Herbert Goetze& Uta Gatzemeyer+ Verhaltenssgestörtenpädagogik im Spiegel der Fachzeitschriftenliteratur
1. Wie breit ist in den Fachzeitschriften die Verhaltensgestörtenpädagogik im Vergleich zu anderen Fachrichtungen vertreten? Gibt es jahresabhängige Schwankungen in den Frequenzen?
. Welche Themen und Inhalte sind in den Fachorganen repräsentiert bzw. nicht repräsentiert?
3. Welchen Stellenwert hat die empirische Forschung innerhalb der deutschsprachigen Fachzeitschriftenliteratur? Sind ab- oder ansteigende Trends über das vergangene Jahrzehnt zu verzeichnen?
4. Gibt es Unterschiede zwischen den Fachzeitschriften bezogen auf die Frequenz, mit der Themen der Verhaltensgestörtenpädagogik publizistisch in Erscheinung treten?
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Um die angeschnittenen Fragen beantworten zu können, wird es notwendig sein, das gesamte Zeitschriftenmaterial zu sichten und auszuwerten. Dabei müssen wir uns darüber im klaren sein, daß unser Vorgehen methodische Probleme aufwirft. Jackson(1980) hat solche Methodenprobleme für Arbeiten mit dem Ziel einer integrativen Zusammenschau (“integrative review”) herausgestellt und betont, daß über Methoden, Techniken und Vorgehensweisen eigentlich kaum fundiertes Wissen vorliegt; bisher wird eher“impressionistisch”, also den eigenen Kriterien des Autors folgend, vorgegangen. Meist wird die verwendete Methode weder begründet noch von theoretischen Gesichtspunkten abgeleitet. Zumindest die Methode, wie denn zu neuen Erkenntnissen aufgrund vorhandener Wissensbestände gelangt werden soll, ist nach Jackson(1980) zu reflektieren und zu begründen, was im folgenden kurz geschehen soll:
Unsere Inhaltsanalyse wird in methodischer Sicht qualitative und quantitative Methoden einbeziehen müssen; denn die vorzunehmende Konzeptionalisierung der schriftlichen Niederlegungen ist aufgrund vorfindbaren Fachwissens nicht Ohne weiteres aus theoretischen Gesichtspunkten ableitbar und kann auch nicht auf dem Hintergrund logisch explizierter, allgemein anerkannter Regeln geleistet werden, da diese nicht vorliegen. Es han
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deltsich vielmehr um ein Konstruktionsproblem, das gegenwärtig nur mit Hilfe qualitativer Methoden lösbar ist. Auch die Frage, wie denn das Zustandsbild der Verhaltensgestörtenpädagogik im Lichte der Zeitschriftenliteratur aussehen sollte, ist als normativer Aspekt empirisch nichtentscheidbar. Dazu sind möglicherweise Erkenntnisse einer vergleichenden Verhaltensgestörtenpädagogik undallgemeinen Pädagogik nutzbar zu machen. Quantitativ ausdrückbar dagegen sind Probleme der Zuverlässigkeitsüberprüfung des verwendeten Kategoriensystems sowie der mengenmäßigen Verteilung der Arbeiten über noch zu definierende Themenschwerpunkte. Die intersubjektive Überprüfbarkeit unserer Schlußfolgerungen ist aufgrund der Zugänglichkeit des veröffentlichten Materials und damit einer möglichen Replikation gegeben.
Zunächst sollen die ausgewählten Fachzeitschriften vorgestellt, anschließend die Entwicklung des verwendeten Kategoriensystems dargelegt werden. Schließlich werden Einzelergebnisse zur Repräsentanz von Themen der Verhaltensgestörtenpädagogik innerhalb der Fachzeitschriften mitgeteilt und auf die Fragestellung hin interpretiert.
Vorstellung der einbezogenen Fachzeitschriften und begründete Auswahl von Beiträgen
In diese Untersuchung sind alle Fachzeitschriften einbezogen worden, die im deutschsprachigen Bereich von überregionaler Bedeutung sind und im Bereich der Verhaltensgestörtenpädagogik als anerkannte Publikationsorgane gelten. Aus Vergleichbarkeitsgründen nicht aufgenommen werden entsprechend Publikationsorgane mit geringerer Verbreitung(z.B.“Sonderschule in Niedersachsen”,“Sonderschule aus Österreich”) und, aus Gründen ideologischer Vorgeprägtheit, inhaltlicher Vorzensierung und damit fachlich geringeren Geltungsanspruches Zeitschriften der ehemaligen DDR(v.a.“Die Sonderschule”). Bei den in diese Untersuchung einzubeziehenden Fachzeitschriften handelt es sich um:
— Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete Sonderpädagogik
— Zeitschrift für Heilpädagogik Heilpädagogische Forschung
— Behindertenpädagogik.
Im folgenden werden diese Publikationsorgane kurz charakterisiert, indem die Herausgeber benannt, der inhaltliche Aufbau, die Ziele vorgestellt und die für diese Analyse relevanten Rubriken (meist:“Artikel”) herausgestellt werden. Sog. Beihefte, die zu besonderen Anlässen erschienen sind, bleiben dabei außer Betracht, weil sie den Charakter des Periodikums sprengen und z.T. als eigenständige Publikationen zu besonderen Themen erscheinen.
Die Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete(VHN) ist bis 1982 vom Institut für Heilpädagogik Luzern/Schweiz unter Eduard Monalta herausgegeben worden. Während seiner Herausgeberschaft hat sie sich folgendermaßen gegliedert: Grußworte, Artikel, Berichte, Terminkalender, Buchbesprechungen.
In unsere Analyse werden nur die“Artikel”(Originalarbeiten) eingehen, denn fachrelevante Inhalte sind in den anderen Kategorien nicht auffindbar. 1983 ging die Herausgeberschaft an das Fribourger Universitätsinstitut unter Urs Haeberlin über, wobei sich die Gliederung der Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete änderte: Impulse, Beiträge, Forschungs- und Erfahrungsberichte, Jahresberichte, Berichte, VAF Mitteilungen(VAF=“Vereinigung der Absolventen des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg”). Wir haben“Beiträge” und“Forschungs- und Erfahrungsberichte” in unsere Untersuchung aufgenommen. Zielsetzung der Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete ist es, alle Bereiche der Heilpädagogik in Theorie und Praxis zu berücksichtigen.“Entsprechend ihrer Zielsetzung hat dieses Fachorgan die Nachbargebiete stets angemessen berücksichtigt und sich, sowohl um die Integration der Wissenschaften vom Menschen, als auch nachdrücklich um die heute überall geforderte Interdisziplina
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVIII, Heft 1, 1992