Zeitschrift 
Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
Seite
6
Einzelbild herunterladen

Untersuchungen wiesen beachtliche Ge­winne in der sozialen Kompetenz der behinderten Menschen aus. Dies zeigte sich sowohl in der Steigerung des allge­meinen Leistungsniveaus(Günzburg 1975, 1981; Morle& Apell 1974) als auch in dernormalen Leistung in ein­zelnen Fertigkeiten(Speake& Whelan 1986).

Das pädagogische/ persönlichkeitsentwickelnde Modell(Modell III)

Unzulänglichkeiten in Werkstätte und Wohnheim

Die Tatsache, daß man jetzt, mitten in der Verwirklichung des Normalisie­rungsprozesses vonMicro-Institutio­nalisierung undNeo-Institutionalisie­rung zu sprechen beginnt, wirft die Fra­ge auf, was falsch gelaufen ist. Eine gewisse Enttäuschung darüber, daß nicht wesentlich bessere Resultate erzielt wur­den, ist unverkennbar. Neben den Pro­blemen, wie z.B. finanzielle Belastun­gen, organisatorische Schwierigkeiten, Schwächen in der Verwaltung alleinste­hender Arbeits- und Wohnstätten, gab es bestimmt noch weitere Gründe, die die gewünschten Erfolge nicht eintreten lie­Ben.

Arbeitsfertigkeiten tragen nicht genü­gend zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Es wurde langsam deutlich, daß das bloße Lehren und Erlernen von Arbeits­fertigkeiten ziemlich ertraglos war. Es führte nur in den wenigsten Fällen zur Integrierung des behinderten Menschen in den normalen Arbeitsmarkt. Die Er­fahrung zeigte außerdem, daß viele mit der Arbeit zusammenhängende Schwie­rigkeiten der Menschen mit einer geisti­gen Behinderung durch geeignetes Trai­ning vermindert werden konnten. Die wirklichen Schwierigkeiten im Integra­tionsprozeß zeigten sich jedoch erst nach der Arbeit, wenn der Behinderte im Um­gang mitnormalen Menschen einfach nicht mithalten konnte und zu oft den Kürzeren zog. Darausrresultierte oft Scheu vor weiterem Umgang mit wenig bekann­

6

Günzburg+ Aufgabenorientierte Persönlichkeitsentwicklung

ten Menschen, und es entwickelten sich häufig neue Verhaltensschwierigkeiten. Es war ja keine neue Erkenntnis, daß eine gute Arbeitsfähigkeit zusammen mit ei­ner ausreichenden sozialen Kompetenz solange keine Gewährleistung für eine erfolgreiche Einordnung in das normale Gesellschaftsleben bieten, wie das per­sönliche Verhalten inakzeptabel ist. An­dererseits hatte man erkannt, daß es schwierig ist, direkt in die Persönlich­keitsentwicklung eines geistig behinder­ten Menschen einzugeifen und hoffte doch, auf indirektem Weg eine Verbes­serung der Situation zu erreichen. So war z.B. der Aggressionsabbau durch Ver­minderung von Minderwertigkeitsgefüh­len ein guter zusätzlicher Grund für das Lehren von sozialen und schulischen Fer­tigkeiten. Die Förderung der Persönlich­keitsentwicklung(personalisation) wur­de als Folge des Erlernens von Lebens­fertigkeiten(socialisation) unter norma­len Lebensbedingungen(normalisation) gesehen. Dies schien die Grundlage für eine durchaus realisierbare Vorgehens­weise zu sein, deren Ziel die Menschen selbst waren und nicht nur ihre Arbeits­weise, ihre Kulturtechniken, ihre sozia­len Techniken oder ihre Lebensbedin­gungen(Günzburg& Günzburg 1973).

Das in den Adult Training Centres statt­findende Arbeitstraining ist keineswegs so erfolgreich, wie es ursprünglich ge­plant war. Es verfehlt oft, das Selbstbe­wußtsein der Behinderten zu heben. Die­se sind sich ihrer mangelnden Fähigkei­ten bewußt und erkennen, daß sie mit den anderen Arbeitern nicht Schritt halten können(Szivos 1990). Das soziale Trai­ning, das ebenfalls im Training Center stattfindet, scheint, selbst wenn es mit mehr Nachdruck und Effizienz gegeben wird, dochnicht mehrals ein Schulgegen­stand zu sein. Die wenigen im Arbeitstag dafür zur Verfügung stehenden Stunden sind, in Anbetracht der geistigen Behin­derung, ungenügend, und der Nach­holbedarf der Behinderten ist zu groß. Das eigentliche Ziel der Förderarbeit, dem Behinderten eine wesentlich besse­re Lebensqualität zu ermöglichen, kann dadurch nicht erreicht werden. Lebens­qualität setzt sich nicht allein aus besse­ren Wohnstätten und höheren Löhnen

zusammen. Vielmehr wird darunter das Gefühl des Menschen subsumiert, daß sein Beitrag zur Gesellschaft von ande­ren anerkannt wird und daß die von ihm benötigte Hilfe nicht wesentlich über der normaler Menschen liegt.

Keine wesentlichen Unterschiede zwi­schen Modell I und Modell II. Genau betrachtet unterscheidet sich die jetzt vorliegende Situation nicht sehr von den Bestrebungen, die das Ende derrefor­mierten Anstalten(Modell I) charakte­risieren. Auch damals vermittelten die industriellen Werkstätten des Kran­kenhauses in Verbindung mit der Indu­strie denPatienten eine gewisse Ar­beitserfahrung. Auch damals wurden die Lücken in der sozialen Kompetenz dia­gnostiziert und fehlende Fertigkeiten systematisch mit realistischen Methoden gefördert. Auch damals war man zu dem Schluß gekommen, daß dies erfolgrei­cher im Kontext normaler Lebenssitu­ationen in der offenen Gemeinschaft durchgeführt werden konnte und einige Anstalten organisierten Wohnheime au­Berhalb der Anstaltsmauern. Diese An­satzpunkte sind in der neuen Normalisa­tionsperiode aufgegriffen und dupliziert worden. Sie sind mit größerem Nach­druck weithin realisiert worden. Doch haben sie zu keiner weiteren Entwick­lung für die große Mehrzahl der aus den Anstalten entlassenen Menschen geführt. Wenn man die Arbeit derreformierten Krankenhäuser mit Recht als unzuläng­lich betrachtet hat, kann man die jetzi­ge auf die Gemeinschaft verlagerte För­derarbeit kaum anders beurteilen. Der Grund hierfür liegt darin, daß die glei­chen Schwierigkeiten, die es den Anstal­ten unmöglich machten, aufgabenorien­tierte Förderungsarbeit durchzuführen, weiterbestehen. Die größte Schuld liegt nichtbeiderungenügenden Finanzierung, sondern bei den Schwierigkeiten, die sich aus der Vielfalt der Ansprüche und An­gebote verschiedener Mitarbeiterdis­ziplinen ergeben. Außerdem haben die Mitarbeiter selten die Bereitschaft, den Willen und die moralische Verpflich­tung zur Förderung, die notwendig wä­ren um einen einheitlichen Kurs auf allen Förderebenen durchzuführen. Daraus

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVIII, Heft 1, 1992