Zeitschrift 
Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
Seite
16
Einzelbild herunterladen

Herbert Goetze& Uta Gatzemeyer+ Verhaltenssgestörtenpädagogik im Spiegel der Fachzeitschriftenliteratur

geordnet werden kann, wird er da ein­gruppiert, wo sein qualitativer(= Stand­ort der Fragestellung) bzw. quantitati­ver(= Umfänglichkleit des Materials) Schwerpunkt liegt. Jeder Beitrag ist also nur einer Kategorie zuzuordnen, so daß Mehrfachnennungen vermieden wer­den.

Um sicherzustellen, daß das so gefunde­ne Kategoriensystem ein Minimum an Reliabilität aufweist, ist eine Zuverläs­sigkeitsüberprüfung durchgeführt wor­den. Dazu ist eine systematische Stich­probe aus den 283 vorliegenden Artikeln in der Weise gezogen worden, daß jeder zehnte Beitrag(geordnet nach Jahrgang und Zeitschrift) in die Auswahl kam. Somit sind in die Reliabilitätsüberprü­fung 10% der Artikelgesamtheit aufge­nommen worden. Diese Stichprobe ist fünf Experten der Sonderpädagogik mit der Bitte vorgelegt worden, die Artikel dem Kategoriensystem zuzuordnen. Die fünf Experten erzielten folgende Einzeltrefferquoten: 96.4%; 96.4%; 100%; 78.6%; 96.4%. Die mittlere Tref­ferquote von 93.6% weist eine akzepta­ble Reliabilitätshöhe aus. Deshalb darf angenommen werden, daß von einer zweifelsfreien Zuordnung der aufge­fundenen Artikel in das verwendete Ka­tegoriensystem auszugehen ist.

Einzelergebnisse der Inhaltsanalyse

Quantitative Verteilung der Arbei­ten bezogen auf die untersuchten Zeitschriften und Zeiträume

Die quantitative Verteilung der in den untersuchten fünf Publikationsorganen veröffentlichten Arbeiten läßt sich aus Tabelle 1 ablesen. Sie enthält also die drei Aspekte

1. Gesamtanteil von Arbeiten der Ver­haltensgestörtenpädagogik an der Ge­samtheit der veröffentlichten Arbei­ten,

2. Verteilung der fachspezifischen Ar­beiten auf die fünf Organe sowie

3. Anteil empirischer Arbeiten.

Tab. 1: Zahl der veröffentlichten Arbeiten zur Behinderten- und Verhaltensgestörtenpädagogik in den Zeitschriften sowie Anteil empirischer Arbeiten

N n% VHN 226 53 23% SP 141 36 25% ZH 476 97 20% HF 174 38 22% BHP 204 59 29% Summe 1221 283 23%

n-emp.% 9 17% 7 19% 20 21% 20 53% 4 7% 60 21%

N= Zahl aller sonderpädagogisch relevanten Artikel; n= Zahl aller Artikel, die die Verhaltensgestörten­pädagogik betreffen; n-emp= Zahl der empirisch orientierten Artikel in der Verhaltensgestörtenpäd­agogik; VHN= Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete; SP= Sonderpädagogik; ZfH= Zeitschrift für Heilpädagogik; H= Heilpädagogische Forschung; BHP= Behindertenpädagogik

ad 1. Als erstes Ergebnis ist festzuhal­ten: Insgesamt 283 Artikel der erschiene­nen!227 Arbeiten sind im weiteren Sin­ne der Verhaltensgestörtenpädagogik zuzuordnen. Diese Zahl entspricht einem Prozentanteil von etwa 23%. In einer absoluten Zahl ausgedrückt erscheinen durchschnittlich pro Jahr 28 Arbeiten zur Verhaltensgestörtenpädagogik. Dieses quantitative Gewicht kann im Kontext von neun sonderpädagogischen Fachrich­tungen unterschiedlich interpretiert wer­den:

Im Sinne eines Gleichverteilungspo­stulates gehen Themen der Verhaltens­gestörtenpädagogik unerwartet hoch ein. Im ökologischer Sichtweise dagegen kann dieses Gewicht kaum befriedigen, unter­stellt man, daß Phänomene der Verhal­tensgestörtenpädagogik in alle sonder­pädagogischen Kontexte einfließen.

ad 2. Zwischen den Zeitschriften schei­nen keine extremen Unterschiede hin­sichtlich der Repräsentanz von Themen der Verhaltensgestörtenpädagogik zu bestehen; lediglich bei der Behinderten­pädagogik gibt es mit 29% eine größere Häufigkeit des Auftretens fachspezifi­scher Themen, was leicht durch den An­spruch, gesellschaftliche Zusammenhän­ge aufzuzeigen, interpretiert werden kann. Das andere Extrem stellt die Zeitschrift für Heilpädagogik mit 20% dar. Das ge­ringere Gewicht in der Zeitschrift für Heilpädagogik ist wohl im Sinne einer Konsumentenorientierung damit zu er­klären, daß die Abnehmer vorwiegend Lehrkräfte sind, die an Sonderschulen v.a. für Lernbehinderte, unterrichten;

Schulen für Verhaltensgestörte und da­mit die in ihnen arbeitenden Lehrkräfte fallen da kaum ins Gewicht.

ad 3. Der Anteil empirisch orientierter Arbeiten beträgt im Gesamtdurchschnitt 21%. Pro Jahrentspricht daseiner Durch­schnittsgröße von acht Arbeiten. Diese Zahl deutet auf eine deutliche Unterre­präsentanz empirischen Arbeitens hin. Offensichtlich haben andere methodi­sche Zugänge zu Gegenständen der Ver­haltensgestörtenpädagogik im deutsch­sprachigen Bereich ein viermal höheres Gewicht. Ideologiekritik und Positivis­musstreit der vergangenen Jahrzehnte scheinen sich in weitgehender Abstinenz empirischen Vorgehens ausgewirkt zu haben. Wissenschaftstheoretisch zu recht­fertigen ist dieses Ungleichgewicht in keiner Weise. Modelle, Konzepte, Hy­pothesen müßten auch in der Verhaltens­gestörtenpädagogik einer empirischen Überprüfung zugänglich gemacht wer­den, was gegenwärtig kaum vorkommt. Allerdings ist zwischen den Zeitschriften eine große Variationsbreite zu beobach­ten:

Behindertenpädagogik(mit 7%) und Heilpädagogische Forschung(mit 53%) sind extreme Gegensätze, was die Ver­wendung empirischer Methoden in den veröffentlichten Arbeiten betrifft. Daß in der Behindertenpädagogik empirische Arbeiten eher selten vorkommen, kann mit der ideologiekritischen Tradition, welche mitunter eine explizite Ableh­nung von Empirie beinhaltet, erklärt werden. Der 53%-Anteil in der Heilpäd­agogischen Forschung könnte als erfreu­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVIII, Heft 1, 1992