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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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Thomas Steinke: Die Einführung verhaltenstheoretisch orientierter Behandlungsmaßnahmen in die Heimerziehung am Beispiel des

Aggressionstrainings

Durch die Rollendiffusion des in der Er­ziehung mitwirkenden Therapeuten und des mittherapierenden Erziehers können sich Störungen des Vertrauensver­hältnisses zu Kindern und Jugendlichen ergeben, z.B. dadurch, daß der Thera­peut in der Erziehung verstärkt normativ handeln muß. Wie seine Einstellung zu aggressivem Verhalten ist, offenbart der Therapeut spätestens bei seinem An­fangsgespräch mit dem Kind in der The­rapie, so daß sein Verhalten in außerthe­rapeutischen Situationen für die Kinder in gewissem Umfang erwartbar und vor­aussehbar ist. Fricke schildert dies wie folgt:

Im Anschluß an eine Reihe von Puppenspie­len zu von Jens eingebrachten Konfliktsitua­tionen, in denen er nach meinen Erfahrungen vor allem zu aggressiven Konfliktlösungen greift, thematisiere ich sein Problemverhal­ten und konfrontiere ihn gleichzeitig mit mei­ner allgemeinen Sichtweise seines Verhal­tens in der Gruppe(z. B.ich habe beobach­tet, daß Du in der Gruppe viel Streit hast... daß Du häufig in Prügeleien verwickelt bist.) (Fricke 1980, 212).

Vielfältige Kontakte des Kindes mit dem Therapeuten in außertherapeutischen Situationen des Heimlebens ermögli­chen es dem Kinde sich seiner Bezie­hung zu ihm auf unterschiedlichste Wei­se zu vergewissern und ihn als einheitli­che Person mit unterschiedlichen Aufga­ben zu erleben.

Erhöhung des Aufwandes an Information und Koordination

Bei der Integration von Therapie in die Heimerziehung sind weiterhin folgende Aspekte zu berücksichtigen:

die Notwendigkeit der Formalisie­rung von Informationspflichten(z.B. Dokumentation von Beobachtungs­daten; regelmäßige Durchführung von Teamkonferenzen und Fallbe­sprechungen). Dies führt zu einem nicht unbedeutenden Mehraufwand an Arbeit für Erzieher und Thera­peuten, muß jedoch als eine grundle­gende Voraussetzung ‚kontrollierter

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG 1/1986

Praxis in der Heimerziehung ange­sehen werden.

Gemeinsames Handeln von Erzie­hern und Therapeuten vervielfältigt die Reibungspunkte zwischen ihnen. Dadurch erhöht sich der notwendige Aufwand an Abstimmung. Zusätzlich ergibt sich daraus die Notwendigkeit Aufgaben, Kompetenzen und Wei­sungsbefugnis deutlich zu bestim­men. U.E. sollte der Therapeut in bestimmten kritischen Lebensstatio­nen eines Therapiekindes auf seine durch Expertise begründete Wei­sungsbefugnis nicht verzichten.

Auch bei Erziehern und Therapeu­

ten muß mit wechselseitigen Kontroll­ängsten gerechnet werden, zumal die gegenseitige Information und Zu­sammenarbeit auch zur Offenbarung persönlicher und fachlicher Schwä­chen führen kann.

Diese Probleme verweisen auf die

Notwendigkeit fachlicher Supervision und gegenseitiger Weiterbildung und Anleitung, die ebenfalls nur mit einem gewissen Aufwand an Perso­nal, Zeit und Finanzen realisierbar sind.

Reduzierung therapeutischer Vielfalt

Es ist sinnvoll zu bedenken, daß die Durchführung eines therapeutischen Programms immer mit einer Reduzie­rung der therapeutischen Vielfalt verbunden ist. Die Möglichkeiten und Einschränkungen eines Programms soll­ten daran gemessen werden, ob sie letzt­lich der Flexibilisierung und Anreiche­rung des therapeutisch-pädagogischen Problemlösungsprozesses dienlich sind oder ob sie das Handlungsspektrum der Therapeuten und Erzieher unangemes­sen einengen. Gerade dasBaukasten­Prinzip der_verhaltenstheoretisch orientierten Trainingsprogramme((sen­su Petermann(1983) und Petermann/ Petermann(1978)) ermöglicht auf der Basis ausgewiesener theoretischer Grundlagen Flexibilität im Einzelfall, die mit zunehmender Erfahrung des

Therapeuten noch recht unterschiedlich ausgebeutet werden kann. Besonders er­freulich ist dabei der Umstand, daß den Therapieteilnehmern innerhalb der Therapie ausreichend Möglichkeiten zur Entfaltung eigener kreativer Impulse ge­geben werden können, sei dies nun bei der Herstellung eines positiven Gruppenklimas durch gemeinsame Spiele oder aber themenzentriert bei der Erarbeitung von Vorschlägen zur Lö­sung von Konflikten, was durch selbtge­zeichnete Bildergeschichten, Puppen­spiele oder lustige Sketche aufgelockert werden kann. Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, daß Therapeuten mit zunehmender Erfahrung in der Lage sind die wesentlichen Grundlagen der standardisierten Therapieverfahren fle­xibel anzuwenden und die Bestandteile dabei einzelfalladäquat zu variieren.

4. Schlußbemerkung

Die Einführung verhaltenstheoretisch orientierter Behandlungsformen in die Heimerziehung ist ein schwieriger Pro­zeß. Da empirisch abgesicherte allge­meine Erkenntnisse über die Leistungs­merkmale von Heimerziehung und die spezielle Funktion der Therapie in ihr fast völlig fehlen, sind Berichte auskon­trollierter Praxis in Heimen für Prakti­ker besonders hilfreich. Übereinstim­mend heben die 0.a. Autoren hervor, daß verhaltenstheoretische Behand­lungsverfahren in stationären Einrich­tungen der Jugendhilfe erfolgreich ein­geführt werden können. Unter Berück­sichtigung der besonderen Eigenarten der einzelnen Heime und des Wirkungs­zusammenhanges vongelungenem Alltag, Erziehung und Therapie kön­nen sie die Belastbarkeit und Flexibilität der Einrichtungen erhöhen und so letzt­lich den einzelnen Kindern und Jugend­lichen helfen, ihre besonderen Schwie­rigkeiten und Verhaltensprobleme bes­ser bewältigen zu lernen.

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