Fricke 1980, 224).
Erzieher als Mediatoren
Die Erzieher werden dann besonders engagiert therapeutische Maßnahmen unterstützen, wenn alltägliche Probleme und erzieherische Schwierigkeiten explizit zum Gegenstand der Therapie gemacht werden. Unsere Erfahrungen
deuten darauf hin, daß eine größtmögliche Beteiligung der Erzieher bereits am Prozeß der Identifizierung und Spezifizierung und bei der Analyse der Verhaltensprobleme zur Verbesserung des Verständnisses kindlicher Verhaltensweisen und zu größerem Engagement bei der Bewältigung führt. Insbesondere die verhaltensnahe Beschreibung der Probleme in Form verhaltenstheoretischer Analysen kann zu einer Grundlage gemeinsamen Handelns von Erziehern und Therapeuten führen. Allerdings ist es auch weiterhin ratsam die Erzieher fortlaufend in der Erzieherkonferenz oder in anderen Besprechungen, die der Reflexion gemeinsamer Arbeit dienen, über die spezifischen therapeutischen Maßnahmen zu informieren. Dies geschieht u. E. am anschaulichsten durch eine kurze Video-Vorführung von exemplarischen Szenen aus laufenden Therapien. So wird Thema, Zielsetzung und Atmosphäre der Therapiestunden, so wie die Belastung für Therapie-Kinder und Therapeut und die methodische Herangehensweise am besten erklärbar. Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit Erzieher als Co-Therapeuten bereits im kognitiven Abschnitt des ‚Trainings mit aggressiven Kindern’ einzubeziehen. Dadurch verbessert sich der Informationsstand der Erzieher, so daß sie als Korrektiv für den Therapeuten wirken können und einer Mystifizierung des therapeutischen Geschehens wird von vornherein entgegengearbeitet.
Die Kinder und Jugendlichen unserer Therapiegruppen fanden es besonders anregend, wenn sie den Therapeuten und Erzieher im Rollenspiel in Konflikten agieren sehen konnten, was realiter selten zu beobachten ist. Die Art und Weise unseres Umgangs miteinander färbte erwartungsgemäß positiv auf die Therapiekinder ab, indem sie lockerer und motivierter in Rollenspielen übten, sich gegenseitig häufiger lobten und über eigene ‚Patzer’ leichter lachen konnten. Im Gruppenalltag und während anderer erzieherischer Bemühungen, überall dort, wo die Problemverhaltensweisen der Kinder auftreten und sie Hilfe benötigen, ist der Erzieher dann in
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG 1/1986