Thomas Steinke: Die Einführung verhaltenstheoretisch orientierter Behandlungsmaßnahmen in die Heimerziehung— am Beispiel des
Aggressionstrainings
Nicht zu unterschätzen ist die Mobilität von Kindern, die man in Interaktion mit anderen Kindern in natürlicher Umgebung beobachten möchte. Wer einmal versucht hat einen quirligen 11jährigen Jungen im Kreise seiner Spielgefährten über einen gewissen Zeitraum hinweg zu beobachten, der wird wissen, wie schwierig es ist die Strecken kilometermäßig zurückzulegen, ohne besonders ‚auffällig’ zu werden.
Häufig ist eine kontinuierliche Daten
‚aufnahme nicht möglich, insbesondere
wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen Lebenssituationen im gegebenen Sozialfeld zu beobachten. Hier stellt sich auch die Frage, ob die Atmosphäre des therapeutischen Milieus, in der es ganz bewußt auch um die Erhaltung einer ‚Privatsphäre’ geht, durch manche Datensammlungsprozesse unnötigerweise belastet wird.
Weiterhin müssen wir davon ausgehen, daß bestimmte therapeutische Variablen sich im Verhalten des Kindes auswirken können, ohne daß die erwarteten Therapie-Effekte zum Beobachtungszeitpunkt in Erscheinung treten. Wir konnten feststellen, daß gewünschte Änderungen im Kindverhalten sich erst nach einer gewissen ‚Latenzzeit’ und zu einem von uns nicht mehr erwarteten Zeitpunkt bemerkbar machten.
In der Untersuchung von Junglas(1985) wurden die zum ‚Training mit aggressiven Kindern’ von Petermann/Petermann(1978) entwickelten Beobachtungsbögen für aggressives Verhalten benutzt. Die Beobachtungsdaten aus teilnehmender Beobachtung in Situationen vor, während und nach der mittäglichen Stationsrunde wurden unmittelbar danach in die Beobachtungsbögen eingetragen. Hier läßt sich fragen, ob in diesen relativ hochstrukturierten Situationen auf der Station und teilweise sogar in Anwesenheit der zuständigen Betreuer und Therapeuten die Problemverhaltensweisen überhaupt noch auftreten werden, weil sich evtl. gewisse Anpassungsleistungen der Klienten an die Stationsbedingungen eingestellt haben, die jedoch nicht mit ihrem Verhalten in
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‚natürlicher’ Umgebung übereinstimmen müssen. Diesem Problem der ‚untypischen’ Alltagssituationen wurde von Junglas zu begegnen versucht, indem er wichtig erscheinende, positive Verhaltensweisen der Klienten aus Ad-hocBeobachtungen schriftlich festhalten ließ. Somit läßt sich feststellen, daß auch diejenigen Daten, die mit recht bewährten Schätz- und Beobachtungsskalen gewonnen wurden, häufig noch inhaltlich zu weich sind, um inferenzstatistische Berechnungen zur Überprüfung der Therapie-Effekte rechtfertigen zu können. Trotz der bedingten Brauchbarkeit von routinemäßig anfallenden Daten (Protokolle aus Fallbesprechungen, Lehrerurteile, Urteile von Eltern etc.) sollten sie für die Abstützung der Therapie-Evaluation mitberücksichtigt werden. Diejenigen Daten, die außerhalb der therapeutischen Situation und von anderen als dem sich selbst mitbeobachtenden Therapeuten produziert worden sind, können aufschlußreiche Dokumente über die tatsächliche Veränderung der Verhaltensweisen von Therapiekindern sein.
Bei all dem muß berücksichtigt werden, daß in der Untersuchungssituation im gegebenen Sozialfeld häufig aus Gründen der Reaktivität nicht die Möglichkeit besteht, sofort schriftliche Aufzeichnungen durchzuführen, so daß komplexe Verhaltensströme oder-sequenzen im Nachhinein nicht mehr differenziert genug erinnert und festgehalten werden können. Sofern es sich um selten auftretende Ereignisse handelt, können Monotonieprobleme beim Beobachter Schwierigkeiten aufwerfen. Minimale, kaum bemerkbare Verhaltensänderungen, die jedoch hochrelevant sein können, werden dann übersehen.
Die Sichtweise des Beobachters ändert sich während lang andauernder Beobachtungen auch dahingehend, daß seine Wahrnehmung geschärft wird. Er kann dann problembewußter und präziser bestimmte Verhaltensweisen seines ‚Beobachtungsobjektes’ wahrnehmen, die ihm vorher entgangen waren. Dies hat gravierende Auswirkungen bei der nachträglichen Auswertung der gesam
melten Daten. Bei den ersten Beobachtungen vor Therapiebeginn war der Beobachter vielleicht noch nicht so gut ‚geschult’ auf die speziellen Problemverhaltensweisen seines Klienten, so daß er sie weniger bzw. nicht so stark bemerkte. Bei der zweiten Erhebung, die vielleicht nach dem ersten Therapieabschnitt stattfand, bemerkte der Beobachter die Verhaltensweisen häufiger, obwohl sie vielleicht objektiv gar nicht häufiger als vorher auftraten. Dadurch ergibt sich in der nachträglich durchgeführten Analyse der Verlaufsdaten eine Steigerung der Auftretenshäufigkeit von Problemverhaltensweisen. Dies ist verständlicherweise für einen Therapeuten wenig schmeichelhaft und zudem später schwer erklärbar.
Erst wenn von unterschiedlichen Beobachtern(Lehrer, Erzieher, Therapeuten) in den unterschiedlichen Handlungs- und Erlebnisfeldern mit jeweils auf die Situationen abgestimmten Beobachtungsinstrumenten Daten gewonnen werden, läßt sich ein Teil dieser Probleme der Datenaufnahme angehen. Unter solchen Voraussetzungen erhöht sich die Chance, die Kinder und Jugendlichen angemessener zu behandeln und aus pädagogisch-therapeutischen Fehlschlägen zu lernen.
Rollendiffusion und ‚Echtheit
Zur Durchführung eines ‚Trainings mit aggressiven Kindern’ gehört ein gewisses Maß an Echtheit und Direktivität des Trainers. Der Trainer wird nur dann von Kindern und Jugendlichen im Heim akzeptiert, wenn er sowohl im Gruppenalltag als auch in der therapeutischen Situation überzeugend Situationen strukturiert, wo dies notwendig ist, und sich nicht nur in dieser Eigenschaft treu bleibt. Von seiner Persönlichkeit und Ausstrahlung her sollte er ein attraktives Vorbild für die Kinder sein, d.h. nicht nur in der Therapie wirksam sein, sondern vielleicht auch noch irgendetwas anderes können, wie z.B. Fußball, Gitarre oder Tischtennis spielen oder Kinder und Jugendliche auf seine besondere Art und Weise begeistern können.
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG 1/1986