Thomas Steinke: Die Einführung verhaltenstheoretisch orientierter Behandlungsmaßnahmen in die Heimerziehung— am Beispiel des
Aggressionstrainings
der Lage Hilfen anzubieten, die geeignet sind die in der Therapie angebahnten prosozialen Verhaltensweisen in konkreten Konfliktsituationen zu festigen und auszubauen.
Fricke beschreibt dies anhand der ‚Schildkröten-Instruktion’(vgl. Petermann& Petermann 1984, Kap. 9), bei der ein Kind mithilfe eines Erziehers oder durch Selbstinstruktion ein angemessenes Rückzugsverhalten aus aggressiv getönten Konfliktsituationen üben soll:
„Wutausbrüche, in denen er völlig die Kontrolle über sich verliert, haben abgenommen. Sie treten nur noch in Situationen auf, in denen er von älteren Kindern ohne erkennbare Ursache oder auch begründet(weil er sie provoziert hat) verprügelt wird. Bei diesen aggressiven Auseinandersetzungen erregt er sich immer noch sehr schnell und es gelingt ihm nur selten, sich von allein zu beruhigen, sich zurückzuziehen bzw.„aus dem Felde zu gehen”: Selbst wenn er schon„geschlagen” auf dem Boden liegt, beschimpft er den Konfliktgegner weiter, schafft es in solchen Situationen nicht, die Auseinandersetzung von sich aus zu beenden. Zur Beruhigung in derartigen Situationen benötigt er die Hilfe des Erziehers: Durch den Hinweis auf die „Schildkröte” und die Aufforderung sich in sein Zimmer zurückzuziehen, leistet er zumeist nach kurzer Bedenkzeit Folge und ist dann in der Lage, sein Erregungsniveau rasch abzubauen(Fricke 1980, 269).
Auch Fröhlich(1980), der eine Untersuchung zur Aggressionsreduktion bei sozial auffälligen Kindern durchführte, ließ die Erzieher am Training teilnehmen oder informierte sie zumindest über die Maßnahmen, damit diese die erwünschten Verhaltensweisen der Kinder im Alltag unterstützen konnten. Er stellt fest:
„Die Erzieher waren auch motiviert, daß möglichst einer oder zwei von ihnen an den Sitzungen teilnahmen. So war der Kommunikationsfluß zwischen Erzieher und Trainer und der Transfer für die Kinder in die Heimsituation(= günstige Bedingung für eine Generalisierung) gewährleistet”(Fröhlich 1980, BD.
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG 1/1986
3. Folgelasten der Integration von Therapie in die Heimerziehung
Jede Neuerung und Änderung von Organisationsstrukturen führt notwendigerweise zu Folgelasten. Verhaltenstheoretischen Konzepten folgende Behandlungsmaßnahmen können— wie aus dem bisher Gesagten deutlich wird— nicht unabhängig von der sonstigen Lebenswirklichkeit des Kindes und den dort herrschenden Organisationsbedingungen im Heim betrieben werden. Die Therapie muß ihre methodischen Besonderheiten bewahren, um wirksam werden zu können, ohne sich jedoch damit gleichzeitig dem Prozeß der Koordination aller Maßnahmen im Heim zu entziehen.
Widerstände
Zunächst sollte sich niemand, der an der Einführung einer neuen Behandlungsmethode in eine Einrichtung interessiert ist, darüber hinweg täuschen lassen, mit welchen Widerständen er dabei rechnen muß. Röhl(1979) verweist auf finanzielle, personelle und räumliche Knappheit. Außerdem standen der von ihm unterstützten Einführung operanter Konditionierungsprogramme in den Langzeitbereich eines Landeskrankenhauses Ziel- und Wertkonflikte innerhalb der Mitarbeiterschaft entgegen, die offenbar nicht mehr rechtzeitig ausgeräumt werden konnten. Weiterhin konnte kein qualifiziertes Personal eingestellt werden. Zudem hemmten andere Abteilungen der Einrichtung direkt oder vermittelt die exakte Durchführung der Programme.
„Seitens der Kollegenschaft(Ärzte, Verwaltung, Pfleger) wurde ein starker Druck auf die Station bezüglich Ausgang, Tätigkeiten, Verhalten, und Bestrafungen von Patienten ausgeübt, der teilweise dem operanten Programm entgegenwirkte und das Stationspersonal verunsicherte. Außerdem wurden Erfolgs- bzw. Berechtigungsnachweise gefordert, die bei der institutionellen Schwerfälligkeit und der situativ bedingten Mangelhaftigkeit kaum zu führen waren”(Röhl 1979, 77).
Auch Aregger(1976) erwähnt negative Effekte von Innovationen für die einzelnen Mitarbeiter:
— Beeinträchtigung der Verhaltenssicherheit und Identifizierung der Mitarbeiter mit dem Status quo;
— Entwertung alter Qualifikationen;
— Notwendigkeit aktiven Lernens und Schwierigkeiten bei der Erarbeitung abstrakter, durch Erfahrung nicht ersetzbarer Lerninhalte;
— Skepsis bezüglich der Auswirkungen des zu erwartenden Fortschritts auf den Einzelnen;
— Negative Erfahrungen mit früher stattgefundenen Innovationsversuchen;
— Temporäre Mehrbelastung bei der Einführung der Neuerung.
(vgl. Aregger 1976, 180 f.). Gastager(1980) hebt außerdem Widerstände der Patienten selbst gegen Änderungen der Bedingungen auf einer psychiatrischen Station hervor, die mit deren Herkunftsmilieu(Familie, Beruf, Wohngebiet, Ausbildung, Erziehungstradition) begründet werden und Probleme beim Abbau autoritärer Strukturen in der Behandlung von PsychiatriePatienten verursachten(vgl. Gastager 1980, 132 f.).
Probleme der Datensammlung
Ein bedeutendes Problem der Datenaufnahme im gegebenen Sozialfeld besteht in der Gefahr der Überforderung des Lebensraumes durch die Datensammlungsprozesse selbst. Es ist bekannt, daß Daten, die der Klient selbst sammeln soll, zu einer deutlichen Veränderung seines Verhaltens führen kann, die gewünscht oder ungewünscht sein können. Mit Problemen der Reaktivität ist immer dann zu rechnen, wenn die Beobachtung selbst ungewohnt für den Klienten bzw. seine Kontaktpersonen ist. Sofern andere Personen die Beobachtung durchführen, wie z.B. Erzieher in einem Heim, kann dies zu einer zeitlichen, konzentrativen oder fachlichen Überbelastung werden, die sich negativ auf die Genauigkeit der Beobachtung auswirkt.
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