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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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Verhaltentherapeutische Intervention in der Schulklasse durch Mediatoren: Erfolg mit Symptomverschiebung?

Von Nivardo Ischi und Meinrad Perrez

Im Rahmen einer größeren Mediatorenstudie, in der 40 Lehrer befähigt wurden, mit verhaltensauffälligen Schülern angemessen umzugehen, wurden 9 Einzel­fälle in einer sozialen Mikroanalyse unter dem Aspekt der Symptomverschiebung untersucht. Ein multipler Grundkurvenplan, der behandelte und unbehandelte Verhaltensweisen der 9 Kinder in die systematische Beobachtung einbezog, erlaubte die Klärung, ob bei diesen Interventionen Symptomverschiebungen fest­zustellen seien oder nicht. Das KonstruktSymptom­verschiebung wurde verbindlich operationalisiert. Die Ergebnisse sprechen deutlich gegen das Auftre­ten von Symptomverschiebungen. Das Ausmaß nega­tiver Nebeneffekte nach der therapeutischen Inter­vention ist nicht größer als die natürliche Zunahme unerwünschter Verhaltensweisen während der Kon­trollperiode der Prämessungen. Die positiven Verän­derungen dagegen erweisen sich als stärker als in der Kontrollphase und als die Verbesserung der unbe­handelten Verhaltensweisen.

The mediator counseling system has been imple­mented in one Swiss canton. 40 primary school teachers were instructed to treat disruptive pupils in their own classroom. Nine case studies were specifi­cally observed in this field under the particular con­cern of symptom substitution. The results obtained on a multiple baseline design of treated and untreated behaviors allow us to answer the question: with successful intervention is symptom substitution also evident? The theoretical construct of symptom sub­stitution was clearly operationalized. Our results speak evidently against the occurrence of this phe­nomenon. The degree of negative secondary effects after the treatment is not higher than the natural increase of the undesired behaviors during the control period. The positive treatment effects instead are much more important, than the positive changes during the control period. This is also the case with positive changes of the untreated behaviors after the intervention.

Einleitung

Im Rahmen des Nationalen Forschungs­programmesSoziale Integration war es uns möglich*, ein alternatives schul­psychologisches Beratungskonzept prak­tisch zu erproben. Unsere Zielgruppe wa­ren jene Kinder, die in der Schule dem Lehrer als Problemkinder auffallen und von denen angenommen werden kann, daß ihr Problemverhalten ein Stück weit unter der sozialen Kontrolle der Umge­

* Mit Unterstützung des Schweizerischen Na­tionalfonds zur Förderung der wissenschaftli­chen Forschung. Projekte Nr. 4.135.076.03 und Nr. 4.302.1.79.03.

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bung steht. Wir sind von der speziellen verhaltenstheoretischen Annahme ausge­gangen, daß die mikrosoziale Umwelt, d.h. die sozialen Kontingenzen, einen wesentlichen Faktor für die Anbahnung und Aufrechterhaltung gewisser schuli­scher Verhaltensstörungen darstellt. Auf der institutionellen Ebene haben wir für die Interventionsstruktur das Mediato­renkonzept(Tharp& Wetzel 1969) ge­wählt. Auf der technologischen Ebene stützten wir die Interventionen bei ei­nem Teil der Kinder auf eine Variante des Kontingenzmanagements, nämlich die Methode der differentiellen Beach­tung(vgl. Sajwaj& Dillon 1977). Diese sieht vor, daß der Erzieher gezielt dem erwünschten Kindverhalten die bekräfti­

gende Aufmerksamkeit schenkt. Als Äußerungen der Aufmerksameit kom­men Blickkontakt, ermutigende nonver­bale Zeichen, Lob und ähnliches in Fra­ge. Gleichzeitig soll dem unerwünsch­ten Verhalten konsequent die Zuwen­dung entzogen werden, soweit das mög­lich ist. Bei einem zweiten Teil der Schüler wurde die differentielle Beach­tung mit Selbstkontrollmethoden kom­biniert.

Das zweiteilige traditionelle Beratungssy­stemPsychologe-Problemschüler wur­de in ein dreigliedriges(bzw. vierglied­riges) erweitert: Der Psychologe berät den Lehrer(bzw. die Eltern) des Pro­blemkindes, und dieser versucht unter Anleitung des Psychologen sein Verhal­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XIV, Heft 3, 1988