pien mißachtet, um eine schnelle Auftragsabwicklung zuermöglichen. Es wurden auch monotone, zu keiner höheren Arbeitsleistung führende Aufträge angenommen, nur um die Beziehungen zur Industrie zu verfestigen. Außerdem waren weitere Schritte zur Eingliederung in den normalen Arbeitsprozeß schwieriger geworden, nachdem die Minorität der fähigsten potentiellen Hilfsarbeiter abgeschöpft worden war und die übriggebliebenen Schwerst- und Schwerbehinderten mit der Konkurrenz der Nichtbehinderten in einer immer schlechter werdenden Wirtschaftslage konfrontiert wurden.
Soziale Erziehung und Persönlichkeitsentwicklung
Es wurde erkannt, daß diese Art industrieller monotoner Arbeit oft keine befriedigende Vorbereitung auf die Anforderungen der Industrie geben kann. AuBßerdem bemerkte man, daß viele Schwierigkeiten, die den Behinderten in der offenen Gemeinschaft zu Fall brachten, am Arbeitsplatz gar nicht vorkamen und mit der Arbeit selbst nichts zu tun hatten. Dies führte zu einer Schwerpunktverlagerung und damit von einer“Schulung fürdie Arbeit” zueiner“Schulung für das Leben”.
Die in letzter Zeit in den Anstalten entwicklelten Programme und Techniken waren wegweisend(Günzburg 1974). Sie beschäftigten sich realistisch mit den Schwächen der kaum Lebenserfahrung besitzenden Menschen. Der offizielle Vorschlag, die“Adult Training Centres” zu“Social Education Centres’”” umzubenennen, um damit die neuen Aufgaben zu betonen, führte aber nur in vereinzelten Fällen zu einem Kurswechsel, der überdies oft in unzulänglicher Art durchgeführt wurde.“Social Education”(Günzburg 1968) bezieht sich nicht nur auf einfache Kulturtechniken, sondern auch auf zum alltäglichen Leben gehörende Fertigkeiten. Unter einfachen Kulturtechniken können Tätigkeiten wie z.B. das Unterschreiben, das Lesen von Hinweisen und der Umgang mit kleineren Summen Geld verstanden werden. Zu
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den Fertigkeiten, die zum alltäglichen Leben gehören, zählen das Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, des Telefons und der Post; das Besuchen von Arzt und Krankenhaus; die Freizeitbeschäftigung; das Einkaufen; das Benehmen in der Öffentlichkeit und die Vermeidung von Anstoß erregen, z.B. verfehlen, die Kleidung nach Gebrauch der Toilette zu adjustieren. Viele Untersuchungen, wie z.B. jene mit dem P-A-C Bogen(Günzburg 1963, 1969, 1974) zeigten unerwartet hohe Ausprägungen des ausbaufähigen Könnens bei vielen behinderten Menschen. Weiterhin zeigte sich, daß viele Lücken im Wissen und im Können der Behinderten gerade auf den Gebieten lagen, die für eine erfolgreiche Sozialisierung in der Gemeinschaft beitragen konnten. Damit waren Ansatzpunkte für eine systematische Förderung von Fertigkeiten aufgezeigt worden, die zu erhöhter sozialer Kompetenz führen konnten.
Es dauerte trotz dieser Untersuchungen einige Zeit, bis allgemein akzeptiert wurde, daß die unzureichenden Fertigkeiten der geistig behinderten Erwachsenen nicht dadurch“quasi von selbst” erworben werden können, daß man sie einfach in das Leben hineinwirft. Man erwartete, mit den“Social Education Centres” eine realistische, systematische Förderung dieser mangelhaft ausgeprägten Fertigkeiten erzielen zu können. Auch dies war eine allzu optimistische Hoffnung, die jetzt aus der Perspektive einer jahrelangen Erfahrung als offensichtlich unrealistisch betrachtet werden muß. Man war sich in weiten Kreisen wohl kaum bewußt, daß Sozialerziehung für geistig behinderte Erwachsene, von denen viele oft fast ihr ganzes Leben in der Anstaltsverwahrung verbracht hatten, anders angepackt werden mußte als die Erziehung von normalen Kindern, die in einer normalen Umgebung aufwuchsen. Die Leiter der“Adult Training Centres” waren zum großen Teilehemalige Handwerker. Sie griffen auf die einzige ihnen bekannte Erziehungsart zurück und führten in ihren neubenannten“Social Education Centres” altmodische, in keiner Weise auf neue Erkenntnisse aufbauende Lese-, Rechen- und Schreibklassen ein.
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 1, 1992
Aufgabenorientierte Persönlichkeitsentwicklung
Außerdem wurden diese schulischen Bestrebungen in geschützten Werkstätten durchgeführt, die auf industrielle Arbeitsleistung ausgerichtet waren. Die“Klassen” stellten dadurch eine unliebsame Störung der industriellen Arbeit dar. Eine Folge davon war, daß nur auserwählten Behinderten für wenige““Schulstunden” freigegeben wurde. Die sich daraus ergebenden minimalen“Erfolge” schienen dem Pessimismus der Leiter Recht zu geben, die glaubten, daß der Erwerb von Schulfertigkeiten in dieser späten Phase des Lebens nicht möglich wäre.
Eine oft eingeschlagene Kompromißlösung zwischen dem sogenannten“Arbeitstraining”” und den Erfordernissen der “Social Education” lag darin, dem Arbeitstraining einige schulische“Kurse”, entweder in der Werkstatt oder an‘““normalen” Fortbildungsschulen, hinzuzufügen. Dies schien den“normalen” Entwicklungsgängen zu entsprechen und verlangte nur wenige optische Verbesserungen. Der Kompromiß befriedigte die Behinderten, ihre Eltern und die Mitarbeiterdurch seine Anspruchslosigkeit und dem vermittelten Eindruck der“Normalität”. Eine gezielte Förderung für alle erwachsenen Behinderten blieb jedoch ein Wunschtraum weniger wissenschaftlicher Mitarbeiter. Es gelang nicht, den behinderten Menschen einen weitaus größeren Anteil am Leben zu sichern, als es gegenwärtig trotz des Exodus aus den Anstalten in die offenen Gemeinschaften der Fall war.
Es ist in der Tat kaum gerechtfertigt, Schulfertigkeiten isoliert zu akzentuieren. Der Schwerpunkt der erzieherischen Arbeit muß vielmehr auf der Förderung von“Lebensfertigkeiten” liegen. Diese erleichtern es jedem Menschen, sich im normalen Leben ohne ständige Hilfe zurechtzufinden. Die Verlagerung des Schwerpunktes von den Kulturtechniken auf die praktischen Lebenstechniken hatte gezeigt, daß auch erwachsene Behinderte beachtliche Erfolge erzielen konnten. Das Erlernen von sozialen Fertigkeiten wird beispielsweise durch eine schwere geistige Behinderung, hohes Alter oder einen langen Anstaltsaufenthalt zwar erschwert, aber nicht unmöglich gemacht. Die dokumentierten wissenschaftlichen
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