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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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resultiert eine Vielzahl von Förderange­boten, die nebeneinander, aber nicht mit­einander und in der Praxis oft sogar ge­geneinander vorgehen. Die derzeitige ge­trennte Organisation von Werkstätte und Wohnheim, die beide ihre eigenen Wege gehen und es dadurch verfehlen, den Weg zum Ziel gemeinsam zu verfolgen, ist hierfür ein gutes Beispiel.

Nachholbedarf von versäumter nor­maler Lebenserfahrung.Normalisa­tion am Arbeitsplatz ist vermutlich mehr oder weniger erreicht worden. Ein ver­mehrtes sogenanntes Arbeitstraining ist in vielen Fällen kaum vertretbar. Außer­dem bedarf es für das Leben außerhalb der Arbeitsstätte wesentlich mehrsocial know-how, als einige Stunden schuli­schen Unterrichts oder ein Leben in ei­nem Gruppenheim vermitteln kann. Den behinderten Menschen fehlen jedoch Lebenserfahrung und Lebenspraxis, die von normalen Menschen in einem nor­malen Elternhaus unmerklich, aber oft sehr systematisch jahrelang tagtäglich absorbiert werden. Demnach müßte das normale Heim für geistig behinderte Erwachsene nicht nur für das Ausruhen nach Schule oder Arbeit dienen, sondern sollte auch ein Übungsplatz für das Ler­nen und Praktizieren von Lebensfertig­keiten sein. Lebensfertigkeiten, die bis­her nicht erlernt wurden und die der Behiderte nirgendwo anders erlernen kann. Das neue Modell(Modell III) für die Persönlichkeitsförderung von behin­derten Menschen muß daher auch das Heim selbst, parallel mit der Werkstatt, als Erziehungsstätte benutzen. Außer­dem muß das neue Modell besondere Methoden bereitstellen, die trotz eines systematischen Vorgehens die wertvolle Heimatmosphäre nicht mißbrauchen. Heim und Werkstätte müssen, obwohl sie verschiedene Aspekte betonen, eng zusammenarbeiten, um gemeinsame Förderpläne zu verwirklichen. Dies hat die Anstalt aus internen Gründen nie­mals realisieren können, und das ist auch jetzt in der offenen Gemeinschaft aus den verschiedensten Gründen nicht durchge­führt worden. Die Integration zu einer systematischen Förderarbeit durch diese zwei pädagogisch tätigen Förderbereiche

Günzburg

stellt eine neue optimale Gelegenheit für die Persönlichkeitsentwicklung dar, die weder in England noch anderswo genü­gend genützt wird.

Der neue Weg strebt mit gezielter För­derarbeit direkt im Wohnheim auf Persön­lichkeitsentwicklung hin. Er hat gezeigt, daß gerade durch die Komponente der programmierten Arbeit eindrucksvolle Ergebnisse erreicht werden können(Felce & Toogood, 1988; Felce, 1989). Diese Arbeit kann aber noch wirksamer durch­geführt werden, wenn die Arbeitsstät­te selbst in das individualisierende Pro­gramm einbezogen wird. Dieses Pro­gramm wird für jeden einzelnen Behin­derten festgelegt, regelmäßig kontrol­liert und revidiert.

Einige Voraussetzungen für wirksame Zusammenarbeit

Überprüfung von Lehr- und Lernge­legenheiten. Es ist heutzutage selbstver­ständlich, die individuellen Förderpläne für behinderte Menschen auf genaue und detaillierte Untersuchungen ihres Kön­nen und Verhaltens aufzubauen. Es ist seltener der Fall, daß dieselbe Vorge­hensweise verwendet wird, um ähnliche Untersuchungen über die Mitarbeiter und den Führungsstil anzustellen. Und dies, obwohl Mitarbeiter, ihre Einstellungen und ihre Methoden bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der Menschen ha­ben, die unter ihrer Obhut stehen(King& Rayes 1968; King et al. 1971; Tizard et al. 1975; Titzard& Tizard 1974; Baker& Urquhart 1987). Erst ganz zuletzt wird vielleicht einmal einige Aufmerksam­keit der Analyse von rein physischen Faktoren wie Wohnungseinrichtung und Lebensstil gewidmet. Dabei können sie viel zum Wohl- oder Unbehagen der Bewohner beitragen und sind bestim­mend für den Eindruck einer Anstalt oder einerNormalwohnung(Morris 1969). Selten gewürdigt wird die Tatsache, daß im Heim selbst eine fast unerschöpfliche Anzahl an Lerngelegenheiten dem be­hinderten Kind und Erwachsenen ange­boten werden kann(Günzbur& Günzburg 1979), durch die ihre Persönlichkeitsent­wicklung und soziale Kompetenz geför­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 1, 1992

* Aufgabenorientierte Persönlichkeitsentwicklung

dert würde. Die geographische Situation eines Wohnheimes, durch die die Be­wohner keine Möglichkeit haben, öffent­liche Verkehrsmittel zu benützen, Frei­zeitbeschäftigungen nachzugehen oder verschiedene Einkaufsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen, wird schon allein aus diesem Grunde die Entwicklung zur Selbständigkeit weitgehend behindern. Wenn die Wohnheimleitung außerdem durch zu viele Vorsichtsmaßnahmen die Lerngelegenheiten einesnormalen Le­bens nicht bietet, wie z.B. in der Küche mit Messern zu hantieren oder sich ein Bad einzulassen, dann werden die Ziele derNormalisierung weitgehend miß­achtet, und die gefürchtete Mikroinstitu­tionalisation entwickelt sich unmerkbar. Aus diesem Grunde ist es unbedingt er­forderlich, daß die Stärken und Schwä­chen des Wohnheimes und der Wohn­heimleitung durch eine systematische Überprüfung offengelegt werden.Erst dann kann zeitgerecht Abhilfe geschaf­fen werden. Grundlagen für eine objekti­ve Erfassung dieser Faktoren können durch einen Test gewonnen werden, der das Wohnheim und Management genau so überprüft wie die üblichen Tests die Fähigkeiten und den Fortschritt von Per­sonen erfassen. Dies leistet zum Beispiel die LOCO Analyse(Günzburg& Günz­burg 1987; 1989).

Die Ausnützung von Lehr- und Lern­gelegenheiten. So eine Untersuchung wurde in zwölf Wohnheimen in England und Schottland durchgeführt. Sie zeigte, daß ein beträchtlicher Anteil der Heime nicht genügend von den gebotenen Lerngelegenheiten Gebrauch machte, die innerhalb der Heime oder in deren unmit­telbarer Umgebung zu finden sind. Die folgenden Beispiele dienen der Veran­schaulichung der Untersuchungsergeb­nisse. In sechs Heimen stand die Heimkü­che für die Benutzung durch die Bewoh­ner nicht immer offen. Den Bewohnern von vier Heimen wurde das ihnen zuste­hende Geld nicht ausgezahlt, sondern regelmäßig gespart. In zwei Heimen durf­ten die Bewohner sich nicht selbst bei Tisch bedienen oder ihre eigene Schla­fenszeit bestimmen. Und in neun Hei­men hatten die Bewohner kein freies

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